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Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Foto: Imago Images/Photothek/Florian Gärtner
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„Medizinisch nicht haltbar und nicht sinnvoll“ Lauterbach lehnt Lockerungen für Erstgeimpfte strikt ab

Vollständig Geimpfte genießen Privilegien. Sachsens Ministerpräsident will Lockerungen schon nach der ersten Dosis Astrazeneca. Der SPD-Experte wiegelt ab.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat Vorschlägen für mehr Freiheiten für Menschen bereits nach der Erstimpfung eine klare Absage erteilt. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte sich am Samstag für eine schnellere Lockerung der Beschränkungen für Menschen ausgesprochen, die sich das Präparat von Astrazeneca verabreichen lassen.

„Dies ist medizinisch nicht haltbar und auch nicht sinnvoll“, sagte Lauterbach dem Tagesspiegel. „In englischen Daten hat sich der Schutz vor einer Infektion oder der Weitergabe des Coronavirus als relativ gering erwiesen. In England rückt man daher inzwischen auch wieder vom Zwölf-Wochen-Intervall ab und verabreicht die zweite Dosis nach acht Wochen“, sagte der Epidemiologe.

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Kretschmer hatte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe mit Blick auf den Sommerurlaub gesagt, wer mit Astrazeneca geimpft werde, „sollte schon drei Wochen nach der ersten Dosis mehr Freiheiten bekommen“. Er berief sich dabei auf eine entsprechende Regelung in Österreich. „Der Schutz ist schon nach der ersten Astrazeneca-Impfung sehr gut“, sagte der CDU-Politiker.

Lauterbach verweist auf Entwicklung in England

Lauterbach sagte, der Vorschlag sei sicher gut gemeint. „Aber aus meiner Sicht ist das zu riskant. Insbesondere die Gefahr, dass sich dadurch Mutationen verbreiten, wäre groß“, sagte der Mediziner. In England werde vermutet, dass die Verbreitung der indischen Variante B.1.617.2 damit zusammenhänge, dass viele Erstgeimpfte die Infektion bekommen hätten.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Foto:Sebastian Kahnert /dpa Vergrößern
Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. © Sebastian Kahnert /dpa

Auch aktuelle Studien aus Brasilien und den Seychellen hätten gezeigt, dass sich Mutationen über die Immunität Genesener und einmal Geimpfter hinwegsetzen. „Insbesondere Reisende wären in einer vulnerablen Phase einem nicht vertretbaren Risiko für eine Infektion besonders mit einer Virusmutation ausgesetzt“, sagte Lauterbach. „Wir sollten bei unserem eingeschlagenen Weg bleiben und Genesenen sowie zweifach Geimpften Privilegien geben. Österreich kann für Deutschland nicht der Maßstab sein.“

In Österreich bald Privilegien für Erstgeimpfte

In Österreich soll schon bald eine Erstimpfung ausreichen, um Zugang zu Restaurants, Hotels und Veranstaltungen bekommen zu können. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) kündigte Anfang Mai im Parlament an, dass dies 21 Tage nach Erhalt der ersten Dosis gelten solle. Der Nationalrat, beschloss eine Gesetzesänderung, mit der Geimpfte und Genesene von der Testpflicht befreit werden können, wenn ab 19. Mai Gastronomie, Hotellerie, Sport und Kultureinrichtungen wieder öffnen.

„Natürlich soll das auch ein Anreiz sein, dass man sich impfen lässt“, erklärte Mückstein die Idee hinter der Novelle, die ein erster Schritt zur Einführung des grünen Passes ist, wie das geplante Corona-Zertifikat für Geimpfte, Genesene und Getestete in Österreich genannt wird.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wurde am Freitag mit Astrazeneca geimpft. Foto: Imago Images/Photothek/Xander Heinl Vergrößern
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wurde am Freitag mit Astrazeneca geimpft. © Imago Images/Photothek/Xander Heinl

Für den Impfstoff von Astrazeneca ist in Deutschland nach einem Beschluss von Bund und Ländern die Priorisierung mit einer festen Reihenfolge inzwischen aufgehoben worden. In Absprache mit dem Arzt kann man auch frei entscheiden, wann in der zugelassenen Spanne von vier bis zwölf Wochen die Astrazeneca-Zweitimpfung erfolgen soll. Der volle Impfschutz wird erst nach der zweiten Impfung erreicht.

Die Impfkommission empfiehlt für das Präparat einen Abstand von zwölf Wochen zwischen erster und zweiter Dosis. Hintergrund sind Beobachtungen, dass der längere Abstand zu einer besseren Wirksamkeit führt. Die Wirksamkeit einer zweimaligen Impfung im Abstand von vier bis acht Wochen liege laut einem Bericht der europäischen Zulassungsbehörde EMA bei 50,4 Prozent. Bei zwölf und mehr Wochen steige sie auf 72,1 Prozent bis 82,4 Prozent an.

Rund 5,2 Millionen erhielten Astrazeneca-Erstimpfung

Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge haben Stand 14. Mai 5.194.283 Menschen in Deutschland eine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten, 247.779 bekamen bereits die zweite Dosis. Bei Biontech/Pfizer sind es demnach 13.802.106 (Zweitimpfung 7.435.772) und bei Moderna 2.016.794 (649.731). Den Impfstoff von Johnson & Johnson, der nur einmal gespritzt werden muss, erhielten bisher 39.077 Menschen.

Vollständig geimpft sind nach RKI-Angaben bisher rund 8,8 Millionen Menschen (10,6 Prozent). Rund 29,9 Millionen Menschen haben eine Erstimpfung erhalten (35,9 Prozent). Datennachmeldungen sind bei den einzelnen Impfstoffen möglich und erklären etwaige Diskrepanzen.

Studie: Hohe Wirksamkeit fünf Wochen nach erster Spritze

Einer aktuellen Studie aus Italien zufolge sinken bei gegen das Coronavirus Geimpften die Infektionszahlen binnen fünf Wochen nach der ersten Dosis massiv. In dieser Gruppe träten 35 Tage nach der Erstimpfung mit einem Vakzin von Biontech/Pfizer, Moderna oder Astrazeneca 80 Prozent weniger Infektionen auf, stellte das Nationale Institut für Gesundheit fest, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Die Zahl der Einweisungen in ein Krankenhaus sinke um 90 Prozent, die Zahl der Todesfälle um 95 Prozent. Das gelte für alle Altersgruppen sowie Männer und Frauen gleichermaßen. Die Forscher hatten in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium die Daten von 13,7 Millionen Geimpften in dem Land untersucht.

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Seit dem Start der Corona-Impfungen in Deutschland vor fast fünf Monaten ist die Impfbereitschaft deutlich gestiegen. Fast drei Viertel der Deutschen über 18 Jahre wollen sich nach einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur nun gegen das Coronavirus immunisieren lassen. 36 Prozent der Befragten haben sich schon mindestens einmal impfen lassen. Weitere 38 Prozent haben vor, das noch zu tun. Zusammen sind das 74 Prozent.

Mehrheit gegen Lockerung für Geimpfte und Genesene

Kurz vor Beginn der Impfkampagne am 27. Dezember hatten sich erst 65 Prozent für eine Impfung entschieden. 19 Prozent lehnten die Immunisierung damals ab, jetzt sind es nur noch 15 Prozent. Der Anteil der Unentschlossenen ist seit Ende Dezember von 16 auf 11 Prozent gesunken.

Die Mehrheit der Deutschen hält die Aufhebung von Einschränkungen für vollständig Geimpfte und Genesene für falsch. In einer weiteren YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sagten 32 Prozent, die Personengruppen sollten keine Vorteile erhalten, solange nicht jeder die Möglichkeit zur Impfung hatte. Weitere 21 Prozent meinen, Geimpfte und Genesene sollten generell nicht anders behandelt werden als Menschen, die nicht geimpft sind. Dagegen halten nur 39 Prozent die Aufhebung der Einschränkungen für richtig. Acht Prozent machten keine Angaben.

Seit vergangenen Sonntag gilt eine Verordnung, die eine Reihe von Einschränkungen für Geimpfte und von einer Coronavirus-Infektion Genesene aufhebt. Sie können sich wieder uneingeschränkt mit anderen Menschen treffen und müssen auch nächtliche Ausgangsbeschränkungen nicht mehr beachten. Auch das Reisen ist für diese Personengruppen inzwischen leichter. Die Quarantänepflicht bei Rückkehr nach Deutschland gilt für sie nur, wenn sie aus einem Gebiet mit neuen Virusvarianten kommen. Das sind derzeit nur elf Länder außerhalb Europas. Auch von der Testpflicht bei der Einreise nach Deutschland sind sie weitgehend befreit.

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