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Ulf Kadritzke war darum bemüht, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie an die sich wandelnden Verhältnisse anzupassen. Foto: Susanne Möhring/HWR
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Nachruf auf Ulf Kadritzke Radikal und respektvoll

Soziale Ungleichheit und die Verheerungen des Kapitalismus waren seine Lebensthemen - nun ist der Soziologe Ulf Kadritzke im Alter von 77 Jahren gestorben.

Der Soziologe Ulf Kadritzke, langjähriger Professor für Industrie- und Betriebssoziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), ist tot. „Der Schock könnte nicht größer sein“, schreibt sein Freund und Weggefährte, der Politikwissenschaftler Hajo Funke, am Sonntag in seinem Blog „Politik und Zeitgeschehen“.

Die Lebensthemen des engagierten Wissenschaftlers Kadritzke waren Klassismus und soziale Ungleichheit – mit soziologischem Röntgenblick analysierte er die tiefenstrukturellen Widersprüche kapitalistisch verfasster Gesellschaften.

„Mit Ulf Kadritzke verliert die HWR Berlin einen Kollegen, der unsere Hochschule über Jahrzehnte entscheidend prägte“, erklärt HWR-Präsident Andreas Zaby auf Anfrage des Tagesspiegels. Der Soziologe habe seine Studierenden immer wieder dazu angehalten, gesellschaftliche Entwicklungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen und lange über seine Pensionierung hinaus zu Fragen sozialer Ungleichheit geforscht.

In Wort und Tat gegen Ausbeutung und Rassismus

Kadritzke studierte Soziologie an der Freien Universität, von 1968 bis zu seiner Promotion 1974 war er wissenschaftlicher Assistent am FU-Institut für Soziologie, anschließend am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI). Von 1976 bis 2008 lehrte er an der HWR.

Der Berliner Soziologe galt als wissenschaftlicher Vertreter der 68er-Bewegung, seit seiner Studentenzeit engagierte er sich in Wort und Tat gegen Ausbeutung und Rassismus – zuletzt noch während der Corona-Krise auf Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und zur Unterstützung der Black-Lives-Matter-Bewegung.

„Das Besondere an ihm war, dass er so radikal wie verantwortlich war“, erklärt Hajo Funke. Schon im heißen Sommer 1967 habe er deeskalierend gehandelt und seine Mitstreiter dazu angehalten, den politischen Gegner fair zu behandeln. „Seine Entschiedenheit war immer in eine respektvolle Form diskursiver Verständigung eingebettet“, ergänzt Kadritzkes langjähriger Freund, der Jenaer Soziologe Rudi Schmidt, im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Gegen kapitalistische Ausbeutung. Ulf Kaditzke wollte den aus der Mode gekommenen Klassenbegriff analytisch rehabilitieren. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Gegen kapitalistische Ausbeutung. Ulf Kaditzke wollte den aus der Mode gekommenen Klassenbegriff analytisch rehabilitieren. © Mike Wolff

Auf theoretischer Ebene war Kadritzke daran gelegen, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie an die sich wandelnden Verhältnisse anzupassen und die kritische Kapitalismusforschung nicht zuletzt auch gegen ihre vulgärmarxistischen Schwundstufen zu verteidigen.

"Mythos Mitte"

Gleichzeitig machte er sich stets dafür stark, den aus der Mode gekommenen Klassenbegriff als analytische Kategorie zu rehabilitieren. In seinem Werk über den klassenvergessenen „Mythos Mitte“ von 2017 zeigte er auf, wie Menschen in verschiedensten Beschäftigungsverhältnissen dem diffusen Konstrukt der ökonomischen Mitte eingemeindet werden – wodurch die faktische soziale Benachteiligung bestimmter Gruppen verschleiert werde.

Die arbeitende Klasse sei heute jedoch stark differenziert – vom Scheinselbstständigen bis zu den Beschäftigten von Drittfirmen, die häufig um ihren Mindestlohn geprellt würden, umfasse sie ein größeres Spektrum als zu Zeiten des klassischen Industriekapitalismus. In den verschiedenen Arbeitssituationen sei das gemeinsame Klasseninteresse oft nur schwer zu erkennen, so Karditzke.

Die vom Kapital Ausgebeuteten stünden heute vor der schwierigen Aufgabe, in einer „zersplitterten Klassensituation“ gemeinsam politisch aktiv zu werden.  

„Wir verlieren einen großen Verfechter der sozialen Gerechtigkeit und einen scharfsinnigen Kritiker kapitalistischer Verwerfungen“, sagt Rudi Schmidt. Am Samstag, dem 14. November 2020, ist Ulf Kadritzke im Alter von 77 Jahren in Folge eines Herzinfarkts gestorben.

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