Marco Alves leitet die "Medikamentenkampagne" von "Ärzte ohne Grenzen" in Deutschland. Foto: Barbara Sigge
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Medikamente gegen Tuberkulose Wir könnten viel mehr Leben retten

Marco Alves

Der Preis für die Tuberkulose-Arznei Bedaquilin muss fallen. Ein Gastbeitrag von "Ärzte ohne Grenzen".

Tuberkulose (TB) ist derzeit die tödlichste Infektionskrankheit weltweit. 1,6 Millionen Menschen sind 2017 an der Krankheit gestorben, weit mehr als eine halbe Million Menschen sind im gleichen Jahr an einer resistenten Form der TB erkrankt. Die Behandlung ist in diesen Fällen besonders schwierig. Sie kann bis zu zwei Jahre dauern, schmerzhaft und mit massiven Nebenwirkungen wie Depressionen oder Gehörverlust verbunden sein. Und noch schlimmer: Nur die Hälfte der behandelten Menschen wird gesund.

Wirksam, sicher - aber zu teuer

Für die Hunderttausenden Menschen, die an resistenter TB erkrankt sind, könnte das Medikament Bedaquilin die Rettung sein. Entwickelt von dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen Johnson & Johnson (J&J) ist es eines von lediglich zwei neuen Antibiotika gegen TB, die in den vergangenen 50 Jahren auf den Markt gekommen sind. Bedaquilin ist in der Anwendung wirksamer und sicherer als die bisher verwendeten Wirkstoffe. Es ermöglicht eine kürzere und einfacher zu verabreichende Therapie. Das Problem: Nur knapp 30 000 Menschen konnten Bedaquilin bis Ende 2018 erhalten – ein Bruchteil derer, die eine Therapie mit dem Wirkstoff eigentlich bräuchten.

Vergangene Woche sagte der Forschungsleiter von J&J, Paul Stoffels, im Interview mit dem Tagesspiegel, es sei realistisch, „Tuberkulose auf einem sehr geringen Level zu halten“. Das wäre mehr als wünschenswert. Aber dafür ist es auch notwendig, dass J&J hierzu entsprechend mehr beiträgt.

Es fängt allein schon damit an, dass Bedaquilin in den 18 am stärksten betroffenen Ländern immer noch nicht registriert ist und deshalb dort nicht auf den Markt kommt. Wie kann das sein?

Öffentlich geförderte Forschung

Zwar bietet J&J Bedaquilin in ärmeren Ländern zu einem reduzierten Preis an. Doch 400 Dollar für eine sechsmonatige Behandlung sind oft immer noch zu teuer für die Länder, die am stärksten von resistenter TB betroffen sind, etwa Länder in Afrika, Osteuropa und Zentralasien. Die angekündigte Preisreduktion hat J&J zudem seit Juli 2018 bislang nicht umgesetzt. Neuere Studien zeigen, dass Bedaquilin schon für Preise zwischen 8 und 16 Dollar pro Monat produziert und profitabel verkauft werden könnte. Auf den Vorteilspreis von J&J wirft dies ein ganz anderes Licht.

Hinzu kommt, dass große Summen öffentlicher Gelder in die Entwicklung von Bedaquilin geflossen sind, etwa vom US-amerikanischen Gesundheitsministerium oder der TB Alliance. Wichtige klinische Studien zu dem Medikament wurden von mehreren öffentlichen Akteuren und von „Ärzte ohne Grenzen“ durchgeführt – nicht nur von J&J. Dabei waren diese Studien die Grundlage dafür, dass die Weltgesundheitsorganisation Bedaquilin vor wenigen Wochen als Kernbestandteil jeder Behandlung von resistenter TB sowie eine massive Ausweitung und frühestmögliche Behandlung mit dem Antibiotikum empfahl. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wieso J&J seine Verantwortung hierbei nicht anerkennt und warum es nicht selbstverständlich ist, dass das Medikament zu Preisen angeboten wird, die für alle Menschen bezahlbar sind.

Ziel: Tuberkulose bis 2030 beenden

Ganz im Gegenteil versucht J&J stattdessen gerade in Indien, zusätzliche Patente auf Bedaquilin zu beantragen, um damit die Herstellung preisgünstiger Generika durch andere Firmen auf Jahre zu blockieren. Das hat insbesondere dann einen makabren Beigeschmack, wenn man sich vor Augen führt, dass Indien das Land mit der weltweit größten Krankheitslast durch TB ist. Zwei junge ehemalige TB-Patientinnen, die als Folge einer Behandlung mit alten TB-Medikamenten ihr Gehör verloren haben, bieten J&J mutig die Stirn und gehen seit letzter Woche gegen diesen Versuch öffentlich vor. Wir hoffen sehr, dass die beiden Erfolg haben. Wir könnten viel mehr Leben retten, wenn Bedaquilin wirklich für alle Menschen, die es brauchen, zugänglich und bezahlbar wäre. Nur dann ist es realistisch, das Ziel der Vereinten Nationen zu erreichen, Tuberkulose bis 2030 zu beenden.

Forschung, die – obwohl dringend gebraucht – nur dann passiert, wenn sie viel Geld einbringt? Medikamente, die zu so hohen Preisen verkauft werden, dass diejenigen, die sie dringend brauchen, sie sich nicht leisten können? Da liegt ein Fehler im System, der schleunigst angegangen werden muss. Hier müssen Regierungen eingreifen, indem sie Forschung stärker finanzieren und Anreize setzen. So weit stimme ich Herrn Stoffels zu. Im Gegensatz zu ihm denke ich, dass diese öffentlichen Investitionen dann auch der breiten Öffentlichkeit zugutekommen müssen und nicht das Hauptziel haben sollten, den Gewinn von Pharmaunternehmen zu steigern. Es müssen genau die Medizinprodukte entwickelt werden, die dringend benötigt werden – und zwar auch dann, wenn keine riesigen Erlöse oder enorme Verkaufsmengen winken. Dies zu Preisen, die bezahlbar sind – für alle Menschen weltweit.

Der Autor leitet die Medikamentenkampagne von „Ärzte ohne Grenzen“.

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