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Männer hocken mit erhobenen Händen auf einem Platz, sie werden von Uniformierten mit Gewehren bewacht. Foto: Beeldbank WO2-NIOD
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Nach Razzia und Deportation aus Amsterdam 1941 Systematische Ermordung durch Gas

Vor 80 Jahren streikten Niederländer gegen die Deportation von 400 Juden nach einer Razzia in Amsterdam. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse zu ihrer Ermordung.

Stundenlang mussten sie mit erhobenen Händen in der Kälte hocken oder stehen, jüdische Männer zwischen 20 und 35 Jahren. Sie waren von 600 Mann bewaffneter deutscher Ordnungspolizei (Grüne Polizei) und SS-Männern am 22. und 23. Februar 1941 in Amsterdam rund um den Jonas Daniel Meijerplein in der Nähe der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam zusammengetrieben worden.

Rund 400 niederländische Juden wurden damals verhaftet und deportiert, nur zwei von ihnen überlebten den Krieg. Von dieser Aktion existieren 21 Fotos, die sich in das nationale Gedächtnis der Niederlande eingebrannt haben.

Am 25. Februar reagierte die Amsterdamer Bevölkerung mit einem in Westeuropa einmaligen Generalstreik gegen die deutsche Besatzung. Seit 1946 gedenkt man dieses Ereignisses. Der „Februarstreik“ vor 80 Jahren hat ebenfalls einen Platz im kollektiven Gedächtnis der Niederländer.

Nun hat die Historikerin Wally de Lang in ihrem Buch „De Razzia’s van 22 en 23 februari 1941 in Amsterdam“ (Atlas/Contact, Amsterdam 2021) erstmals das Schicksal der rund 400 Gefangenen nachgezeichnet und dabei eine schockierende Entdeckung gemacht: Sie fand Beweise für die systematische Ermordung von Häftlingen durch Gas lange vor dem Einsatz 1942 im von Deutschland besetzen Polen.

Schlägereien mit Kommunisten und Juden provoziert

De Langs Buch erregt in den Niederlanden zum 80. Jahrestag der Ereignisse um die Razzien und den Februarstreik Aufsehen. Bisher wusste man nur, dass zwei Gefangene den Krieg überlebt hatten und 30 Namen im Gedenkbuch von Mauthausen genannt wurden. De Langs Erkenntnisse gehen jetzt weit darüber hinaus.

Unter der deutschen Besatzung fühlte sich die Nationalsozialistische Bewegung (NSB) in den Niederlanden stark und provozierte immer wieder mit ihrer Wehrabteilung (WA) in Amsterdam Schlägereien mit Kommunisten und Juden, die sich anfangs zur Wehr setzten. Als bei diesen Zwischenfällen der WA-Mann Henrik Koot an seinen Verletzungen starb, nahmen die Spannungen zu.

Der Besitzer eines Eisladens setzt sich zur Wehr

Zu einer Zuspitzung kam es, als ein Trupp Grüner Polizei mit ihrem Anführer den Eisladen eines jüdischen deutschen Emigranten betreten wollte und dieser sich mit Ammoniakgas wehrte, das er zur Eisherstellung in seinem Laden hatte.

Das war für die Besatzer nun der erste Angriff von Juden auf die deutsche Polizei – Himmler forderte eine „rücksichtslos eingreifende Vergeltungsaktion in Amsterdam“ und ordnete die Verhaftung von 400 jüdischen Männern im Alter zwischen 20 und 35 Jahren an. Dazu wurde das Amsterdamer Judenviertel auch mit Hilfe der Amsterdamer Polizei hermetisch abgeriegelt.

Auf einem Lastwagen sitzen Männern unter einer Plane, andere werden von Uniformierten gezwungen, ebenfalls einzusteigen. Foto: BeeldbankWO2-NIOD Vergrößern
Gefangene jüdische Männer auf Lastwagen der Grünen Polizei. © BeeldbankWO2-NIOD

Am 22. Februar 1941, einem Sabbat, wurden 280 Männer verhaftet, am Sonntag, dem 23. noch einmal 120. Die Polizei verhaftete die Männer nicht nur auf der Straße, sondern ging auch von Haus zu Haus und zerrte die Männer auf die Straße. Sie konnten sich nicht richtig anziehen und standen so, wie sie waren, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt auf der Straße.

Heimliche Abzüge von Fotos, die ein deutscher Soldat machte

Die 21 Fotos der ersten Razzia im besetzten Westeuropa hat ein deutscher Soldat gemacht und sie in einem nahegelegenen Fotolabor entwickeln lassen. Der Laborant riskierte es, die Bilder doppelt abzuziehen und einen Satz Fotos zu verstecken.

Die Männer wurden auf Lastwagen zusammengepfercht und in das Lager Schoorl bei Alkmaar gebracht und von dort nach Buchenwald und später nach Mauthausen. Zwölf von ihnen durften wegen Krankheit zurück nach Amsterdam. Das war die erste Deportation von Juden in Westeuropa. In den Akten findet sich der Vermerk „Rückkehr nicht erwünscht“.

Neue Möglichkeiten, das Schicksal der Gefangenen aufzuklären boten jetzt die 2020 fast vollständig digitalisierten Bestände des Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution neben denen des Amsterdamer Stadtarchivs und Polizeiarchiven.

De Lang zeichnet den Weg der Verschleppten nach und findet grausame Details. In Buchenwald mussten die unzureichend gekleideten Gefangenen Steine schleppen, bald starben die ersten Niederländer.

Kranken die Behandlung verweigert

Der Lagerarzt Hans Eisele verweigerte die Behandlung von Kranken, da die Niederländer seiner Ansicht nach nicht schnell genug starben. Daher verlegte man am 22. Mai 340 Gefangene in das Vernichtungslager nach Mauthausen. Dort wurden sie von den Dorfkindern bei der Ankunft mit Steinen beworfen. Sie sollen geschrien haben: „Es wird nicht lange dauern, bis ihr aus dem Schornstein des Totenberges kommt“ – so nannten die Österreicher Mauthausen.

Dieses Lager war in den Niederlanden damals völlig unbekannt. Die Häftlinge mussten in den nahegelegenen Granitsteinbrüchen schwere Steine über 160 hohe Stufen über die „Treppe des Todes“ heraufschleppen – und auch die Leichen ihrer Kameraden. Mit diesen Steinen wollte Hitler ein Kulturzentrum in Linz errichten lassen. Bereits nach fünf Tagen hatten sich fünf Niederländer zu Tode gearbeitet. Für alle wird das Todesdatum in den Lagerakten auf 18.50 Uhr gesetzt.

Noch auffälliger ist die Todesliste von Mauthausen. Sie verzeichnet plötzlich im September 1941 190 Tote, sechsmal so viel wie im August und davon allein 152 in der ersten Septemberwoche in alphabetischer Reihenfolge.

Ein KZ-Überlebender steht vor einer rekonstruierten Baracke und zeigt seine in den Arm tätowierte Häftlingsnummer. Foto: Lisi Niesner/REUTERS Vergrößern
Ein Überlebender des Konzentrationslagers Mauthausen (Österreich) 2019 am Jahrestag der Befreiung in der KZ-Gedenkstätte. © Lisi Niesner/REUTERS

Wally de Lang hat durch akribische Recherche herausgefunden, dass diese Menschen im 35 Kilometer von Mauthausen entfernten Schloss Hartheim durch Gas ermordet wurden. Hartheim war ein ehemaliges Heim für Menschen mit geistigen Behinderungen, das nach dem Anschluss Österreichs geschlossen und im Februar 1939 von den Nationalsozialisten übernommen wurde, um dort unter dem Codenamen „T4“ Menschen mit Behinderungen in einem sogenannten Duschraum von 25 Quadratmetern mit Kohlenmonoxid zu ermorden und im danebenliegenden Krematorium zu verbrennen. Im Juni 1941 wurden diese streng geheimen Maßnahmen gestoppt, um Unruhe im Dorf zu vermeiden.

In Hartheim durch Gas ermordet

Himmler plante nun, die Erfahrungen von „T4“ zu nutzen, um „Ballastexistenzen“ aus den KZ’s zu ermorden, wie er im menschenverachtenden NS-Jargon Kranke, Schwache und Alte bezeichnete, die nicht mehr arbeiten konnten. Neben den „Totenbüchern“ wurden in Mauthausen auch „Veränderungsbücher“ geführt.

In denen fand de Lang vier Seiten mit Namen der niederländischer Juden, in gleicher Handschrift und alphabetisch geordnet, die am 11. und 12. August als „Abgang“ in das „Sanatorium Dachau“ verzeichnet wurden – ein Tarnname für Hartheim. Nach der Ermordung wurden die Namen aus dem Veränderungsbuch in getippten Veränderungsmeldungen erfasst.

Da zu viele Tote an einem Tag aufgefallen wären, entschloss sich Lagerkommandant Franz Ziereis, die Toten gleichmäßig über sechs Tage im September alphabetisch geordnet zu verteilen. Nach diesen Listen sind mindestens 108 niederländische Juden in Hartheim durch Gas ermordet worden. Indizien weisen auf weitere 46 Opfer. 58 Menschen wurden angeblich auf der Flucht erschossen, obwohl ein Entkommen kaum möglich war.

Diese Morde „gehörten zu den ersten industriellen Massenmorden innerhalb des Systems der Konzentrationslager“, schlussfolgert Wally de Lang. Dies geschah, bevor der Massenmord im großen Stil 1942 im Osten begann. In Hartheim konnten die Nazis die Tötung größerer Menschenmengen durch Gas perfektionieren, das System der irreführenden Dokumentation verfeinern und das Führungspersonal auf Verschwiegenheit testen. Ferner habe Hartheim gezeigt, dass auch „normale“ Menschen bereit waren, an der geheimen Vernichtung von Menschen mitzuarbeiten.

Neben dem Buch hat Wally de Lang in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Amsterdam eine Ausstellung in der Vorhalle mit allen 389 Namen konzipiert.  Diese soll eröffnen, sobald es Corona zulässt. Wichtiger noch ist die Website als virtuelles Denkmal mit allen 389 Namen und Kurzbiografien sowie interaktiven Links zu den Dokumenten des Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution, die den Menschen nach 80 Jahren ihre Würde und ihr Gesicht zurückgeben.

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