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Ein zerstörtes jüdisches Geschäft nach den Novemberpogromen 1938, die sich am 9. November jähren.  Foto: picture alliance/KEYSTONE
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Nationalsozialismus Ein Theologe als geistiger Mittäter

Manfred Gailus

Der Fall des evangelischen Hochschullehrers Gerhard Kittel zeigt exemplarisch christlichen Antisemitismus in der NS-Zeit.

„Ich habe nicht einem Juden auch nur ein einziges Haar gekrümmt“, das beteuerte der gläubige evangelische Christ und Experte des antiken Judentums, Gerhard Kittel, einer der einflussreichsten Theologen der Hitlerzeit, in seiner 1946 verfassten Rechtfertigungsschrift „Meine Verteidigung“. 

Im direkten Wortsinn wird man ihm recht geben müssen, denn zweifellos hatte sich Kittel nicht unmittelbar gewalttätig gegenüber Juden im „Dritten Reich“ verhalten. Im übertragenen Wortsinn indessen ist seine Beteuerung aus früher Nachkriegszeit in Zweifel zu ziehen.

 Der renommierte Tübinger Hochschullehrer war ein theologischer Schreibtischtäter, der mit etlichen seiner Schriften, mit Vorträgen und dubiosen „Gutachten“ sowie anderen Aktivitäten erheblich zur Diskriminierung und Verfolgung von Juden während der NS-Zeit beitrug.

Christliches Bekenntnis und Antijudaismus

Insofern stimmt das heute oft zu hörende Wort prominenter Protestantinnen und Protestanten nicht, dass ein Christ nicht zugleich Antisemit sein könne. Bei Gerhard Kittel, der aus dem schwäbischen Pietismus stammte, gingen christliches Bekenntnis, leidenschaftlicher theologischer Antijudaismus und veritabler völkischer Antisemitismus sehr wohl zusammen.

Geboren 1888 in Breslau als Sohn des namhaften Alttestamentlers Rudolf Kittel, wuchs Gerhard Kittel in Leipzig auf: humanistisches Gymnasium, Studium der Evangelischen Theologie und Orientalistik, Examen 1912, Promotion 1913 und – man staunt – im gleichen Jahr Habilitation in Kiel mit Lehrbefugnis für Neues Testament. Unverkennbar trat er in die Fußstapfen seines berühmten Vaters.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die Musterkarriere. Kittel amtierte als Marinefeldgeistlicher in Cuxhaven und schloss sich 1917 der Deutschen Vaterlandspartei an. Nach erster Professur für Neues Testament in Greifswald folgte 1926 die Berufung auf den renommierten Lehrstuhl Adolf Schlatters in Tübingen. 

Das Jahr des Machtantritts Hitlers gedieh für Kittel, wie für so viele Evangelische, zu einem emphatischen protestantischen Erlebnis. Kittel schloss sich in Tübingen der völkisch-christlichen Massenbewegung der Deutschen Christen an und trat am 1. Mai in die NSDAP ein.

Das Neue Testament als antijüdisches Buch

Seine politische Hochstimmung kam in seiner Schrift „Die Judenfrage“ zum Ausdruck. Der gläubige Christ sprach darin vom „Sinn unseres antisemitischen Kampfes“ und meinte, auch der Christ müsse seinen Platz in dieser Kampffront haben. Das Neue Testament deutete der Theologe nun als das „antijüdischste Buch der ganzen Welt“. 

Kittel beklagte eine unheilvolle „Blut- und Rassenmischung“ in Deutschland und erkannte darin ein „Gift“, das die „Zersetzung“ des deutschen Volkes seit der Judenemanzipation des 18. Jahrhunderts bewirkt habe. 

Das müsse durch harte völkische Politik korrigiert werden. Die Taufe, meinte der Theologe, verwandle das „Judesein“ übertrittswilliger Juden nicht. Kittel votierte schon 1933 aus völkischen Motiven für ein Verbot christlich-jüdischer Mischehen. 

Er grenzte sich vorsichtig von einem kruden Rassenantisemitismus ab und trat für einen ‚besseren', einen wissenschaftlich fundierten und christlich inspirierten Antisemitismus ein.

Kittels Werk war vielseitig. Zentrum seines wissenschaftlichen Wirkens war das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT), dessen erste vier Bände (1933-1942) unter seiner Direktion erschienen. Dieses Lexikon gewann rasch hohe internationale Anerkennung und brachte dem Tübinger Theologen Einladungen zu Vorträgen in Cambridge (1937) ein.

Generationen von Studentinnen und Studenten der Theologie haben mit dem erst 1979 zum Abschluss gelangten Wörterbuch gearbeitet. Die Frage, inwieweit sich Antijudaismus und Antisemitismus in den Beiträgen dieses gelehrten Werks niedergeschlagen haben, wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. 

Die jüngste Studie des Paderborner Theologen Martin Leutzsch resümiert, das ThWNT sei durchgängig von theologischem Antijudaismus durchdrungen, dezidierter Antisemitismus finde sich indessen nur marginal.

Offenbar hatte Kittel hier Filter eingebaut, um den wissenschaftlichen Wert des Werks nicht zu mindern. Kennzeichnend für die unter Kittels Leitung entstandenen Bände sei ein christliches „Überlegenheitsnarrativ“ gegenüber dem Judentum. Ganz im Sinne einer christlichen Substitutionstheorie werde implizit verkündet, das göttliche Heil des alten Bundes Israel sei auf den neuen, durch Jesus Christus gestifteten Bund übergegangen.

Kollaboration mit dem NS-Regime

Kittels Kollaboration mit dem NS-Regime manifestierte sich durch Mitarbeit in der „Forschungsabteilung Judenfrage“ in dem vom NS-Historiker Walter Frank geführten Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands. 

Auf der zweiten Jahrestagung der Forschungsabteilung (1937) sprach Kittel über die Mischeheproblematik in der Antike. Sein Vortrag endete mit einem Loblied auf die durch die Nürnberger Gesetze verordnete „radikale Ausmerzung des Konnubiums zwischen Juden und Nichtjuden“.

Überdies wirkte Kittel an der Münchener Ausstellung „Der ewige Jude“ mit und war als „Ehrengast des Führers“ zum Nürnberger Reichsparteitag 1938 eingeladen. Für eine dort von Alfred Rosenberg eröffnete Ausstellung „Europas Schicksalskampf im Osten“ steuerte „Judenforscher“ Kittel eine „Wanderungskarte“ des antiken Judentums bei, um die These zu unterstützen, Juden hätten das Römische Reich von innen zersetzt und so zu dessen Untergang beigetragen.

1941 bereitete der Volksgerichtshof einen Schauprozess gegen Herschel Grynszpan vor. Der Pariser Attentäter vom 7. November 1938 befand sich in Haft im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit. Kittel hatte den Auftrag, ein Gutachten für den Prozess zu verfassen und besuchte den Todeskandidaten in der Haftanstalt für ein längeres Gespräch. 

Kittel stellte anschließend einen Zusammenhang zwischen „talmudischer Mentalität“ und dem Gewaltangriff auf den Legationssekretär Ernst vom Rath in der Pariser Botschaft her und interpretierte die Verzweiflungstat eines Siebzehnjährigen als Fanal zu einem jüdischen Angriffskrieg gegen das Deutsche Reich.

Judentum als „Krankheit am deutschen Volkskörper“

Im Oktober 1942 verfasste Kittel eine Denkschrift zur Lage der Judaistik im „Dritten Reich“. Er schildert darin das Judentum als eine „Krankheit am deutschen Volkskörper“, die keine romantisierende Humanisierung oder Idealisierung erlaube. Sobald die Judenforschung aufhöre, „ihren Gegenstand als Ab-Art, als Un-Art, als Krankheit und Pervertierung zu sehen“, vergehe sie sich an ihrer Bestimmung, Dienerin an der Erkenntnis des Echten und Gesunden zu sein. 

Kittel votierte für eine „zielsichere Judaistik“, die imstande sei, die wesenhafte Erscheinung des Judentums zu bestimmen. Auf dieser Grundlage werde es möglich sein, die jüdische Gefahr zu bannen.

Kittel schrieb diese Zeilen im vierten Kriegsjahr 1942, als der Holocaust in vollem Gange war. Nach dem Krieg berichtet er, vom systematischen Judenmord habe er erst zu Jahresbeginn 1943 erfahren, als sein im Kriegseinsatz stehender Sohn auf Heimaturlaub in Tübingen war. 

Es ist anzunehmen, dass der christliche Theologe über diese Nachrichten entsetzt war. Einen tätigen Anteil am Holocaust nahm Kittel nicht. Man kommt allerdings nicht umhin, ihn aufgrund vielfacher antijüdischer Publikationen und Kollaboration mit dem NS-Regime als einen geistigen Mittäter der Judenverfolgung zu bezeichnen.

Am 3. Mai 1945 wurden acht Professoren der Tübinger Universität von der französischen Besatzungsmacht inhaftiert. Zu ihnen gehörte der angesehene Theologe Kittel. Nach über zwei Jahren Gefängnis- und Lagerhaft sowie Zwangsaufenthalt beim Kloster Beuron durfte er im Februar 1948 nach Tübingen zurückkehren. Ein gegen ihn eröffnetes Entnazifizierungsverfahren kam zu seinen Lebzeiten nicht mehr zum Abschluss. Im April 1948 erkrankte Kittel und verstarb am 11. Juli 1948 im Alter von 59 Jahren an einer schweren Krankheit.

Kittel fühlte sich mit sich selbst im Reinen

Nimmt man den Tenor seiner in der Haft verfassten Rechtfertigungsschrift als Maßstab, so starb Kittel nicht an innerer Gebrochenheit, an seelischer Zerknirschung oder einem Übermaß an Scham. Er bekannte Mitschuld an der allgemeinen Katastrophe der Deutschen, individuell indessen fühlte er sich im Großen und Ganzen mit sich selbst im Reinen.

Nicht nur, dass er keinem Juden auch nur ein Haar gekrümmt hätte, zeichnete er nun von sich selbst das Bild eines mutigen christlichen Bekenners in der NSDAP im Widerstand gegen den „Vulgärantisemitismus“. Der württembergische Landesbischof Theophil Wurm, erster Ratsvorsitzender der EKD, unterstützte ihn durch ein theologisches Gutachten: Es habe, so führte er darin aus, zum kirchlich-theologischen Lehrauftrag Professor Kittels gehört, „die göttlichen Ursachen der Verwerfung des Volkes Israel“ aufzuzeigen.

Der „Fall Kittel“ ist jahrzehntelang aktiv beschwiegen worden. Noch in den 1970er Jahren tat sich der bedeutende Tübinger Kirchenhistoriker Klaus Scholder schwer mit dem tabuisierten Thema. Es war seine Assistentin Leonore Siegele-Wenschkewitz, die um 1980 das heikle Thema anpackte. Ihre wissenschaftliche Aufarbeitung in Sachen Kittel sollte sich indessen für ihre akademische Karriere an theologischen Fakultäten nicht als förderlich erweisen. Sie hatte sich zu früh zu weit vorgewagt.

EKD sollte antijüdische Tradition aufarbeiten

Die EKD und die evangelischen Landeskirchen von heute, die sich eindeutig gegen aktuell grassierenden Antisemitismus positionieren, täten gut daran, ihre eigene Tradition von Antijudaismus und Antisemitismus intensiver aufzuarbeiten. Das wäre eine lohnende Aufgabe für die mit Ressourcen gut ausgestatteten Evangelischen Akademien. Es geht dabei nicht allein um den „Fall Kittel“. 

Auch etliche weitere kirchliche Führungspersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wie der prominente Berliner Bischof Otto Dibelius, von 1949 bis 1961 Nachfolger von Bischof Wurm im Amt des Ratsvorsitzenden der EKD, gehören auf den Prüfstand einer zeitgemäßen kirchlichen Erinnerungskultur.

Der Autor ist apl. Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.


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