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Grünes Licht? Das gilt nicht für alle: „Eine Praxis des ‚Angebots' unbefristeter Professuren gibt es nicht“ für Professor:innen auf Zeit, erklärt die FU. Foto: picture alliance/Wolfram Steinberg
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Nachwuchs- und Frauenförderung? "Ein regelrechter Witz" Expertin erfolgreich zum Weggang gezwungen

Der Fall einer Berliner Sinologin zeigt, wie schwer sich Universitäten tun, exzellente Forschende zu halten.

Nur der Wissenschaft verpflichtet, Zeit zum Nachdenken, vom Staat gut alimentiert. Das ist das Bild, das sich die Öffentlichkeit hierzulande von Professor:innen macht. Doch nicht alle sind verbeamtet. Zwar ist die Zahl der Professuren auf Zeit in den meisten Bundesländern in den letzten Jahren etwas gesunken, aber weiterhin wissen viele nicht, wie es in ein paar Jahren bei ihnen weitergeht. Der Fall einer erfolgreichen Berliner Sinologin, die von der Uni und im Kolleg:innenkreis hoch geschätzt wird, zeigt exemplarisch die Dimensionen dieses Dilemmas im Wissenschaftssystem.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts hatten im Jahr 2018 rund 24 Prozent der Berliner Professor:innen eine befristete Stelle, Juniorprofessuren miteingeschlossen – das ist rund jede vierte Stelle. Der Anteil ist deutlich höher als in jedem anderen Bundesland: Bundesweit betraf es 4080 von 26 931 Lehrende mit Professorentitel, also rund jeden siebten.

Keine Chance - obwohl erfolgreich

So gibt es an der TU Berlin rund 290 Lebenszeitprofessuren im Beamtenverhältnis und rund 115 Professuren auf Zeit – darunter im April 38 Juniorprofessor:innen. Nur vier der letzteren hatten über das so genannte „Tenure-Track“-Programm eine klare Bleibeperspektive.

Der „weit überwiegende Anteil“ der Juniorprofessuren erhalte aber ein Angebot auf eine unbefristete Professur, erklärt die Sprecherin der Technischen Universität Berlin. „Aufgrund der guten Marktlage in den Ingenieurwissenschaften“ sei die Konkurrenz auf unbefristete Professuren traditionell geringer als in den meisten Geistes- und Naturwissenschaften.

Die Personenstatistik der Humboldt-Universität führt 440 Professuren auf, darunter nur neun Professuren auf Zeit – doch es gibt weitere 51 Juniorprofessuren und davon wiederum nur vier mit „Tenure-Track“-Zusage. An der Freien Universität gab es im April 106 Professor:innen auf Zeit unter insgesamt gut 480.

Für diese sieht es deutlich anders aus als an der TU: „Eine Praxis des ‚Angebots' unbefristeter Professuren gibt es nicht“, erklärt die FU. Es sei jedoch „nicht ausgeschlossen“, dass die Juniorprofessor:innen im Rahmen eines Berufungsverfahrens einen Ruf für eine unbefristete Professur erhielten.

Zu jenen, die keine Chance haben, gehört derzeit auch eine Sinologin an der FU – obwohl sie allgemein anerkannt ist und auch erfolgreich Forschungsgelder eingeworben hat. Die Vize-Direktorin der Graduiertenschule für Ostasienstudien, Elena Meyer-Clement, wird wohl im Sommer die FU verlassen, da sie an der Universität Kopenhagen eine unbefristete Stelle angeboten bekommen hat.

Die FU hatte ihr nur zugesichert, ihr nach ihrer Zeit als Juniorprofessorin eine weitere befristete Stelle zu bieten. Eine Gruppe von Kolleg:innen will das nicht hinnehmen und hat eine Unterstützungsinitiative gestartet. Das Problem sei „auf zwei Ebenen skandalös“, heißt es in einem Unterstützungsschreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt: Einerseits lasse die FU ohne Not eine Professorin ins Ausland ziehen, die China-Kompetenz in Deutschland aktiv aufgebaut habe. Und das, während Peking andererseits das in Berlin ansässige Mercator-Institut für China-Studien unter Sanktionen gestellt hat und Expertise dringend benötigt sei.

Auch habe Meyer-Clement beim Bundesforschungsministerium ein großes Drittmittelprojekt eingeworben, das die Chinakompetenz in den Geistes- und Sozialwissenschaften stärken soll. Dieses soll sich unter anderem aus sozialwissenschaftlicher Perspektive mit den Auswirkungen der Globalisierung auf Chinas Städte beschäftigen und diese auch in Hinblick auf autoritäre Regierungsstrukturen untersuchen.

Kein Einzelfall

Andererseits sei Meyer-Clement kein Einzelfall, heißt es in dem Schreiben: „Durch angeblich benötigte Sparmaßnahmen spart die Universitätsleitung die Universität kaputt, bietet auch den engagiertesten Juniorprofessor:innen keine Aussichten auf Entfristung, was die Nachwuchs- und Frauenförderung dadurch zu einem regelrechten Witz macht.“ Dies gelte auch für die Naturwissenschaften – während an der FU Berlin gleichzeitig neue „Leuchtturmprofessuren“ eingeführt werden.

Dafür sei Geld im FU-Präsidium vorhanden – nicht aber für die wichtige Stelle ihrer Kollegin, kritisiert die Sinologin Genia Kostka, die zur Unterstützungsgruppe gehört. Bei Meyer-Clement gehe es um eine Entfristung für einen Zeitraum von 14 Jahren, die in Aussicht gestellte befristete Anstellung eingerechnet; hinzu kommen offenbar Pensionszahlungen. Das Institut für Chinastudien hätte zur Finanzierung dauerhaft eine halbe Wissenschaftsmitarbeiter-Stelle zur Verfügung gestellt sowie 200.000 Euro aus Kostkas Budget.

Diese Konstruktion habe die Unileitung nicht aufgegriffen, sagt Kostka. Und nun würde auch das mit insgesamt fünf Millionen Euro geförderte Drittmittelprojekt auseinandergestückelt, von dem die FU einen großen Teil des Geldes erhielt. Mehrere Mitarbeiter müssten umziehen, die FU verliere Fördergelder.

Meyer-Clement selbst zeigt sich enttäuscht, dass die FU an ihrer Person wie auch dem Forschungsprojekt kein größeres Interesse hat. Sie wäre gern an der FU geblieben. „Wir brauchen mehr Chinaexperten – es ist erstaunlich, dass die FU das nicht sieht", sagt die 45-Jährige.

Während die FU zur Finanzierung einer Chinesisch-Didaktikprofessur Gelder aus China akzeptierte und vom Senat gezwungen wurde, einen umstrittenen Vertrag mit Peking nachzuverhandeln, käme eine Finanzierung aus China bei ihrem Thema „natürlich gar nicht in Frage“, sagt Meyer-Clement. Es sei keine Alternative, dem „unangenehmen Forschungsgegenstand China“ aus dem Weg zu gehen, wie es das FU-Präsidium anscheinend gerade versuche.

Die FU mag sich zu dem Fall nicht äußern

Auf Anfrage erklärte die FU, sich zu Personalangelegenheit nicht äußern zu wollen. In einem an die Unterstützerinitiative gerichteten Schreiben der Vizepräsidentin Verena Blechinger-Talcott, das dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es indes, die Sinologie sei für die FU „ein sehr wichtiges Fach“. Das Präsidium schätze die Arbeit von Meyer-Clement sehr.

„Ihre wissenschaftliche Exzellenz steht aus Sicht des Präsidiums außer Frage“, schreibt die Vizepräsidentin über die Sinologin. Angesichts der Stellenstruktur in der Sinologie und von „übergreifenden Rahmenbedingungen“ sei es jedoch nicht möglich, eine Verstetigungsmöglichkeit zu finden. „Ich bedauere das persönlich außerordentlich und sehe dies auch als einen großen Verlust für die Regionalstudien an der Freien Universität an.“

Der Deutsche Hochschulverband hatte sich 2020 mit dem Thema beschäftigt – und in einer Resolution beide Seiten beleuchtet. „Die stetige personelle Erneuerung ist das Schwungrad der Wissenschaft“, heißt es in dem Papier. Daher gelte: „Wer Universitäten zerstören will, muss nur alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Promotion bis zur Altersgrenze unbefristet beschäftigen.“

Doch als Arbeitgeber könnten Universitäten nicht mehr allein auf die Faszination von Wissenschaft vertrauen und müssten gesicherte Karriereperspektiven mit Work-Life-Balance und Maßnahmen zur Vereinbarkeit wissenschaftlicher Karrieren und Familien bieten.

Wissenschaftliche Dienstleistungen, die wie Dozententätigkeit oder die Leitung von Forschungseinrichtungen auf Dauer zu erbringen sind, sollte nach höchstens anfänglicher Befristung „ein unbefristetes Dienstverhältnis zu Grunde liegen“. Außerdem müsse darüber nachgedacht werden, wie ein Teil der Drittmittelbefristeten wenigstens teilweise in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen werden können. Für die Noch-Berliner Sinologin Meyer-Clement kämen diese Überlegungen – sollten sie von den Hochschulleitungen aufgenommen werden – zu spät.

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