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Etwa 4000 Demonstranten nehmen am 22.04.2017 am "March for Science" vor der Humboldt-Universität und dem Denkmal des Universalgelehrten Hermann von Helmholtz in Berlin teil. Der March for Science fand in rund 480 Städten weltweit statt. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Medizin und Menschlichkeit Die schöne Vorstellung von Virchow und von Helmholtz als Zeitgenossen

Eine Doppelbiographie zeigt auf, wie das Denken der vor 200 Jahren geborenen Wissenschaftler ihrer Zeit voraus war und bis heute wirkt.

Die beiden jüngeren Menschen auf dem rückseitigen Buchcover, als „neue Berliner Schule“ vorgestellt, dürften viele kennen: Die Molekularbiologin Emmanuelle Charpentier hat im Jahr 2020 für die Entwicklung der Genschere CRISPR/Cas den Nobelpreis für Chemie bekommen. Und der Charité-Virologe und Sars-Spezialist Christian Drosten erklärt inzwischen schon über ein Jahr lang im NDR-Pandemie-Podcast und auf zahlreiche Medienanfragen auch vom Tagesspiegel die Welt der Viren.

Die alte Berliner Schule vertreten zwei gesetzter wirkende Herren auf dem vorderen Cover. Ihnen ist das Buch von Ernst Peter Fischer und Detlev Ganten, „Die Idee des Humanen“, gewidmet. Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz wären beide in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden. In ihrer Weltsicht wirken sie modern.

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Entdecker auf den Barrikaden

Die Aufgabe des Staates sei es, „die Mittel zur Erhaltung und Vermehrung von Gesundheit und Bildung in möglichst großem Umfang durch die Herstellung von öffentlicher Gesundheitspflege und öffentlichem Unterricht zu gewähren“, schreibt Virchow im Revolutionsjahr 1848. Der junge Mann hat in Oberschlesien, wo er eine Flecktyphus-Epidemie untersuchen sollte, großes Elend gesehen. Er ist bereit, an den Barrikadenkämpfen in Berlin teilzunehmen. Durch die Medizin fühlt er sich „in das sociale Gebiet geführt“. Berühmt wurde sein Diktum: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“ Die Autoren Ganten und Fischer empfinden einen weiteren Virchow-Satz als aktuell: „Bildung, Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garantien für die dauerhafte Gesundheit eines Volkes.“

Die Molekularbiologin Emmanuelle Charpentier und der Charité-Virologe Christian Drosten sind als Protagonisten der „neuen Berliner Schule“ auf dem rückseitigen Buchcover abgebildet. Foto: A. Müller-Lissner Vergrößern
Die Molekularbiologin Emmanuelle Charpentier und der Charité-Virologe Christian Drosten sind als Protagonisten der „neuen Berliner Schule“ auf dem rückseitigen Buchcover abgebildet. © A. Müller-Lissner

„Fortschritte in der Medizin“ sollten dieser Aufzählung aber noch hinzugefügt werden. Der Kenntnisstand in der Medizin war Mitte des 19. Jahrhunderts gering. Noch ist etwa nicht bekannt, dass die Cholera durch Bakterien verursacht wird. Der Brockhaus empfahl „Furchtlosigkeit, eine nüchterne Lebensweise“ und das „Vermeiden übermäßiger Anstrengung“ zur Vorbeugung. Virchow erkennt, dass Epidemien „großen Warntafeln“ gleichen, „an denen der Staatsmann lesen kann, dass in dem Entwicklungsgange seines Volkes eine Störung eingetreten ist“. Er ist überzeugt, dass neben zwischenmenschlichen Kontakten verseuchtes Wasser eine Rolle spielt und geht dagegen an.

Auch das Blut ist weitgehend unerforscht, die Existenz von Blutgruppen und Rhesusfaktoren unbekannt. Virchow beobachtete Gefäßverschlüsse nach operativen Eingriffen und machte daraufhin Experimente, die schließlich zur Entdeckung der „Virchowschen Trias“ von Schaden an der Gefäßwand, erhöhter Gerinnungsneigung des Blutes und Verlangsamung seines Fließens führten – und zu den Begriffsprägungen „Thrombose“ und „Embolie“.

Open Access im 19. Jahrhundert

Auch Hermann Helmholtz, später von Kaiser Wilhelm I. in den Adelsstand erhoben, hat Medizin studiert. Seine Liebe galt aber der Physiologie und der Physik. Der vielseitige Naturwissenschaftler forschte zur Leitgeschwindigkeit von Nervenzellen, zum Energieverbrauch von Muskeln, machte Entdeckungen im Bereich der Optik, der Akustik und speziell auch der Musik und erfand Apparaturen wie einen einfachen Augenspiegel zur Betrachtung des Augenhintergrunds. Er wurde vielfach geehrt und erster Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Charlottenburg. In der Bismarck-Ära galt er als „Reichskanzler der Physik“.

Fischer und Ganten erläutern an vielen Beispielen, wie präzise Helmholtz arbeitete, wie er immer wieder darauf bestand, Hypothesen durch Beobachtungen und Messungen zu überprüfen. Auf diese Weise hofft er nicht zuletzt „den Zustand der Dame Medicin“ zu verbessern und damit Patienten zu helfen.

Die Autoren lassen Helmholtz aber auch als Menschen lebendig werden, der die Gemeinschaft aller Wissenschaftler im Auge behielt: „Jeder einzelne Forscher arbeitet an seinem Theile; jeder Einzelne muss aber wissen, dass er nur im Zusammenhang mit den Anderen das große Werk weiter zu fördern im Stande ist, und dass er deshalb verpflichtet ist, die Ergebnisse seiner Arbeit den Übrigen möglichst vollständig und leicht zugänglich zu machen.“ Ein frühes Plädoyer für Transparenz und das Teilen wissenschaftlicher Daten. Und ein weiterer guter Grund, ihn zum Namensgeber der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren zu machen.

Umtriebige Autoren

„Wer in Äonen denkt, dem erscheinen Helmholtz und Virchow fast wie Zeitgenossen. Eine schöne Vorstellung.“ Dass sie Vorbilder sein könnten, führt die Autoren zu einem kurzen und recht kursorischen Abriss der medizinischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert und zu einem Ausblick auf eine Gesundheitsstadt Berlin, die ihrer Ansicht nach unter dem Markenzeichen „Virchow 2.0“ firmieren könnte.

Ernst Peter Fischer, Detlev Ganten: Die Idee des Humanen – Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité. 2021, ISBN 978-3-7776-2902-5, 264 Seiten, S. Hirzel Verlag Foto: S. Hirzel Verlag Vergrößern
Ernst Peter Fischer, Detlev Ganten: Die Idee des Humanen – Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité. 2021, ISBN 978-3-7776-2902-5, 264 Seiten, S. Hirzel Verlag © S. Hirzel Verlag

Schade, dass für Fotos des Autoren-Duos auf dem Cover kein Platz war. Sie hätten ihn verdient.

Der Wissenschaftshistoriker und -publizist Ernst Peter Fischer hat sich durch sein Buch „Die andere Bildung“ bleibende Verdienste erworben, indem er das Fundament des Bestsellers „Bildung. Alles, was man wissen muss“ des Anglisten Dietrich Schwanitz in Frage stellte. Eindrücklich machte er klar, dass nicht allein Kenntnisse über Goethe, Shakespeare und Picasso zur Allgemeinbildung zählen, sondern dass ein kultivierter Mensch auch über naturwissenschaftliches Grundwissen verfügen sollte.

Dem Einwand, Klassiker der Naturwissenschaft überlebten sich eben im Unterschied zur großen Dichtung, weil die Forschung voranschreite, entgegnet er in seinem Buch, dass auch Einstein nicht müde geworden sei, Newton zu studieren, „um zu verstehen, von welchem Ausgangspunkt aus und auf welchen Wegen sich eine große Theorie wie die mathematische Mechanik Newtons entwickelt hat“.

Der zweite Autor des Buches, der Mediziner, Klinische Pharmakologe, Hochdruckforscher, Gründungsdirektor des Max Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin, ehemalige Vorstandsvorsitzende der Charité und Gründungspräsident des World Health Summit, Detlev Ganten konnte wie Virchow und von Helmholtz in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiern, seinen 80. An Aktivität steht dieser Jubilar dem 120 Jahre früher geborenen von ihm portraitierten „rastlosen Rudolf“ keineswegs nach.

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