Im Hintergrund. So setzte der Fotograf das Forscher-Duo 1928 in Szene: Lise Meitner, seit 1917 Leiterin der physikalischen Abteilung des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie, mit Otto Hahn, dem Direktor des Instituts. Foto: imago/Leemage
© imago/Leemage

Lise Meitner Durch den Hintereingang ins Berliner Labor

Felicitas von Aretin

Zum 50. Todestag Lise Meitners: Sie war von klein auf physikbegeistert, doch ihr Weg zur gefeierten Forscherin war hart erkämpft.

„Dass das Leben nicht immer einfach war, dafür sorgten der Erste und Zweite Weltkrieg und ihre Folgen. Aber für die Tatsache, dass es wirklich ausgefüllt war, habe ich der wunderbaren Entwicklung der Physik und den großen liebenswürdigen Persönlichkeiten zu danken, mit denen ich durch meine physikalische Arbeit in Berührung kam“, schreibt die 85-jährige Lise Meitner in ihren Lebenserinnerungen. Am 7. November 1878 in Wien in eine assimilierte jüdische Bürgersfamilie geboren, war es ihr nicht in die Wiege gelegt, zu einer der berühmtesten Physikerinnen des 20. Jahrhunderts zu werden. Meitners Vater, ein kunstsinniger Anwalt, widersetzte sich zunächst dem Wunsch seiner Tochter, Physik zu studieren – obwohl unter deren Kopfkissen schon das „Physikbüchl“ lag. Während ihre Schwestern Medizin studieren und zur Pianistin ausgebildet wurden, muss die Jüngere ein Lehrerinnenseminar besuchen.

„Ich verlor wertvolle Jahre“, resümiert sie. Damit Lise Meitner auf einem Jungengymnasium die Matura machen kann, zahlt ihr Vater schließlich den Privatunterricht. 1901 immatrikuliert sie sich an der Wiener Universität als landesweit zweite Studentin für Physik und Mathematik. Der theoretische Physiker Ludwig Boltzmann fördert ihr Ausnahmetalent. Nach der Promotion 1906 gerät Meitner in den Bann der Radioaktivitätsforschung, einem innovativen Fach, das weltweit Forschende begeistert.

Um 1900 revolutionieren die Entdeckung der Röntgenstrahlen, der Radioaktivität und des chemischen Elements Radium die Fächer Chemie und Physik: 1896 stößt der französische Physiker Henri Becquerel darauf, dass Uransalz radioaktiv strahlt. Zwei Jahre später isoliert das französisch-polnische Ehepaar Marie und Pierre Curie zwei unbekannte chemische Elemente, die eine höhere Strahlung als Uran aufweisen, das Radium und Polonium. Für die Entdeckung der Radioaktivität erhalten die drei Wissenschaftler 1903 den Nobelpreis – mit Marie Curie erstmals eine Frau.

Im Radiumfieber

Das Radium avanciert zum Kultobjekt. Österreich-Ungarn spielt im Radiumfieber eine besondere Rolle: Bis 1918 kann die Doppelmonarchie das Radium nutzen, das im böhmischen St. Joachimsthal als Pechblende gewonnen wird. In Wien entsteht 1910 das weltweit erste Institut für Radiumforschung.

„Ursprünglich gingen meine Gedanken mehr in Richtung allgemeine Physik“, erinnert sich Lise Meitner. Als sie 1907 einen Vortrag von Max Planck hört, dessen Quantentheorie die Physik revolutioniert, entscheidet sie sich nach Berlin zu ziehen, dem Mekka der modernen Naturwissenschaften. Der Anfang in Preußen, das Frauen erst 1908 zum regulären Studium zulässt, wird nicht einfach. Bis dahin stand es im Belieben des Ordinarius, ob er Studentinnen als Gasthörer duldete. Viele Professoren hielten Frauen für zu labil und wenig leistungsfähig, um studieren oder arbeiten zu können. Obgleich in Wien promoviert, benötigt auch Lise Meitner eine Sondererlaubnis des Institutsleiters, damit sie das in einem Holzschuppen untergebrachte Labor betreten darf – zunächst aber nur durch den Hintereingang. Einmal mehr erweist sich das Kaiserreich als verspätete Nation: In England, Russland und Skandinavien können sich Frauen bereits in den 1870er Jahren immatrikulieren. Die Universität Zürich lässt Studentinnen schon 1864 zum Studium zu, wovon vor allem anarchistisch gesonnen Russinnen und bildungshungrige Deutsche wie die Revolutionärin Rosa Luxemburg oder die Schriftstellerin Ricarda Huch Gebrauch machen.

Lise Meitner ist oft Gast im Hause Planck

Zu den Gegnern des Frauenstudiums in Berlin zählt auch Max Planck. Doch er erkennt rasch die Begabung Meitners. Zunächst forscht sie unbezahlt mit dem fast gleichaltrigen Chemiker Otto Hahn. Ihre kongeniale wie interdisziplinäre Zusammenarbeit mündet nicht nur in einer tiefen Freundschaft, sondern in die Entdeckung der Kernspaltung 1938/39. Max Planck macht die Österreicherin, die seit 1912 als Gast am neugegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie arbeitet, im gleichen Jahr zu seiner Assistentin.

Bald ist sie Gast bei den legendären Musikabenden im Hause Planck, wo sich die wissenschaftliche Elite trifft. Freundschaften verbinden sie sowohl mit der Genetikerin Elisabeth Schiemann als auch mit den Zwillingstöchtern Plancks. „Wenn ich von politischen Problemen absehe, so waren meine in Deutschland verbrachten Jahre die schönsten meines Lebens(….) Immer gab es sehr interessante wissenschaftliche Diskussionen und sehr viel Freundschaftlichkeit und Fröhlichkeit, die ich sehr bewusst genossen habe, wobei ich mich manchmal sehr verwöhnt gefühlt habe“, erinnert sie sich.

Hahn erprobt chemische Kampfgase

Der Erste Weltkrieg beendet die Zusammenarbeit an den Betastrahlen: Vom nationalen Fieber ergriffen, meldet Hahn sich an die Front und erprobt chemische Kampfgase. Lise Meitner kümmert sich als Röntgenschwester um schwerverletzte Soldaten. 1916 kehrt sie an das Institut zurück, wo sie ein neues Element, das Protactinium entdeckt. „Wenn man solange nach etwas gesucht hat, ist das Vergnügen und das Glück, es endlich zu finden, doppelt groß“, schreibt sie nach Wien. Noch während des Krieges beginnt ihr steile Wissenschaftskarriere: 1917 ernennt die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sie zur Abteilungsleiterin. 1919 wird ihr der Professorentitel verliehen. Die stets elegant gekleidete Österreicherin verdient so viel wie ihre Kollegen und wohnt umsorgt von einer Haushälterin in einer Dienstvilla. Einstein bittet sie um Zusammenarbeit. Von den Koryphäen ihrer Zeit wird Meitner zu Vorträgen auf internationalen Kongressen eingeladen.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernehmen, endet die Professorentätigkeit an der Berliner Universität abrupt. Am liberal gesonnenen KWI für Chemie kann Lise Meitner aber zunächst unbehelligt weiterarbeiten. Erst als Hitler 1938 Österreich annektiert, wird ihre Situation lebensbedrohlich. Mit Hilfe ihrer Freunde gelingt die Flucht nach Schweden: „Um keinen Verdacht zu erregen, war ich am letzten Tag meines Lebens in Deutschland bis acht Uhr abends im Institut und korrigierte noch eine zu veröffentlichende Arbeit eines jungen Mitarbeiters. Dann hatte ich genau 1 1/2 Stunden Zeit, um ein paar notwendige Sachen in 2 kleine Koffer zu packen und um für immer von Deutschland wegzugehen – mit zehn Mark in der Tasche.“

Meitners Briefe zeugen von tiefen Depressionen

Der Anfang in einer fremden Sprache fällt der 60-Jährigen schwer. Die Laborausstattung im Nobel-Institut eignet sich zudem nicht für ihre komplexen Versuchsanordnungen. Nach einer glanzvollen Karriere findet sie sich als Assistentin ihres Schülers Manne Siegbahn wieder, der sie nicht unterstützt. Meitners Briefe zeugen von tiefen Depressionen. Kurz vor Weihnachten schreibt ihr Otto Hahn in einem später berühmt gewordenen Briefwechsel, von seinen für ihn unerklärlichen Transuran-Ergebnissen. Danach sieht es so aus, als habe er mit Fritz Straßmann auf chemischen Weg den bislang als unteilbar geltenden Radiumkern geteilt.

„Ich bin ziemlich sicher, dass Ihr wirklich eine Zertrümmerung zum Ba (Element Barium) habt, das ist wirklich ein wunderschönes Ergebnis, zu dem ich Dir und Straßmann sehr herzlich gratuliere“, antwortet Lise Meitner. Sofort macht sie sich mit ihrem Neffen, dem Physiker Otto Frisch daran, die Kernspaltung physikalisch mit der Einstein-Formel nachzuweisen, wonach Masse in Energie umgewandelt wird. Während die Berliner weltweit gefeiert werden, geht der Anteil Meitners unter. Dies ändert sich mit dem amerikanischen Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Die Presse stilisiert sie zur „Mutter der Atombombe“.

"Frau des Jahres"

Bereits 1946 lehrt Meitner als Gastprofessorin an der katholischen Universität in Washington. In den USA trifft sie Freunde und Familie, erhält zahlreiche Ehrentitel und wird zur „Frau des Jahres“ gewählt. Der US-Präsident Harry Truman lädt sie ins Weiße Haus ein und überrascht sie mit den Worten: „So you are the little lady who got us into all of this“ – „Sie also sind die kleine Dame, die uns all das eingebrockt hat.“

1944 war Hahn der Nobelpreis zugesprochen worden. Lise Meitner reagiert sachlich: „Hahn hat sicher den Nobelpreis für Chemie voll verdient, da ist wirklich kein Zweifel.“ Später wird es sie kränken, dass er ihren Beitrag nicht würdigt. Gleichzeitig leidet die Pazifistin darunter, dass ihre Forschung Grundlage für eine Vernichtungswaffe war. In der Nachkriegszeit erhält sie über 20 Auszeichnungen – darunter den Otto-Hahn-Preis und das Bundesverdienstkreuz und wird mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen. Erhalten hat sie ihn nie. Seit 1947 arbeitet sie als Forschungsprofessorin an der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm. Ein Angebot der Max-Planck-Gesellschaft, an das Institut für Chemie in Mainz zu kommen, lehnt sie ab. 1956 besucht sie Berlin – zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Freien Universität.

Mit 82 zieht Meitner zu ihrem Neffen nach Cambridge, wo sie am 27. Oktober 1968 – morgen vor 50 Jahren – stirbt. Nach ihrem Tod wird ein Element nach ihr benannt und ihre Büste im Deutschen Museum aufgestellt – die erste einer Frau. Doch erst seit der Jahrtausendwende werden Meitners bahnbrechende Leistungen umfassend gewürdigt.

Zur Startseite