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Männer in meist weißen Gewändern und mit turbanartigen Kopfbedeckungen sitzen in einem großen Raum auf Teppichen und reden miteinander. Foto: Tilman Musch
© Tilman Musch

Nachhaltige Forschungszusammenarbeit Oasen des Friedens für den Tschad

Traditionell in die Zukunft: Ein deutscher Ethnologe erforscht ein altes Rechtssystem und kann es mit einem landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekt begleiten.

Wird im Norden des Tschad, im Volk der Teda, Recht gesprochen, geschieht dies bis heute nach einem jahrhundertealten Kodex, der sich unter anderem auf althergebrachte Sprichwörter bezieht und dazu geeignet ist, Konflikte einvernehmlich zu lösen. Die Teda, die zu den Tubu gehören, leben im tschadischen Tibesti-Gebirge, im Süden Libyens und im Niger in den Regionen Kawar (Dirkou) und Djado, beide im Osten der der Ténéré-Wüste gelegen

Dieses jahrhundertealte System, das der Region Frieden und Stabilität beschert hat, ist frei von europäischen Einflüssen - und funktioniert noch heute, wie Tilman Musch, Ethnologe am Institut für Afrikastudien (IAS) der Universität Bayreuth, berichtet. Musch forscht seit 2006 im Niger zum Nomadismus und seit 2017 auch im Norden des Tschad über die Mensch-Umwelt-Beziehungen bei den Tubu und über ihr Rechtssystem. Bei seinen von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Forschungen hat er mit lokalen Historikern zusammengearbeitet.

Afrika ist bis heute von den Folgen des Kolonialismus und des europäischen Einflusses geprägt, auch in den Rechtssystemen der Staaten. Vielfach haben die Europäer sogar Elemente traditioneller Rechtssysteme in ihren Rechtsordnungen benutzt, um ihre Herrschaft durchzusetzen. Bei den einst von Frankreich kolonisierten Tubu Teda gelang das jedoch nicht – und tatsächlich konnte sich dort eine Art traditioneller Rechtsenklave halten.

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Aus dem Kreis der Teda wird ein Derde, eine Art Häuptling und Respektsperson, auf Lebenszeit gewählt – Respekt spielt bei den Teda eine große Rolle. Der Derde kann aber niemandem etwas vorschreiben, und er trifft seine Entscheidungen auch nicht allein, sondern nur mit anderen Respektspersonen zusammen.

Der Derde ist bis heute die letzte Instanz

Das können auch jüngere, unvoreingenommene Menschen sein, die sich mit der Geschichte und der Kultur auskennen. Solche Leute sind, wie überall im Zeitalter der Globalisierung, heute immer schwerer zu finden, erfuhr Tilman Musch in der Region. Doch der Derde ist bis heute die letzte Instanz der Teda und kann alles regeln, auch bei Mord.

Satellitenbild einer Berglandschaft, in der Staaten und Ortsnamen eingezeichnet sind. Abbildung: Google Maps/bearbeitet von Tilman Musch Vergrößern
Die Region Tibesti im Tschad. © Abbildung: Google Maps/bearbeitet von Tilman Musch

Obwohl die Teda Muslime sind, basiert ihr Rechtssystem ursprünglich nicht auf der Scharia, bis auf jüngere Einflüsse, wie zum Beispiel dem Preis des Blutgeldes (Dia) für Mord, das inzwischen 100 Kamele beträgt. Körperstrafen existieren bei den Teda nicht, nur Kompensation in Form von Ziegen und Kamelen. Bereits vor dem Urteil müssen beide Seiten sich verpflichten, dieses, wenn es einmal gesprochen ist, anzunehmen. Würde eine Partei ein Urteil entgegen ihrer Zusage nicht akzeptieren, so wäre dies eine Schmach für deren gesamte Familie.

[Lesen Sie auch Rolf Brockschmidts Bericht über ein archäologisches Projekt im Tschad: Ein Palast unter dem Sand]

Es gibt im Tibesti natürlich auch die staatliche Polizei und das Militär, aber die Rechtsprechung des Derde wird von allen respektiert. Sie funktioniert fern vom nächsten staatlichen Gericht, das 500 Kilometer weit entfernt liegt. Das alte Rechtssystem trägt also entscheidend zur Stabilisierung der Region bei. Entgegen mancher Vorurteile sei die Region sicher und frei von Terrorismus und Fundamentalismus, sagt Musch. „Das System hat seine Berechtigung, weil es funktioniert.“

Den Gartenbau in der Region wiederbeleben

Als Musch sein Projekt Ende letzten Jahres abgeschlossen hatte, bat ihn die Gerda Henkel Stiftung, Möglichkeiten einer „sozialen Begleitmaßnahme“ zu prüfen. „Es ist ziemlich einzigartig, dass eine Stiftung solche Projekte unterstützt, die noch nicht einmal direkt mit dem Thema des geförderten Forschungsprojekts zusammenhängen“, sagt Musch.

Aber wer drei Jahre in einer Region geforscht habe, genieße das Vertrauen der Menschen und habe eine Vorstellung davon, was hier gebraucht werden könnte. Musch fragte unter anderem per WhatsApp im Tschad bei den Menschen nach, mit denen er zusammengearbeitet hatte, - und da kam häufig der Wunsch nach einem Gartenbauprojekt.

In einem von Bergen gesäumten Tal stehen Palmen rund um ein Feld, auf das es gerade geregnet hat. Foto: Tilman Musch Vergrößern
Fruchtbarer Boden: Ehemalige Palmengärten säumen das Tal von Dobohor im Westtibesti. © Tilman Musch

„Gartenbau, der die Menschen mit dem täglichen Bedarf an Obst und Gemüse versorgt, ist in der Region in Vergessenheit geraten und wird kaum noch ausgeübt“, sagt Musch, „die meisten Güter werden aus Libyen importiert, sind teuer und nicht frisch, vieles kommt in Dosen.“

Zusammen mit dem Centre National de Recherche pour le Développement (CNRD) und dem Abgeordneten Djiddi Allahi Mahamad, der für den Wahlkreis Tibesti-West (Zouar) in der Nationalversammlung sitzt, entstand der Plan, nachhaltige Landwirtschaft zu fördern.  Geplant sind 25 Mustergärten an verschiedenen Stellen der Region im sogenannten traditionellen, aber optimierten Stockwerksbau, wie er in den Trockengebieten Nordafrikas üblich war.

Ein zeitgemäßes Bewässerungssystem

Zentral sind dabei die Dattelpalmen, die hier einst zahlreicher wuchsen als heute. Sie liefern in Oasenkulturen Früchte, Baumaterial und Fasern und spenden Schatten. Darunter werden Granatäpfel, Feigen und Zitrusfrüchte angebaut und am Boden schließlich Gemüse. Das benötigte Wasser wird aus Brunnen gewonnen, die fünf bis 25 Meter tief sind und von Oberflächenwasser gespeist werden, das sich während den Regenzeiten ansammelt.

Mit Hilfe von Tröpfchenbewässerung wird einerseits Wasser gespart, andererseits verhindert dieses Verfahren die Versalzung der Böden, da das mineralreiche Wasser sehr sparsam eingesetzt wird.

Felsgravuren von Rindern und Dromedaren in einer Berglandschaft. Foto: Tilman Musch Vergrößern
Zeugen einer historischen Land- und Viehwirtschaft: Rindergravuren im Tal von Aouzou im Nordtibesti. © Tilman Musch

Nötige Pumpen sollen solargestützt betrieben werden. Außerdem führe – so Musch - Tröpfchenbewässerung zu höheren Erträgen. Durch den Stockwerkanbau werden komplementäre Bedürfnisse der einzelnen Stockwerke an Wasser, Nährstoffen und Licht besser ausgenutzt. „Stockwerkanbau ist den inzwischen immer mehr beachteten Konzepten der Waldwirtschaft sehr nahe“, sagt Musch.

Das System der Gärten kann ausgebaut werden

Die Dattelpalme spielt in diesem Konzept eine große Rolle, da sie sehr variantenreich und anpassungsfähig ist. „Es kann sein, dass eine Sorte, die an einem Ort gut wächst, 100 Kilometer weiter unter anderen Bedingungen nicht gedeiht“, sagt Musch. Es gehe also auch darum, der Vielfalt von etwa 200 verschiedenen Dattelsorten, die im Tibesti heimisch sind, besser Rechnung zu tragen.

[Mehr Bilder zum Thema finden Sie in Tilman Muschs Fotoreportage für "L.I.S.A.", das Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung]

Geplant sind jeweils 500 Quadratmeter große Gärten an sehr unterschiedlichen Orten, um die Vielfalt zu testen. Diese Gärten sollen im Herbst 2021 angelegt werden und Vorbildcharakter haben. Gärtner aus anderen Regionen wie aus dem Air-Gebirge (Niger) oder dem Ennedi (Tschad), wo der Gartenbau bis heute floriert, werden eingeladen, um die Bauern fortzubilden. „Die örtliche Bevölkerung findet das Projekt gut, denn sie produziert lieber Waren vor Ort als sie aus Libyen teuer zu importieren“, erzählt Musch.

Alle geplanten Gärten sind erweiterbar und sollen die Menschen, die sie bewirtschaften, aber auch die, die aus anderen Regionen kommen, ermutigen, die Idee weiterzuverbreiten. Mit den Gärten schaffe man eine bessere Versorgung, mehr Wohlstand und eine gesündere Ernährung. Damit trägt dieses Vorhaben auch entscheidend zur Stabilität der gesamten Region bei.

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