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Nicht zu jeder Tageszeit ist die Wahrscheinlichkeit für eine Kreditbewilligung gleich hoch. Foto: imago/photothek
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Nach dem Frühstück, vorm Mittagessen, zum Feierabend? Wann über Kredite positiv entschieden wird

Alice Lanzke

Ist der Sachbearbeiter der Bank "entscheidungsmüde", sinkt die Wahrscheinlichkeit für eine Kreditfreigabe. Wann das der Fall ist, hat eine Studie untersucht.

Wer mit seiner Bank über die Umschuldung eines Kredits sprechen muss, sollte den Termin dafür vielleicht besser nicht vor die Mittagspause des Sachbearbeiters legen. Das zumindest ist das Ergebnis britischer Forscher. Ihrer Analyse zufolge ist dann die Wahrscheinlichkeit höher, dass der entsprechende Antrag abgelehnt wird.

Wie die Psychologen im Fachblatt «Royal Society Open Science» berichten, ist das auf die sogenannte Entscheidungsmüdigkeit zurückzuführen - ein Phänomen, das sich den Forschern zufolge nicht nur negativ für die Antragsteller auswirken, sondern auch Banken teuer zu stehen kommen könnte.

Mit Entscheidungsmüdigkeit wird jene Müdigkeit beschrieben, die dadurch entsteht, dass man über einen längeren Zeitraum hinweg schwierige Entscheidungen treffen muss. Schon in der Vergangenheit belegten Studien, dass Menschen in einem solchen Zustand dazu neigen, auf die Standardentscheidung zurückzugreifen: Sie wählen die Option, die einfacher ist oder sicherer erscheint.

Psychologen beobachten Kreditsachbearbeiter

Simone Schnall und Tobias Baer vom Department of Psychology der britischen University of Cambridge untersuchten nun, wie sich das bei Banken auswirkt. Konkret analysierten die beiden Wissenschaftler die Entscheidungen, die 30 Kreditsachbearbeiter einer Großbank über einen Monat hinweg bei 26 501 Kreditanträgen trafen. Dabei ging es um Umschuldungsanträge von Kunden, die bereits einen Kredit hatten, die Bank aufgrund von Rückzahlungsschwierigkeiten aber um eine Anpassung dieser Rückzahlungen baten.

Solche Entscheidungen sind den Autoren der Studie zufolge kognitiv anspruchsvoll: Kreditsachbearbeiter müssten die finanzielle Stärke des Kunden gegen Risikofaktoren abwägen, die die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung verringerten. Fehler könnten hier für die Bank kostspielig sein. So führe die Genehmigung des Antrags zu einem Verlust im Vergleich zum ursprünglichen Zahlungsplan - bei erfolgreicher Umstrukturierung sei dieser Verlust aber deutlich geringer als wenn der Kredit überhaupt nicht zurückgezahlt werde.

Die Forscher beobachteten, dass der Zeitpunkt der Entscheidung im Mittel eine wichtige Rolle spielte. «Die Kreditsachbearbeiter waren morgens eher bereit, die schwierige Entscheidung zu treffen, einem Kunden günstigere Kreditrückzahlungsbedingungen zu gewähren, zeigten mittags aber Entscheidungsmüdigkeit und waren weniger geneigt, einem Antrag auf Kreditumstrukturierung zuzustimmen», erklärt Hauptautorin Schnall. «Nach der Mittagspause fühlten sie sich wahrscheinlich erholter und waren wieder in der Lage, bessere Entscheidungen zu treffen.»

Auch in der Medizin und Justiz spielt "Entscheidungsmüdigkeir" eine Rolle

Darüber hinaus ergab die Studie, dass Kunden, deren Umschuldungsantrag genehmigt wurde, ihren Kredit mit höherer Wahrscheinlichkeit zurückzahlten, als wenn sie angewiesen wurden, sich an den ursprünglichen Rückzahlungsplan zu halten. Die Tendenz der Kreditsachbearbeiter, um die Mittagszeit mehr Anträge abzulehnen, war so mit einem finanziellen Verlust für die Bank verbunden.

Wie die Forscher kalkulieren, hätte die Bank innerhalb eines Monats mehr als 500.000 US-Dollar an zusätzlichen Kreditrückzahlungen einnehmen können, wenn alle Entscheidungen am frühen Morgen getroffen worden wären.

«Selbst Entscheidungen, von denen wir annehmen, dass sie sehr objektiv und von konkreten finanziellen Erwägungen geleitet sind, werden von psychologischen Faktoren beeinflusst», resümiert Autor Baer. Die Studienergebnisse unterstrichen, dass regelmäßige Pausen während der Arbeitszeit wichtig seien, um ein hohes Leistungsniveau aufrechtzuerhalten.

Nicht zuletzt zeigten sie, dass kognitive Erschöpfung im Finanzsektor - und vielleicht auch in anderen Branchen - zu erheblichen wirtschaftlichen Kosten führen könnte.

Tatsächlich wurde Entscheidungsmüdigkeit bereits in anderen Berufszweigen untersucht, so etwa in der Medizin. Dabei ergab etwa eine 2019 in «JAMA Network Open» veröffentlichte Studie, dass Hausärzte ihren Patienten am Morgen häufiger einen Test zur Brust- oder Darmkrebsvorsorge empfehlen als am Abend.

Im gleichen Jahr berichteten Wissenschaftler im Fachblatt «Health Economics», dass sich orthopädische Chirurgen zum Ende ihrer Schicht weniger häufig dafür entschieden, einen Patienten zu operieren, als zu Arbeitsbeginn. Und eine weitere Studie beobachtete schon 2014, dass Ärzte zum Ende ihres Arbeitstages eher Antibiotika verschreiben.

Eine andere stark diskutierte Arbeit stammt aus der Justiz: So zeigten israelische und US-amerikanische Forscher 2011, dass Richter häufiger zugunsten von Beschuldigten oder von Gefangenen bei Bewährungsanträgen entschieden, wenn die entsprechenden Fälle am Anfang des Tages oder nach einer Essenspause verhandelt wurden. (dpa)

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