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In einem Klassenraum sitzen Schüler an ihren Tischen und melden sich, vorne steht eine Lehrerin. Foto: Frank Molter/dpa
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Ministerin Prien über Schule nach den Ferien „Ich mache nicht mit beim Lehrerbashing“

Aber Nachholbedarf beim digitalen Unterricht sieht die Kieler Bildungsministerin Karin Prien durchaus. Ein Gespräch über Schule nach den Ferien.

Karin Prien, seit 2017 Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schleswig-Holstein, ist derzeit eine der profiliertesten Persönlichkeiten in der deutschen Bildungspolitik. Die Position, mit der sie im Frühjahr für eine bundesweite Diskussion sorgte - die Abiturprüfungen zugunsten von mehr Präsenzunterricht ausfallen zu lassen - verteidigt Prien im Interview. Die Juristin und CDU-Politikerin war zuvor in Hamburg Mitglied der Bürgerschaft. Das Gespräch führte Amory Burchard.

Frau Prien, kaum kündigten KMK-Chefin Hubig und Bundesbildungsministerin Karliczek an, dass sich Bund und Länder rechtzeitig vor dem neuen Schuljahr auf einen gemeinsamen Rahmen für Hygiene- und Schutzmaßnahmen verständigen wollen, haben sie Ihren Plan für „Ein Schuljahr im Corona-Regel-Betrieb“ in Schleswig-Holstein schon vorgelegt. Wozu braucht es da überhaupt noch bundesweite Absprachen, wenn die 16 Länder eh’ ihre eigenen Wege gehen?
Entgegen dem Eindruck, den Sie wiedergeben, ist die Abstimmung in der KMK seit Mitte März so gut, wie ich sie bisher nicht erlebt habe. Wir stimmen uns alle zehn bis 14 Tage auf Ministerebene und wöchentlich auf Staatssekretärsebene ab und kommen ja auch in regelmäßigen Abständen zu gemeinsamen Beschlüssen. Wir haben am 18. Juni gemeinsam beschlossen, nach den Sommerferien den Regelbetrieb wieder aufzunehmen – und darauf antwortet unser Konzept. Wir starten am 26. Juni in die Ferien, da müssen wir den Schülerinnen und Schülern und den Schulen vorher sagen, wie es ab August weitergeht.

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Aber müsste die KMK nicht schon früher ein mit den Erkenntnissen des Robert-Koch-Instituts abgestimmtes Vorgehen festlegen?
Das ist Bildungsföderalismus – mit vielen positiven Seiten, die sich gerade in der Krise gezeigt haben. Er eröffnet die Möglichkeit, abhängig von den Rahmenbedingungen angemessene Maßnahmen und Pläne zu entwickeln. Das fängt mit dem Infektionsgeschehen an, das ja in Schleswig-Holstein kaum messbar ist und in NRW oder in Bayern in manchen Gegenden durchaus beachtlich.

[Unsere Umfrage unter 16 Ländern, wie vor und den den großen Ferien unterrichtet werden soll, finden Sie hier: Volle Klassen ohne Abstand]

Was bedeutet nun ein „Corona-Regel-Betrieb“ für Schüler, Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte? Nach einem normalen Schulbetrieb, nach dem sich alle sehnen, klingt das nicht.
Wir sind ja nach wie vor in der Pandemie, das können wir nicht wegdiskutieren. Und deshalb werden wir so viel Präsenzbetrieb wie irgend möglich machen, ergänzt durch digitale Formate, bei denen wir ja eine große Lernkurve hingelegt haben. Aber wir sind uns der Tatsache bewusst, dass für die Familien und für die einzelne Schülerin der Vorrang des Präsenzunterrichts der richtige Weg ist.

Für den Fall, dass es im Spätsommer, Herbst keine zweite Pandemie-Welle gibt: Sollen die Schulen komplett zum gewohnten Unterricht wie vor der Krise zurückkehren?
Das Infektionsgeschehen lässt sich nicht vorhersagen. Aber die extrem drastische Maßnahme, alle Schulen im Land zu schließen, werden wir so vermutlich nicht mehr ergreifen müssen. Sollte es nach den Ferien punktuell oder regional Ausbrüche geben, werden wir darauf punktuell und regional reagieren. Und das, was wir in der Krise gelernt haben – anders mit digitalen Möglichkeiten zu arbeiten – nehmen wir ins neue Schuljahr mit.

Lehrkräfte, die zu Risikogruppen gehören, dürfen von zu Hause arbeiten. Nach welchen Kriterien werden sie vom Präsenzunterricht freigestellt – und wie viele fallen dadurch für die Rückkehr zur Normalität aus? In Berlin könnten es bis zu 20 Prozent sein, sagt die GEW.
Das war bei uns von Anfang an anders. Zu Beginn der Schulöffnungen sind 13 Prozent der Lehrkräfte zu Hause geblieben. Seit Ende Mai verlangen wir aber ein Attest und dieses wird durch den betriebsärztlichen Dienst überprüft. Daraufhin sind wir im Moment etwa bei fünf Prozent. Und das bedeutet ja auch nur, dass sie nicht im Präsenzunterricht, wohl aber in allen anderen Unterrichtsformen und zur Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen in Jahrgangsteams oder in fachlichen Teams arbeiten.

Ein Porträtbild von Karin Prien. Foto: Carsten Rehder/picture alliance/dpa Vergrößern
Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schleswig-Holstein. © Carsten Rehder/picture alliance/dpa

Wenn es im Konzept heißt, „so viel Präsenzunterricht wie möglich und so viel Distanzunterricht wie nötig“: Muss man sich doch auf vorab geregelte Homeschooling-Phasen einstellen?
Je jünger die Kinder sind, desto mehr brauchen sie das vollständige Präsenzangebot. Und je älter sie sind, desto mehr kann man ihnen selbstständiges Arbeiten und hybride oder rein digitale Formate abverlangen, die ihnen auch gerecht werden. Aber wir planen derzeit nicht mit Distanzunterricht. Sondern wir setzen auf das Kohortenprinzip, nach dem Kinder und Jugendliche in voller Klassenstärke zusammen lernen können.

Das Kohorten-Prinzip ist schon in der Grundschule kaum einzuhalten, wenn etwa Förderschüler mehrerer Klassen gemeinsam unterrichtet werden. Gar nicht vereinbar ist es mit Arbeitsgruppen und dem Kurssystem.
Wir wollen damit möglichst die Vermischung von Gruppen verhindern, um die Nachverfolgung von Infektionen zu erleichtern und diese einzudämmen, ohne gleich die ganze Schule zumachen zu müssen. Für Arbeitsgemeinschaften und kleine Fächer wie Religion für unterschiedliche Konfessionen eröffnen wir die Möglichkeit, im Distanzunterricht zu lehren und zu lernen. Da findet ansonsten eine Durchmischung statt und das sollte wenn möglich verhindert werden.

Im Schulgebäude läuft alles ohne Abstand und Mundschutz. Wie soll das gut gehen?
Aus der heutigen Sicht ist es definitiv nicht geboten, das Abstandsgebot in den Klassen aufrechtzuerhalten. Wir haben Landkreise, in denen seit Wochen kein Infektionsfall aufgetreten ist. Wir werden mit dem wissenschaftlichen Beirat meines Ministeriums beobachten, wie die ersten drei Wochen in den Ferien verlaufen. Das Abstandsgebot ist jedenfalls keine echte Alternative. Mit Blick auf die Räumlichkeiten und die Zahl der Lehrkräfte konnten wir bei geteilten Klassen viel zu wenig verlässlichen Unterricht geben – und das verursacht erhebliche Kollateralschäden.

Die Schäden durch erneute Covid-19-Ausbrüche wären größer.
Alle anderen Hygienevorschriften erhalten wir aufrecht. Die Schülerinnen und Schüler müssen im öffentlichen Nahverkehr Masken tragen, auf dem Schulhof ist es dringend empfohlen. Lehrkräfte müssen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen, dürfen das aber. Häufiges Händewaschen und -desinfizieren, Niesen in die Armbeuge, viel Belüftung der Klassenräume und die dringende Aufforderung an alle, bei Erkältungssymptomen zu Hause zu bleiben – das alles bleibt. Insofern ist es kein Normalbetrieb, sondern eben ein Corona-Regel-Betrieb.

Karin Prien steht an einem Stehpult vor einer Kamera, auf einer Großbildleinwand ist Anja Karliczek ebenfalls am Stehpult zu sehen. Foto: imago images/penofoto Vergrößern
Ministerin Prien stellte ihre Sommerschule für benachteiligte Schülerinnen und Schüler im Juni gemeinsam mit Bundesbildungsminister Anja Karliczek vor. © imago images/penofoto

Testungen auf Covid-19-Infektionen sind nur punktuell geplant. Warum?
Wir machen ein paar Dinge sehr systematisch, die großen Prävalenzstudien mit systematischen Testungen in Kitas und Studien und die große Studie in Lübeck, wo 3000 Menschen über ein Jahr lang mehrfach getestet werden – bislang ohne einen einzigen positiven Befund. Bei dem schwachen Infektionsgeschehen, das wir derzeit haben, wären flächendeckende Testungen etwa aller Lehrkräfte weiße Salbe. Klar ist aber: Wenn sich jemand nicht gut fühlt, sofort zum Arzt und bei Bedarf testen.

Wie geht es weiter mit dem digitalen Lernen?
Wir werden die Ausstattung der Schulen und der einzelnen Schülerinnen und Schüler deutlich verbessern. Eine Berechnung des Bedarfs für zusätzliche Laptops und Tablets, die mit Mitteln des Bundes und meines Landes angeschafft werden können, hat ergeben, dass knapp 30.000 Schülerinnen und Schüler kein eigenes Endgerät haben. Das wird zum Beginn des neuen Schuljahrs anders sein. Und wir haben für das gesamte Land ein Lernmanagementsystem beschafft, It's Learning, das schon in Bremen und demnächst auch in Mecklenburg- Vorpommern genutzt wird. Es ermöglicht eine ganz andere Art von Lehren und Lernen in der digitalen Welt, des Zusammenarbeitens und von Rückmeldungen.

„Distanzlernen wird dokumentiert und ist Teil der Schulpflicht der Schülerinnen und Schüler und der Dienstpflicht der Lehrkräfte“, heißt es im Konzept. Wenn Sie das als Ministerin vorschreiben müssen: Ist seit Mitte März vieles falsch gelaufen?
Wir waren am Anfang in einer absoluten Ausnahmesituation. Und sicher ist es nicht immer und überall gelungen, auf Anhieb guten Unterricht auf Distanz zu machen. Aber da hat sich zuletzt viel geändert, auch dank der Fortbildungsplattform bei unserem Landesinstitut. Ich mache nicht mit beim Lehrerbashing, sehe aber den Nachholbedarf.

[Lehrerbashing? Ein Interview mit einer Berliner Schulleiterin und einem führenden Bildungsforscher über Probleme beim Fernunterricht lesen Sie hier: "Von manchen Lehrkräften hörte ich gar nichts"]

Die Lernrückstände der Schüler sollen ab August durch die Lehrkräfte ermittelt werden. Müsste man nicht für eine solche Analyse der Lernausgangslage die Bildungsforschung hinzuziehen?
Wir haben formalisierte Testformate und gute Instrumente aus den Programmen Lesen macht stark und Mathe macht stark. Und wir haben eine gute Tradition in der Zusammenarbeit mit der Bildungsforschung an den Hochschulen. Aber ich würde der These nicht widersprechen, dass wir noch viel mehr Schlussfolgerungen aus den Testungen ziehen müssen.

Mit Ihrem Vorschlag, auf die Abiturprüfungen zu verzichten, damit alle Altersgruppen schneller in ihre Klassen zurückkehren können, haben Sie sich in der KMK nicht durchgesetzt. Was halten Sie von dem Vorschlag der Friedrich-Ebert-Stiftung, im neuen Schuljahr auf Klassenarbeiten und Zensuren zu verzichten, um mehr Raum für das Lernen zu geben?
Nicht viel, ich sehe das mit Blick auf den Regelbetrieb als nicht gerechtfertigten. Wir müssen die Schülerinnen und Schüler doch auf Übergänge und Schulabschlüsse vorbereiten. Und sie zu Leistung motivieren. Ohne Zensuren funktioniert das nicht. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für reformpädagogische Experimente. Vielmehr sollen künftig auch beim Lernen auf Distanz Leistungsbewertungen verpflichtend sein.

Warum dann ihre liberale Haltung beim Abitur?
Mein Ansatz war zum einen, dass die Abiturprüfungen für die Schülerinnen und Schüler in der Krisensituation eine zu große Zumutung sein könnten. Aber das war erfreulicherweise nicht der Fall, sie hatten gut vorbereitete und in den leeren Schulen auch besonders ruhige Prüfungsbedingungen. Richtig war es aber, zu sagen: Wenn wir uns auf Prüfungen für wenige konzentrieren, haben viele keinen Unterricht, und das führt zu starken Lernrückständen. Genau das ist eingetreten.

Zurück zur Digitalisierung. Wäre es nicht an der Zeit, wirklich alle Schülerinnen und Schüler mit einheitlichen Laptops oder Tablets und die Lehrkräfte mit Dienstgeräten auszustatten – um einen einheitlichen Neustart des digitalen Lernens auf den Weg zu bringen?
Es gibt sicher Vorteile einer einheitlichen Ausstattung von Klassen. Aber die Frage ist: Wer soll das finanzieren? Einzelne Schulen in Schleswig-Holstein haben die Eltern gefragt, und die haben dann neue und einheitliche Geräte angeschafft. Bei den Familien, die das nicht leisten konnten, haben die Fördervereine Leihgeräte finanziert. In Anbetracht der vielen Herausforderungen im Schulwesen wäre es die falsche Prioritätensetzung, alle drei Jahre ganze Schülergenerationen auf Staatskosten mit neuen Geräten zu versorgen.

[Einen Text unseres Kolumnisten Jan-Martin Wiarda über das Krisenmanagement der Bundesforschungsministerin finden Sie hier]

Trauen Sie Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, ihrer Parteikollegin, gleichwohl einen eigenen großen Wurf in Sachen Digitalisierung zu?
Sie hat den mit fünf Milliarden Euro ausgestatteten Digitalpakt endlich praktisch umgesetzt. Und sie hat ihn in der Coronakrise mit einer weiteren Milliarde aufgestockt. Ich könnte mir durchaus weitergehende Dinge im Bereich von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz vorstellen. Die Mittel, die aus dem Bundesministerium dafür fließen, gehen bisher an den Hochschulen, an der Lehrkräftebildung und an der Verbesserung der digitalen Lehre insgesamt vorbei. Das sollte sich ändern. Dafür sind allerdings die Länder mitverantwortlich. Wir in Schleswig-Holstein haben allein für die Hochschulen im digitalen Sommersemester fünf Millionen Euro investiert.

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