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Ampullen des Impfstoffs von Astrazeneca. Foto: Tiziana Fabi/AFP
© Tiziana Fabi/AFP

Update Lieferengpass bei Astrazeneca Thüringen stoppt Terminvergabe und verschiebt Impfungen bei Hausärzten

Thüringen reagiert als erstes Bundesland auf die neuen Lieferprobleme von Astrazeneca. Der Streit um die deutsche Impfstrategie wird schärfer.

Angesichts des deutlich steigenden Infektionsgeschehens und weiteren Lieferengpässen bei den Vakzinen verschärft sich der Streit über die deutsche Impfstrategie gegen das Coronavirus weiter. Weil Astrazeneca deutlich weniger Impfstoff liefert als angekündigt, stoppt Thüringen vorerst die Terminvergabe und verschiebt den Start von Impfungen bei Hausärzten. Die SPD forderte unterdessen am Samstag, dass Hausärzte in Gebieten mit hohen Infektionszahlen sofort mit Impfungen beginnen sollen.

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„Wenn wir jetzt nicht nur darüber reden, sondern den Impfturbo tatsächlich einlegen wollen, führt kein Weg an den Haus- und Fachärzten vorbei“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, der „Augsburger Allgemeinen“.

Gerade in Grenzgebieten mit hoher Inzidenz sei es sinnvoll, die ambulanten Praxen umgehend einzubeziehen. „Die niedergelassenen Ärzte könnten innerhalb von wenigen Tagen den kompletten vorrätigen Impfstoff problemlos verimpfen“, sagte Dittmar. Eine Registrierung sei dazu nicht notwendig, da die Terminvergabe am sinnvollsten direkt in der Arztpraxis erfolge. Von den Priorisierungsvorgaben könne „in diesen extrem betroffenen Regionen abgewichen werden“.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte am Freitag deutlich gemacht, dass er an dem Impfplan und den Priorisierungen festhalten will. Trotz des Drängens der Hausärzte, die die Impfungen in Deutschland am liebsten so schnell wie möglich komplett übernehmen wollen, will Spahn die Praxen erst allmählich einbeziehen. Solange der Impfstoff noch knapp sei, müssten weiter zunächst die besonders Gefährdeten, nämlich die Hochbetagten, geimpft werden, sagte Spahn: „Wir können aber mit jedem Schritt und wachsender Menge die Übergänge fließender gestalten.“

Und gerade für Menschen mit Vorerkrankungen seien die Arztpraxen ein „idealer Ort“, weil sie dort als Patienten bekannt seien. Spahn stellte klar, dass neben dem Impfen in den Praxen die Impfzentren bis auf weiteres weiter betrieben werden sollen. Allerdings sei der Wechsel in die Praxen ein „entscheidender Schritt“, um das Impftempo zu erhöhen.

Astrazeneca liefert EU statt 220 nur 100 Millionen Dosen

Erst am Freitagabend hatte es einen weiteren herben Rückschlag für die Impfkampagne in der EU gegeben: Der Hersteller Astrazeneca kündigte erneut drastische Lieferkürzungen an. Statt der zuletzt anvisierten 220 Millionen Dosen sollen nur noch 100 Millionen bis zur Jahresmitte an die EU-Staaten gehen. Der deutsche Anteil daran liegt rechnerisch bei etwa 19 Millionen. Der Konzern begründete dies unter anderem mit Exportbeschränkungen, ohne Details zu nennen.

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) bezeichnete die angekündigte Lieferkürzung als „absolut inakzeptabel“, wie ihr Ministerium am Samstag nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa mitteilte. Nach Thüringen sollten kommende und die darauffolgende Woche 31.200 Astrazeneca-Impfdosen geliefert werden. Dem Gesundheitsministerium zufolge werden es nun nur noch 9600 sein.

Thüringens Gesundheitsministerin kritisiert Spahn

Werner kritisierte Bundesgesundheitsminister Spahn, der die Länder im Februar aufgefordert habe, keine Astrazeneca-Impfstoffdosen zurückzuhalten, weil die Liefermengen sicher seien. „Genau das haben wir getan und jede einzelne Impfdosis verplant. Jetzt zwingt uns die Ankündigung aus dem Bundesgesundheitsministerium zu einem Stopp unserer Terminvergabe und zur Verschiebung der Einbindung der Hausärzte“, sagte Werner. Dies sei mehr als ärgerlich. „Damit ist auch der letzte Funke an Vertrauen in verbindliche Zusagen erloschen. Ich fordere den Bundesgesundheitsminister auf, sofort zu intervenieren.“

Ursprünglich sollte noch im März in Thüringen ein Modellprojekt starten, bei dem erstmals auch Hausärzte Corona-Impfungen durchführen sollten. Ziel des Projektes war es, vor allem ältere Menschen zu Hause zu impfen, die nicht in einer Einrichtung leben und denen es zudem schwer fällt, in die Impfzentren zu kommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs wollen am Mittwoch beraten, wie die Hausärzte in die Impfungen einbezogen werden können. Bei der Konferenz solle es darum gehen, wie ein Einstieg der Hausärzte in die Impfkampagne „ab Anfang, Mitte April“ zu organisieren wäre, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Lindner: Impfgarantie für alle bis Sommerferien

FDP-Chef Christian Lindner forderte die Bundesregierung auf, den Bürgern eine Garantie für eine Erstimpfung bis zum Beginn der Sommerferien zu geben. Dazu müsse es beim Impfgipfel aber handfeste Ergebnisse geben. „Insbesondere erwarte ich, dass schneller über Haus-, Fach- und Betriebsärzte geimpft wird“, sagte Lindner der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Merkel hatte davon gesprochen, dass allen Erwachsenen bis zum kalendarischen Sommerende am 21. September ein Impfangebot gemacht werden solle. Lindner sagte, US-Präsident Joe Biden habe den US-Bürgern zum Nationalfeiertag am 4. Juli ein weitgehend normales Leben in Aussicht gestellt. Die Bürger in Deutschland wüssten dagegen noch nicht einmal, ob das Land am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, so weit sei.

„Der Impfgipfel muss Ärzte und Apotheker mit einbeziehen. Erste Impfangebote in den Arztpraxen ab Mitte April kommen zu spät. Denn Haus- und Fachärzte kennen ihre Patienten gut. Sie können anhand der Vorgaben am besten entscheiden, wer den Impfstoff am dringendsten braucht“, sagte Lindner. Kaum ein anderes Land habe so ein engmaschiges Netz an Praxisärzten wie Deutschland. Fahrlässig sei es, wenn dieser Vorteil nicht genützt würde „und andererseits Impfstoff herumliegt, weil er nicht schnell genug verimpft werden kann“.

Merkel will „Monitoring der Produktion“ einführen

Um Lieferschwierigkeiten im zweiten Quartal dieses Jahres zu vermeiden, will die Bundesregierung ein „Monitoring der Produktion“ einführen, das Störungen verhindern oder zumindest früh erkennen und beseitigen solle. Dies sagte Impfstoffbeauftragte Christoph Krupp den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Welche Vorprodukte benötigt die Industrie, woher kommen sie? Wo zeichnen sich eventuell Engpässe ab und welches Unternehmen könnte Schwachstellen in der Lieferkette stärken?“ Zudem strebe die Regierung an, dass ab 2022 „eine sichere Versorgung Deutschlands über eigene Produktionskapazitäten gewährleistet“ sei, so Krupp.

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 12.674 Corona-Neuinfektionen gemeldet – und damit 3117 mehr als vor genau einer Woche. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag am Samstagmorgen mit 76,1 deutlich höher als am Vortag (72,4). Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 239 weitere Todesfälle verzeichnet. Nachträgliche Änderungen oder Ergänzungen der Daten sind möglich.

Sieben-Tage-Inzidenz deutlich gestiegen

Vor genau einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 9557 Neuinfektionen und 300 neue Todesfälle verzeichnet. Bereits am Freitag hatte es einen deutlichen Anstieg der Neuinfektionen im Vergleich zur Vorwoche und der Sieben-Tage-Inzidenz im Vergleich zum Vortag gegeben. Vor einer Woche, am 6. März, hatte die Sieben-Tage-Inzidenz noch bei 65,6 gelegen.

Die Zahl der neuen Ansteckungen in Deutschland war im Januar und Februar über Wochen deutlich zurückgegangen. Zuletzt stagnierte sie allerdings und stieg dann wieder an, was auch an der Verbreitung ansteckenderer Varianten liegen könnte. Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag bei 1,11 (Vortag 1,04). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 111 weitere Menschen anstecken. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor acht bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab; liegt er anhaltend darüber, steigen die Fallzahlen.

Intensivmediziner waren vor R-Wert über 1,2

Nach Ansicht von Intensivmediziner gibt es in Deutschland zwar derzeit ausreichend Kapazitäten um eine moderate dritte Welle zu bewältigen. Eine starke dritte Welle wäre hingegen eine Katastrophe, weil die Zahl der freien Betten derzeit nicht rasch genug steige und das Personal erschöpft sei, sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) Christian Karagiannidis. „Entscheidend ist, dass die Ansteckungsrate nicht über den sogenannten R-Wert von etwa 1,2 steigt.“ Das sei etwa die Grenze, danach werde es kritisch.

Am Freitag hatte bereits RKI-Chef Lothar Wieler wegen des Anstiegs bei fast allen Daten, die das Infektionsgeschehen beschreiben, gewarnt: „Jetzt stehen wir am Anfang der dritten Welle.“ Die Herausforderung sei nun, diese dritte Welle so flach zu halten wie möglich, erklärte Wieler. „Wir müssen verhindern, dass die Fallzahlen wieder explodieren.“ Ansonsten drohten viele Erkrankungen, schwere Verläufe und Todesfälle sowie eine starke Belastung des Gesundheitssystems.

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Auch die Gesundheitsexperten Karl Lauterbach (SPD) und Stefan Pilsinger (CSU) warnen vor einem deutlichen Anstieg an Infizierten in einer dritten Welle. „Lockerungen setzen stabile oder sinkende Fallzahlen voraus“, betonte Lauterbach in der „Augsburger Allgemeinen“. Doch die seien auf absehbare Zeit nicht zu erreichen. Durch die britische Virusvariante drohten vielfach schwerere Krankheitsverläufe.

Stefan Pilsinger sieht Lockerungen ebenfalls mit Besorgnis: „Schon die bisherigen Lockdown-Maßnahmen waren zur Eindämmung der gefährlicheren britischen Covid-19-Mutante nicht ausreichend.“ Er befürchtet der Zeitung zufolge, die Ausbreitung werde sich weiter beschleunigen und wieder zu einem exponentiellen Wachstum führen mit Zahlen wie an Weihnachten. Großbritannien und Irland hätten im Winter mit niedrigen Zahlen stark geöffnet und mussten dann schnell wegen der stark ansteigenden Zahl an Corona-Erkrankungen in den kompletten Lockdown, so Pilsinger. „Diesen Fehler dürfen wir in Deutschland keinesfalls so wiederholen.“

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