Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Für jedes Wetter eine Erklärung: Sven Plöger moderiert Fernseh- und Radiosendungen und ist Meteorologe und Buchautor. Deborah Pulverich
© Deborah Pulverich

Meteorologe Plöger im Interview „Ein Tiefdruckgebiet wie ein Drehwurm“

Sven Plöger macht die globale Erwärmung für mehr Wetterextreme verantwortlich. Ein Gespräch über Starkregen, den Jetstream und die Rolle der Medien.

Sven Plöger, 54 Jahre alt, ist Meteorologe, Fernsehmoderator und Autor. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Zieht euch warm an, es wird heiß!“ und thematisiert die Ursprünge und Folgen des menschengemachten Klimawandels.

Herr Plöger, Starkregen hat vor allem in Nordrhein-Westfalen und in der Eifel zu großen Überschwemmungen geführt – es gibt Tote und Vermisste. Wie ist es zu dieser dramatischen Wetterlage gekommen?
Verantwortlich dafür ist das Tiefdruckgebiet, das bereits länger über der Deutschland liegt und von Oberfranken und Sachsen über Thüringen und Teile Hessens bis in den Westen des Landes gezogen ist. Wie eine Art Drehwurm hat es immer wieder Starkregen über das Land gebracht.

In der Eifel war die Luft gezwungen aufzusteigen – das hat die Regenmengen nochmal verstärkt. Diese Gefahr war auch immer wieder Thema in meinen Wetterprognosen in den Tagen davor.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Auf der einen Seite herrscht in weiten Teilen Deutschlands seit Jahren Dürre, auf der anderen Seite gibt es sintflutartigen Starkregen. Was ist der Grund dafür?
Dürre und Hitze sowie Starkregen und Überflutungen sind zwei Seiten derselben Medaille – und haben mit den Klimaänderungen zu tun. Am Pol wird es rasant wärmer, deshalb nehmen die Temperaturunterschiede zwischen Äquator und Pol weiter ab.

Dadurch werden die Starkwindbänder in der Höhe, auch Jetstream genannt, zunehmend schwächer. Die Folge: Hoch- und Tiefdruckgebiete verweilen länger an ein und demselben Ort. Was das für Konsequenzen haben kann, sehen wir nun im Westen Deutschlands: Tagelanger starker Regen und Überflutungen.

In Westrussland sehen wir im Moment das genaue Gegenteil: Dort ist es wegen des Hochdruckgebietes seit Wochen heiß und trocken. Diese Entwicklung hat die Klimaforschung bereits vor 30 bis 40 Jahren genau beschrieben – also auch, dass wir mit mehr Extremwetter rechnen müssen.

Nach Starkregen hat das Hochwasser der Ahr den Eifel-Ort Schuld verwüstet. Mehrere Häuser sind eingestürzt. Foto: Christoph Reichwein/TNN/dpa Vergrößern
Nach Starkregen hat das Hochwasser der Ahr den Eifel-Ort Schuld verwüstet. Mehrere Häuser sind eingestürzt. © Christoph Reichwein/TNN/dpa

Wie genau schwächt sich der Jetstream ab, der die beschriebenen Wetterlagen begünstigt?
In der Arktis gibt es immer weniger Eis, also auch weniger weiße Fläche, die Sonnenstrahlen wieder zurück ins All reflektieren kann. Durch den menschengemachten Klimawandel könnte das Meereis in der Arktis bereits 2035 verschwinden.

Die Schmelze legt eine immer größere dunkle Wasser- und auch Landoberfläche frei, weshalb das Arktismeer und die gesamte polare Region zunehmend Sonnenstrahlen speichert und sich immer weiter erwärmt – diese Entwicklung nennt man positive Rückkopplung.

Auch deshalb nehmen die Temperaturunterschiede  zwischen Pol und Äquator immer weiter ab. Letztlich führt das zu den beschriebenen Wetterlagen, bei der Hoch- und Tiefdruckgebiete nur langsam weiterziehen und damit auch Hitzewellen und Starkregen häufiger auftreten.

[Mehr aus der Hauptstadt. Mehr aus der Region. Mehr zu Politik und Gesellschaft. Und mehr Nützliches für Sie. Das gibt's nun mit Tagesspiegel Plus: Jetzt 30 Tage kostenlos testen.]

Wann wird Starkregen für Städte und Gemeinde zum Problem – welche Umstände begünstigen Überschwemmungen?
Je stärker es regnet, desto schwieriger können kleine Bäche, Flüsse oder die Kanalisationen das Wasser auch wieder abführen. Gefährlich wird es vor allem, wenn es wegen einem Taleinschnitt oder Baustellen Engstellen gibt und das Wasser dort hindurchfließen muss.

Dann tritt der Bernoulli- oder Düseneffekt ein, der vereinfacht ausgedrückt sagt „je enger desto schneller“. Das führt dann zu reißenden und zerstörerischen Wasserfluten. Gerade in Bergregionen wie in der Eifel werden die Wassermassen auch durch die Hangneigung beschleunigt und es können zusätzlich auch Schlammlawinen ausgelöst werden. Im Flachland überfluten hingegen größere Flächen für lange Zeit, so dass sie nicht nutzbar sind und eine Gefahrenquelle darstellen.

Auch das Eifelstädtchen Prüm ist von der Hochwasserkatastrophe hart getroffen worden und überflutet. Foto: imago images/Eibner Vergrößern
Auch das Eifelstädtchen Prüm ist von der Hochwasserkatastrophe hart getroffen worden und überflutet. © imago images/Eibner

Wird das Extremwetter noch weiter zunehmen, wenn sich die Klimakrise verschärft?
Auf jeden Fall. Das erleben wir ja bereits jetzt bei einer um 1 Grad wärmeren Welt. Bei 1,5 oder 2 Grad höheren Durchschnittstemperaturen gibt es immer mehr Energie in der Atmosphäre. Das bedeutet nicht nur mehr Starkregen, sondern auch nahezu unglaubliche Hitzespitzen wie jüngst in Nordskandinavien mit weit über 30 Grad oder auch wie während der Hitzewellen in Deutschland im Sommer 2019. 

Das drastischste Beispiel ist aber immer noch die extreme Hitze in Kanada, wo der Ort Lytton – auf dem 50. Breitengrad, was der Region Frankfurt entspricht – Ende Juni fast 50 Grad verzeichnete und danach durch Brände zerstört wurde.

Unter normalen klimatischen Bedingungen wäre ein solches Extrem fast nicht möglich – das ist weit entfernt vom üblichen Wetterspektrum. Jüngste Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass der Klimawandel eine solche Hitze wie in Lytton mindestens 150-mal wahrscheinlicher gemacht hat. Damit ist klar: Hitzerekorde nehmen zu, während Kälterekorde abnehmen – das ist eine deutlich sichtbare Entwicklung des Klimawandels.

Anfang Juli hat die extreme Hitze im kanadischen Lytton weltweit für Aufsehen gesorgt. Brände haben die Stadt zerstört. Foto: imago images/ZUMA Press Vergrößern
Anfang Juli hat die extreme Hitze im kanadischen Lytton weltweit für Aufsehen gesorgt. Brände haben die Stadt zerstört. © imago images/ZUMA Press

Die Präsidentin vom Deutschen Roten Kreuz forderte, dass sich Deutschland künftig besser auf solche Katastrophen vorbereiten müsse, weil Wetterextreme wie in NRW zunähmen. Wie ist ihre Einschätzung dazu?
Mehr Vorbereitung auf solche Extremwetter sind absolut notwendig. Wir müssen die vom Klimawandel ausgehenden sehr unterschiedlichen Gefahren verstehen und uns an sie anpassen. Dazu zählen Dürren wie im Jahr 2018, aber auch Hochwasserereignisse, bei denen Talsperren sicher sein müssen.

Ganz grundsätzlich sollte die Politik beim Klimawandel auf die Wissenschaft hören. Wie wichtig das ist, haben wir auch bei der Corona-Pandemie gesehen: In Ländern, in denen Verantwortliche auf die Wissenschaft gehört haben, sind weniger Menschen gestorben, als in Ländern wo etwa Präsidenten absurde und haltlose Thesen verbreitet haben.

Die Flutkatastrophe in Prüm in der Eifel hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Foto: imago images/Eibner Vergrößern
Die Flutkatastrophe in Prüm in der Eifel hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. © imago images/Eibner

Welche Rolle sollten Medien einnehmen, was die Berichterstattung über Extremwetter in der Klimakrise angeht?
Eine sachliche Berichterstattung ist fundamental. Dazu gehört auch, Hintergründe zum Klimawandel einzuordnen. Zurzeit leben wir in einer Art Schnipsel-Welt – unzählige kurze Nachrichten prasseln auf die Menschen ein. Viele Zuschauer spiegeln mir, dass sie den Überblick verlieren, was die Menge an Informationen beim Klimawandel angeht.

Ohne Einordnung gibt es aber keinen Wissensgewinn, sondern eher immer mehr Verwirrung, was die Zusammenhänge zwischen Wetter und Klima angeht. Wenn Politik und Bevölkerung vernünftig mit dem Klimawandel umgehen wollen, braucht es eine gewisse Akzeptanz, und die gibt es nur mit Wissen.

Dann kann nämlich jeder von uns unsinnige Thesen sofort zurückweisen. Sir Francis Bacon hat einmal gesagt: Wissen ist Macht. Andersrum wird es für den Umgang mit dem Klimawandel noch klarer: Unwissen ist Ohnmacht.

Anwohner der Ortschaft Balken im nordrhein-westfälischen Leichlingen helfen sich durch Fluten der übergetretenen Wupper. Foto: Roberto Pfeil/dpa Vergrößern
Anwohner der Ortschaft Balken im nordrhein-westfälischen Leichlingen helfen sich durch Fluten der übergetretenen Wupper. © Roberto Pfeil/dpa

Was wäre notwendig, um die Klimakrise und ihre Auswirkungen zu begrenzen?
Eigentlich bräuchten wir einen großen Staubsauger, der CO2 aus der Luft entfernt. Da wir das nicht haben und für lange Zeit verschlafen haben, das Thema ernsthaft anzugehen und freilich nicht vom einen auf den anderen Tag alles „abschalten“ können, ist ein wichtiges Ziel die Klimaneutralität bis 2050 – dieses Ziel gibt es auch auf der politischen Ebene.

Um die globale Erwärmung zu begrenzen, müssen wir also zügig die Treibhausgasemissionen reduzieren. Aber zurzeit blieben wir hinter dem benötigten Klimaschutz zurück.

Wenn wir schauen, was die Menschheit heute tut, dann schaffen wir damit keine Begrenzung auf 1,5 Grad Erwärmung, sondern es geht in Richtung 2,9 Grad Erwärmung. Unternehmen wir gar nichts, ist eine Erwärmung um drei bis vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich – doch das wäre eine komplett andere Welt als wir sie heute haben.

Vier Grad kälter war es noch vor Tausenden von Jahren – damals lagen ganze Länder unter Eisdecken. Wenn wir in 100 Jahren eine vier Grad wärmere Atmosphäre erschaffen, dann wird das eine Welt der Extreme sein.

Zur Startseite