Olaf Köller ist Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Er leitet die neue Berliner Kommission zur Verbesserung des Schulsystems. Foto: picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa
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Neue Schulkommission in Berlin "Reformen müssen jetzt bei den Schülern ankommen"

Olaf Köller soll die neue Kommission zur Verbesserung des Berliner Schulsystems leiten. Hier erklärt er, was er vorhat - und was man von Hamburg lernen kann.

Herr Köller, Sie werden in Berlin künftig eine Kommission zur Verbesserung des Schulsystems leiten. Was haben Sie vor?

Erst einmal möchte ich feststellen, dass das Qualitätspaket, das jetzt auf den Weg gebracht ist, wichtige Voraussetzungen geschaffen hat, um eine Qualitätssteigerung in Berlin im Bildungsbereich hervorzubringen. Ein Beispiel: Die Stundenzahl für den Deutschunterricht soll gesteigert werden. Das Gleiche gilt für Reformen der letzten Jahre, etwa in der Lehrerbildung. Jetzt wird es in der Arbeit sehr stark darum gehen, wie diese günstigen strukturellen Voraussetzungen auch wirklich so umgesetzt werden, dass es bei den Kindern und Jugendlichen ankommt.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Etwa wenn es um zusätzlichen Sprachunterricht geht: Welche Unterrichtsinhalte sind damit verbunden? Wie wird auf besonders starke und schwache Schüler eingegangen, wie sehen Professionalisierungsmaßnahmen der Lehrerinnen und Lehrer konkret aus, was wird konkret in der vorschulischen Förderung gemacht? Wir werden auch Ratschläge geben, wie man diese Angebote weiter verbessern kann.

Ein Grundproblem in Berlin ist, dass es nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte gibt. Was kann man für Maßnahmen ergreifen, die auch ohne zusätzliche Lehrer wirksam sind?

Entscheidend wird auch dort sein: Strukturen schaffen, um Quer- und Seiteneinsteiger vernünftig nachzuprofessionalisieren – und zwar im fachdidaktischen und pädagogischen Bereich. Fachlich sind sie ja meistens gut. Dafür gibt es Beispiele in anderen Ländern. Berlin wie auch andere Länder haben das Problem, dass sie massenhaft Lehrkräfte benötigen. Wenn keine qualifizierten auf dem Markt sind, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf Quereinsteiger zu setzen.

Ein großes Vorbild in der Schulpolitik ist Hamburg. Dort waren sie ebenfalls beratend tätig. Als ein Grund für den Aufstieg Hamburgs gilt, dass die Stadt seit langem in jedem Jahr und in jeder Klassenstufe Lernstandserhebungen der Schülerinnen und Schüler durchführt. Ist das wirklich die Zauberformel zum Erfolg?

Nein. Alleine das Erheben des Lernstandes sichert keine verbesserten Lernergebnisse. Die Schlussfolgerungen und Maßnahmen, die man aus die Ergebnissen zieht, sind entscheidend. Die Tests zielen oft stark auf Förderbedarfe ab, und Hamburg hat dann entsprechende Programme umgesetzt, um die betreffenden Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern.

Hamburg hat zum Beispiel die Stundenzahl in der Grundschule auf 25 in der Woche erhöht. Berlin ist derzeit das Land mit der geringsten Wochenstundenanzahl in der Grundschule, nämlich 20. Scheeres will das jetzt auch erhöhen, aber nur auf 21. Reicht das?

Wenn man beliebig die Stundenzahl erhöht, vergrößert sich das Problem des Lehrkräftemangels. Das muss man also längerfristig denken. Ich sehe aber schon, dass in den Ländervergleichen in der Regel die Länder besser abschneiden, die in der Grundschule gerade in Deutsch und Mathematik eine höhere Stundenzahl haben. Längerfristig muss bei 21 also die Decke nicht erreicht sein.

Sie haben für Hamburg vor allem Vorschläge zum Mathe-Unterricht erarbeitet. Eine Empfehlung ist, das mathematische Verständnis schon in der Kita zu fördern. Würden Sie das auch Berlin empfehlen?

Für Berlin wie für alle Länder gilt, dass in der Vergangenheit der Schwerpunkt in der Kita auf die Sprachförderung gelegt wurde. Das war auch richtig so, weil man gerade als Stadtstaat ein Sprachproblem durch die vielen Kinder mit Migrationshintergrund hat. Das muss man jetzt erweitern und die Mathematik mitdenken.

In Berlin müssen Kinder ohne Deutschkenntnisse anderthalb Jahre vor Schulbeginn fünf Stunden am Tag die Kita besuchen, um die Sprachkenntnisse zu verbessern. Müsste das ausgeweitet werden – in Frankreich etwa hat Präsident Macron eine dreijährige Kita-Pflicht durchgesetzt.

Bei den Über-Dreijährigen haben wir da kaum ein Problem, weil über 95 Prozent eine Kita besuchen. Es bleiben aber die Fragen, wie Sprachförderung in den Kitas stattfindet und wie qualifiziert das Personal ist. Hamburg ist den Weg gegangen, dass alle Kinder verpflichtend mit fünf in die Vorschule müssen, die mit viereinhalb Jahren in der Sprachstanddiagnostik auffällig werden.

Wen wollen sie alles in ihre neue Kommission einbeziehen?

Das ist alles noch nicht in Stein gemeißelt, das wird mit der Senatorin noch abgestimmt. In Hamburg hatten wir auf der einen Seite eine Expertenkommission, in der im wesentlichen Fachdidaktiker und Bildungsforscher saßen. Und wir hatten eine Gruppe, in der das Landesinstitut, Schulvertretungen, Elternvertreter saßen. Wir haben Anhörungen mit Hochschullehrern und Lehrerverbänden durchgeführt. Ich kann mir gut vorstellen, dass man in Berlin eine Struktur findet, die alle Interessensgruppen einbindet.

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