Leichtgewicht. Mit 185 Kilogramm wird „Beresheet“ (hier ein Modell) die leichteste Raumsonde sein, die je auf dem Mond gelandet ist. Abflugsort ist Cape Canaveral in Florida, Landeplatz im Mare Serenitatis, zwischen den Landeplätzen von Apollo 15 und 17. Foto: T. Zieve/dpa
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Mondsonde aus Israel Shalom, Erdtrabant

Am Freitag soll die erste Mondmission Israels starten – privat organisiert und finanziert. Ein Modell für die Zukunft?

„Es ist ein kleiner Schritt für den Menschen ... ein riesiger Sprung für die Menschheit“, stammelte Neil Armstrong hörbar aufgeregt, nachdem er vor knapp 50 Jahren den Mond betrat. Daran angelehnt könnte man heute sagen: Es ist nur ein kleines Zusatzgepäck für die Falcon-9-Rakete und könnte doch ein großartiger Triumph für Israel werden. Gemeint ist die erste Mondmission des Landes. Sollte der Roboter „Beresheet“ (Hebräisch für Genesis) heil auf dem Himmelskörper ankommen, wäre Israel die vierte Raumfahrtnation, die dort eine weiche Landung geschafft hat, nach Russland, den USA und China. Vor allem aber wäre es die erste weitgehend privat finanzierte Mission zum Erdtrabanten. Bisher ist es ausschließlich großen Raumfahrtagenturen mit entsprechender Staatsfinanzierung gelungen, zum Mond zu kommen.

Per Anhalter zum Mond

Am frühen Freitagmorgen um 2:45 Uhr (MEZ) soll sich nun Beresheet aufmachen in Richtung Mond. Er ist jedoch nur Beiwerk in der Rakete von SpaceX. Hauptnutzlast ist ein indonesischer Kommunikationssatellit, der von Cape Canaveral (Florida) aus in einen geostationären Orbit in rund 36 000 Kilometer Höhe gebracht wird. Beresheet fliegt huckepack mit und entkommt so der Gravitation der Erde. Auch wenn es noch ein ganzes Stück bis zum Mond ist – die mittlere Entfernung zur Erde beträgt 380 000 Kilometer –, kostet die letzte Etappe vergleichsweise wenig Energie, sodass der mitgeführte Treibstoff genügt, wenn man es gemächlich angeht. Immer größere Runden soll die Sonde um die Erde drehen, bis sie schließlich ihr Ziel erreicht und sanft auf der Oberfläche des Mondes aufsetzt.

Auslöser für diesen Mondflug war der 2007 ausgelobte Google Lunar X Prize, der die private Raumfahrt stimulieren sollte. 20 Millionen Dollar würde das Team erhalten, das mit einem Gefährt sanft auf dem Mond landet und es 500 Meter weit bewegt. Mehrere Dutzend Raumfahrtfreaks machten sich ans Werk, darunter Yonatan Winetraub, der 2009 für ein Jahr am Nasa Ames Research Center in Mountain View (Kalifornien) war. „Leider habe ich niemanden gefunden, der verrückt genug war, mitzumachen“, erzählte er einem Reporter von NBC. Zurück in Israel fand er zwei Gleichgesinnte, Yariv Bash und Kfir Damari. In einem Vorort von Tel Aviv saßen die drei in einer Bar, und mit dem Alkoholpegel nahm die Gewissheit zu, dass sie das jetzt durchziehen. Sie gründeten „SpaceIL“. Eine Dreiviertelstunde vor Bewerbungsschluss, am Silvestertag des Jahres 2010, übermittelten sie ihr Konzept und waren im Rennen. Viele Mitbewerber gaben auf, auch für Winetraub und sein Team lief es schlecht. Die ersten drei Entwürfe für ihren Lander fielen bei der technischen Begutachtung durch. Aber sie blieben hartnäckig und fanden Unterstützer, vor allem den Unternehmer und Milliardär Morris Khan, die israelische Raumfahrtagentur ISA und das Raumfahrtunternehmen IAI. Die Frist des Google Lunar X Prize, obwohl mehrfach verlängert, verstrich jedoch im März 2018 – ohne einen Sieger.

Die erste weitgehend privat finanzierte Mondlandung

Ein knappes Jahr später haben es nun die Enthusiasten von SpaceIL geschafft, ihre Mondsonde startklar zu machen. Sollte Beresheet seine Mission erfüllen, erhält das Team also kein Geld, gleichwohl aber die Ehre, die erste weitgehend privat finanzierte Mondlandung geschafft zu haben. Und die erste israelische obendrein. Diese beiden Ziele seien auch die wesentlichen Treiber gewesen, erklären die Macher. Es gehe ihnen um einen „Apollo“-Effekt: Die Mission solle die Menschen für Hightech und Raumfahrt begeistern. Israel sei stark in dieser Branche und solle das auch bleiben.

Der Nutzen der Mission für die Forschung ist überschaubar. Zum einen hat die Sonde Laserreflektoren dabei, die Lichtpulse von der Erde in exakt die gleiche Richtung zurückwerfen, um so die Umlaufbahn des Mondes genauer zu bestimmen. Vor allem soll Beresheet aber mit einem besonders präzisen Magnetometer des Weizmann-Instituts während des Anflugs und nach der Landung das Magnetfeld des Mondes messen. Die Erde hat ein globales Magnetfeld, das durch Umwälzungen von eisenreicher Materie im flüssigen äußeren Erdkern erzeugt wird. Darüber hinaus gibt es auch lokale Felder, die durch die Magnetisierung von Magma erzeugt wurden, als dieses vor Urzeiten abkühlte. Auf dem Mond gibt es nur lokale Magnetfelder. „Wenn es nun kein globales Magnetfeld auf dem Mond gibt, wie und wann haben die Gesteine dort dann ihre Magnetisierung erhalten?“ Das sei die große Frage, meint Oded Aharonson vom Weizmann-Institut, der die Magnetfeldmessungen leitet.

Die indische Sonde könnte Beresheet noch überholen

Ob das Raketentriebwerk an der Unterseite, das den Roboter den vom Google Lunar X Prize geforderten halben Kilometer von der Landestelle wegbewegen soll, gezündet wird, ist noch nicht entschieden. Auf der einen Seite lockt der „große Schritt“, auf der anderen Seite könnte der Lander umkippen oder gar explodieren.

Im Moment hat das Team andere Sorgen. Die indische Raumfahrtagentur ISRO will im April ihre nächste Mondsonde namens „Chandrayaan-2“ starten. Deren Flugzeit wird deutlich kürzer sein und es sei nicht ausgeschlossen, so Winetraub, dass der indische Lander womöglich zuerst aufsetzt.

Der Erfolg der israelischen Mission, die offenkundig eher darin besteht, eine Technologieentwicklung zu demonstrieren, als Wissenschaft zu betreiben, ist entscheidend für die Zukunft. „Das technische Know-how, die gesammelten Daten, die Erfahrung, eine Raumfahrtmission jenseits eines staatlichen Programms voranzutreiben, und die Inspiration für eine ganze Generation junger Menschen – gerade in Israel und dem Nahen Osten – werden wichtige Einblicke und Inspirationen für die nächsten Jahrzehnte liefern“, kommentiert der Raumfahrtspezialist John Horack von der Ohio State University im Wissenschaftsblog „The Conversation“.

Die Mondeuphorie erreicht nun auch Europa

„Für Israel wäre es natürlich ein großer Erfolg, wenn die Mission gelingt“, sagt Hansjörg Dittus, Vorstand für Raumfahrtforschung und -technologie im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. „Aber wenn es um die Erforschung des Mondes geht, benötigen wir größere Nutzlasten. Wenn wir von einem Rover ausgehen, der verschiedene Instrumente an Bord hat und der auch eine gewisse Strecke auf dem Mond fährt, da sind wir schnell bei etlichen Hundert Kilogramm oder gar einer Tonne Gewicht.“ Zum Vergleich: Beresheet wurde so schlank gehalten, dass er mit 185 Kilo (plus Treibstoff für die Anreise) das leichteste Gefährt ist, das je zum Mond geschickt wurde.

Selbstverständlich geht es den Israelis auch darum, die 95 Millionen Dollar an Investitionen wieder hereinzuholen – durch Folgeaufträge. Ende Januar hat der Raumfahrtkonzern IAI, der den Lander gebaut hat, eine Vereinbarung mit der OHB System AG aus Bremen geschlossen. Basierend auf der Entwicklung möchte man der europäischen Raumfahrtagentur Esa ein Mondlandesystem für Nutzlasten bis 150 Kilogramm anbieten. Tatsächlich hat die Esa den Mond jahrelang für nicht spannend genug befunden, um eigene Missionen zu starten. Die Stimmung wendet sich gerade, nun hat die Mondeuphorie auch den alten Kontinent erreicht. Was Europa genau in Sachen Mond tun und lassen wird und wie die Wünsche finanziert werden, darüber wird die Esa-Ministerratskonferenz im November entscheiden. Dann wird sich zeigen, ob die israelisch-deutsche Industrie-Offerte eine Chance hat. Doch zuerst muss sich Beresheet bewähren.

Deutsche Mondmission soll 2020 abheben

Ein wichtiger Mitbewerber beim Google Lunar X Prize waren lange Zeit die PTScientists aus Berlin. Sie haben zwar ein Zwischenziel nicht erreicht, aber weitergearbeitet. Inzwischen ist ein 70 Personen starkes Unternehmen daraus geworden. Anfang 2020 will es zwei Rover auf den Mond bringen, die historische Landeplätze des „Apollo“-Programms aufsuchen und Bilder und Videos zur Erde schicken sollen. Als Partner haben die PTScientists Audi und Vodafone gewonnen, eine SpaceX-Rakete soll die Rover transportieren. Langfristig sollen weitere Missionen folgen, bei denen Kunden aus Industrie und Forschung Taxidienste für ihre Geräte zum Mond kaufen, die dann mittels der Lander- und Rovertechnik ans Ziel gebracht werden. Mit der Arianegroup und Space Application Services lotet PTScientists gerade aus, wie die europäische Raumfahrtagentur Esa eine Mission zur Nutzung des Regoliths zum Mond bekommt. Bei dem Konzept „in-situ resource use“ (ISRU) geht es darum, nicht alle Rohstoffe von der Erde mitzubringen, sondern vorhandene auf den jeweiligen Himmelskörpern zu nutzen. Beim Mond geht es konkret um Wasser und Sauerstoff, der aus dem Mondboden gewonnen werden soll zur Versorgung einer Mondstation oder als Treibstoff für Flüge zu weiteren Zielen.

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