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Lese-Empfehlungen Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln

Liebeserklärungen an Erde und Physik, Gehirne auf Östrogen, die Biographie des Weihnachtsfestes und das geheime Leben der Ameisen. Buch-Tipps der Wissen-Forschen-Redaktion zu den Feiertagen.

Die Redaktion Wissen und Forschern des Tagesspiegels empfiehlt Bücher aus und über die Wissenschaft, die es sich lohnt zu lesen. Nicht nur als Geschenktipp vor Weihnachten, sondern auch als Lektüre-Empfehlung für die Zeit des Lockdowns.


Die Welt in der Teetasse 

Helen Czerski: Mir fällt Einstein vom Herzen:

Wir sind eigentlich nur eine ganz dünne Haut an der Grenze zwischen der Erde und dem Kosmos. Die Menschen leben am äußersten Rand der Erde, ohne Rakete können wir uns gerade einmal in einem jämmerlichen Bereich von 30 Kilometern nach oben bewegen, während unter uns weit über 6000 Kilometer Gestein bis zum Erdkern liegen.

Wer im Physikunterricht in der Schule das Gefühl hatte, dass es da eigentlich um etwas sehr Faszinierendes geht, was aber nicht zur Begeisterung aller herübergebracht wurde, dem sei das Buch „Mir fällt Einstein vom Herzen: Die Welt verstehen. Physik für alle“ von Helen Czerski sehr empfohlen. Denn die Physikerin vermag uns all die Zusammenhänge der Welt so zu erklären, dass man sie auch versteht: Warum die Dinge in unseren Händen den gleichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgen, wie die allergrößten Strukturen im Universum – mit Ausnahme der allerkleinsten Teilchen, die das eben nicht tun und weshalb die Physik hier noch nach einer vereinheitlichten Formel sucht.

Der Trick mit dem Ei

Helen Czerski gelingt es, vornehmlich äußerst komplizierte physikalische Abläufe durch Beispiele aus dem Alltag anschaulich zu machen. Da wäre etwa die Frage, wie man ein rohes von einem gekochten Ei unterscheiden kann. Wenn man das Ei auf dem Tisch dreht und dann wieder mit dem Finger stoppt, bleibt ein gekochtes Ei still liegen. Das rohe Ei aber nimmt nach einem Wimpernschlag plötzlich noch einmal ganz kurz Fahrt auf, bevor es taumelnd zur Ruhe kommt. Warum das so ist? Weil sich im rohen Ei nach dem Stopp der flüssige Inhalt in der einmal angenommenen Richtung weiterbewegt. Womit Czerski das Prinzip der Drehimpulserhaltung erklärt, das nicht nur für Eier gilt, sondern mit dessen Hilfe auch so hyperkomplexe Instrumente wie das Hubble-Space-Teleskop auf Position gehalten werden.

Helen Czerski kommt über die Schwerkraft, die Oberflächenspannung und die Wellenkunde bis zum Tanz der Atome und den Elektromagnetismus. Die Grundgesetze der Physik halten unsere Welt zusammen – und Czerski weiß diese Gesetzmäßigkeiten immer auch nachvollziehbar in die Alltagswelt zu übersetzen. Am Ende hat sie die Welt in eine Teetasse gebannt. Ganz Britin, beobachtet sie darin, wie Milch und Tee beim Rühren ineinander übergehen, wie Warm- und Kaltluftmassen in einem um sein Zentrum wirbelnden Orkan. Muster und Strukturen eben, wie sie die physikalischen Gesetzmäßigkeiten hervorrufen – im Kleinen wie im Großen.

Ihre Großmutter fragte sie einmal, als sie für eine Physikprüfung lernte, was man damit anfangen könne, wenn man die Struktur der Atome kennt. Eine sehr gute Frage, meint Helen Czerski. Und findet in ihrem Buch viele erhellende Antworten darauf. Jan Kixmüller

— Helen Czerski

Mir fällt Einstein vom Herzen: Die Welt

verstehen. Physik für alle. Fischer Taschenbuch Verlag,

Frankfurt am Main 2020.

384 Seiten, 9,99 Euro.

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Das Gehirn auf Östrogen

Lisa Mosconi: Das weibliche Gehirn
 

Körper und Organe von Mann und Frau sind verschieden. Das ist ein so trivialer Fakt, dass man sich sehr wundern muss, wie wenig diese mal mehr, mal weniger kleinen Unterschiede in der Medizin eine Rolle spielen. Frauen werden „medizinisch links liegen gelassen“, schreibt Lisa Mosconi auf den ersten Seiten ihres Buches über „Das weibliche Gehirn“, das sehr viel mehr ist als nur eine Auflistung physiologischer Unterschiede des männlichen und weiblichen Denkorgans. Es ist ein detailreicher Denkanstoß, ein wütendes Manifest und ein ganz konkreter Ratgeber für mehr Frauengesundheit.

Die Ärztin und Wissenschaftlerin räumt auf mit der Idee der „Bikini-Medizin“, nach der Mann und Frau gleich zu behandeln sind, bis auf jene Bereiche, die die Badebekleidung verdeckt: die Fortpflanzungsorgane. Diese Ignoranz der Medizin gegenüber den Besonderheiten der weiblichen Entwicklung, Anatomie und Physiologie ist auch in der Wissenschaft noch immer weit verbreitet – nicht zuletzt, weil etwa Studien, die nicht zwischen den Geschlechtern differenzieren, billiger sind. Das führt nicht nur zu wissenschaftlichen Fehleinschätzungen, sondern letztlich auch zu unzähligen Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen.

Es fehlt an Wissen über das Gehirn von Frauen

Am deutlichsten zeigt sich das am fehlenden Wissen von Ärzten über das Gehirn von Frauen, schreibt Mosconi: „Die Gesundheit des weiblichen Gehirns ist einer der am stärksten vernachlässigten Problembereiche“, obwohl das, was dort passiert, sich weit mehr auf die Gesundheit von Frauen auswirkt als Beeinträchtigungen der Fortpflanzungsorgane: Depressionen und Angststörungen entwickeln Frauen doppelt so häufig wie Männer, sie haben ein mehr als dreifach höheres Risiko, an einer Autoimmunstörung wie Multipler Sklerose zu erkranken , sie haben vierfach erhöhtes Risiko für Migräne und Kopfschmerzen, haben häufiger Hirntumore, sterben häufiger an Schlaganfällen und: zwei Drittel aller Alzheimer-Patienten sind Frauen. Die Demenzerkrankung ist sogar eine größere Bedrohung für die Gesundheit von Frauen als Brustkrebs. Das Risiko einer 60 bis 70 Jahre alten Frau, im Verlauf ihres Lebens daran zu erkranken, ist doppelt so hoch wie ihr Brustkrebsrisiko. Während das Risiko von 45-jährigen Männern, später an Alzheimer zu erkranken bei zehn Prozent liegt, haben gleichaltrige Frauen ein 20-prozentiges.

Die Gründe hängen mit den Besonderheiten des weiblichen Gehirnstoffwechsels zusammen, etwa dem Einfluss von Östrogen auf Nervenzellen. Mosconi erklärt die Details in ihrem Buch auf sehr anschauliche und verständliche Weise. Doch als Ärztin, Direktorin der Woman’s Brain Initiative am Weill Cornell College und vor allem als stellvertretende Direktorin der ersten Alzheimer Präventionsklinik in den USA gibt sie auch praktische Tipps, etwa Rezepte, wie Frauen ihr Gehirn mit Hilfe von angemessener Ernährung vor Alzheimer, Depressionen und anderen Gefahren schützen können. Sascha Karberg

Lisa Mosconi:
Das weibliche Gehirn
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020.

432 Seiten, 20 Euro.

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Das fürchterliche Gesetzbuch

Adam Kucharski: Das Gesetz der Ansteckung
Dass Viren sich nicht für Demokratie und Verordnungen interessieren, ist zu vielen durchgedrungen. Dass sie sich an Gesetze halten, scheinen aber längst nicht alle begriffen zu haben. Seine teilweise erhellende, teilweise streitbare Sicht des „Gesetzes der Ansteckung“, dem nicht nur Keime, sondern von Fehlinformationen bis zu Katzenvideos auch noch einiges andere treu folgt, legt der junge Londoner Epidemiologe Adam Kucharski in seinem sehr verbreitenswerten Buch gleichen Titels dar. Gegen Ende kommt auch Einstein zu Wort, mit einem, wie bei ihm so üblich, simplen und doch tiefgründigen Zitat - diesmal zum Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik. Richard Friebe

— Adam Kucharski: Das Gesetz der Ansteckung: Was Pandemien, Börsencrashs und Fake News gemeinsam haben.

S. Hirzel Verlag, Berlin 2020.

344 Seiten, 26 Euro.

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Herrschaft der Ameisen

Edward O. Wilson: Tales from the Ant World.
„Ameisen herrschen“ überschreibt Edward Wilson sein Vorwort und sagt damit dreierlei, mindestens. Ameisen zogen den weltbekannten Biologen früh in ihren Bann. Seine „Geschichten aus der Ameisenwelt“ reichen zurück bis zu seinen ersten Beobachtungen als Zehnjähriger in Washington DC und im US-Bundesstaat Alabama. Als Forschungsobjekt beherrschen Ameisen sein Leben bis heute. Mit ihrer beinahe-Allgegenwärtigkeit im Ökosystem Erde könnten Außerirdische – Wilson rechnet fest mit ihrem Besuch, nennt aber keinen Termin – den Planeten eher den Ameisen zuschreiben als den Menschen. Und drittens bedeutet „Ants rule“ (bislang ist das Buch nicht ins Deutsche übersetzt), dass Ameisen cool sind.

Manche Ameisen halten sich Futtervieh

Als Junge beobachtete Wilson den streng koordinierten Umzug eines Volks von Wanderameisen in ein neues Lager im Garten seiner Eltern. Am Ende des Zuges fiel ihm die Nachhut aus kleinen Käfern und Silberfischen auf, denen es gelingt, im Ameisenvolk unterzutauchen und zu fressen, was abfällt. Als Forscher lernte er, dass die meisten Wanderameisen solche Parasiten durchfüttern und dass diese umso erfolgreicher sind, je weniger sie ihren Wirten schaden. Eine andere Spielart des Zusammenlebens von Ameisen mit anderen Arten sind die viehhaltenden Melissotarsus-Ameisen im tropischen Afrika. Sie hegen, pflegen und fressen gepanzerte Schildläuse in ihren Nestern. Wilson will die Tiere bald in Mosambik beobachten.

Es sind die schlicht elegante Sprache, uneingeschränkt gehfähige Vergleiche und persönliche Details aus 80 Jahren Ameisenforscherleben, die Wilsons Wissenschaft so lebendig werden lassen. Der zweifache Pulitzer-Medienpreisträger schildert auch die Frage, die ihm am häufigsten gestellt werde: „Was mache ich mit den Ameisen in meiner Küche?“ Seine Antwort: „Passen Sie auf, wo Sie hintreten, achten Sie kleine Leben, ziehen Sie in Erwägung Hobby-Ameisenforscher zu werden und tragen Sie zur Wissenschaft bei!“ Patrick Eickemeier

Edward O. Wilson: Tales from the Ant World.
Liveright-Verlag, New York 2020.
240 Seiten, 22 Euro.

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Kastrationsangst

Delphine Horvilleur: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus.

Der Antisemit, so Jean-Paul Sartre, fürchtet die eigene Offenheit, er konstituiert sich als steinerne Essenz, will alles, „außer ein Mensch“, sein. Weil er das Unbestimmte des menschlichen Wesens nicht ertragen kann, sucht er – in Abgrenzung zum Juden als dem ewigen Anderen – Zuflucht in Einheits- und Reinheitsphantasien. Diese existenzialistische Deutung des antijüdischen Ressentiments macht die Rabbinerin Delphine Horvilleur, die Leitfigur der Liberalen Jüdischen Bewegung Frankreichs, zum Ausgangspunkt ihrer genealogischen Überlegungen. Das Besondere an ihrem schlanken, humorvollen und kenntnisreichen Essay ist, dass die Theologin dem „Stottern der Geschichte“ eines obsessiven Judenhasses mittels talmudischer Quellen auf den Grund geht.

Die Identität des Judentums besteht laut Horvilleur in seiner Nicht-Identität. Schon der Ursprung der Hebräer wird in der Tora mit Motiven einer fortlaufenden Suche verknüpft. Für das diasporische Judentum wird der Bruch mit dem Eigenen, im Zuge der Zerstörung des Zweiten Tempels, zur konstitutiven Geburtswunde.

Die Juden machen aus der Not der Ortlosigkeit eine Tugend, tragen ihre Heimat als Schrift mit sich herum. Auf Identität geeichte Kollektive – wie das Christentum oder das sogenannte „Volk“ – werden durch das Judentum konstant daran erinnert, dass die Einheit mit sich selbst eine Wunschvorstellung ist. Wer die Juden hasst, so Horvilleur, „hasst seine eigene identitäre Schwachstelle“, seinen genuinen Mangel an Vollständigkeit.

Das Paradox der antisemitischen Anklage

Das Paradox der antisemitischen Anklage besteht indes darin, dass gerade diese „Schwäche“ der Nicht-Identität – die Verbindung mit jeweils anderen Kulturen, bei gleichzeitiger Weigerung zur vollständigen Assimilation – als eigentliche „Stärke“ des Judentums erscheint. Das Judentum als „Relikt eines Zusammenbruchs“ errichtet seine Hütte im Bewusstsein der Versehrtheit. Eben diese sichert seinen Fortbestand. „Durch die jüdische Glaubenskonstruktion über der Bruchstelle entsteht ein nahezu unverwüstliches System. Und genau das werfen die Antisemiten dem Judentum vor: seine Unverwüstlichkeit.“

Dabei sei es kein Wunder, schreibt die Rabbinerin, dass Juden im antisemitischen Denken oft mit Weiblichkeit assoziiert werden. Im Rekurs auf Adorno und Margarete Mitscherlich offenbart Delphine Horvilleur eine strukturelle Parallele zwischen Antisemitismus und Misogynie. Beide eint die Kastrationsangst einer verunsicherten Männlichkeit, die sich vor dem Fremden im Eigenen fürchtet.

Überall wo sich individuelle oder kollektive Identitäten als abgeschlossen und einheitlich imaginieren, taucht irgendwann auch Antisemitismus auf – als ewige Wiederkunft der gleichen Obsession: „Man muss kein Jude sein, um mit dem Mangel zu leben. Aber es ist schwer, kein Antisemit zu sein, wenn man um jeden Preis ohne Riss leben will.“ Christoph David Piorkowski
 

— Delphine Horvilleur:

Überlegungen zur Frage des Antisemitismus.

Aus dem Französischen von Nicola Denis.

Hanser, Berlin 2020. 141 Seiten, 18 Euro.

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Die Erde beim Friseur

Marcia Bjornerud: Zeitbewusstheit – Geologisches Denken und wie es helfen könnte, die Welt zu retten.

Wenn in einem Buch über die Erde das Wachsen und Weichen von Gebirgen mit einem Friseurbesuch verglichen wird, Leitfossilien für bestimmte Epochen der Erdgeschichte mit Pillbox-Hüten und Schlaghosen oder abtauchende Erdplatten Wasser „ausschwitzen“, fragt man sich: Geht das? Ja, es geht. Sehr gut, sogar. Marcia Bjornerud setzt Alltagsbezüge behutsam und treffsicher ein, um den Leserinnen und Lesern ihren Heimatplaneten näherzubringen. Mit einer Reise durch die Erdgeschichte begnügt sie sich nicht. Es geht ihr ums tiefe Verstehen, wie unsere Erde funktioniert, wie zum Beispiel Gebirge entstehen, emporgepresst und just im gleichen Tempo von Wind und Wetter abgetragen werden. Als ob das Haar genauso schnell wächst, wie der Friseur es schneiden kann.

Bjornerud, Professorin für Geowissenschaften und Umweltstudien an der Lawrence University in Appleton, Wisconsin, vermittelt die unterschiedlichen Tempi, in denen die Erde ihre Dynamik zeigt – angefangen von Sekunden, die Erdbeben dauern, über Tage, die ein Wassertropfen in der Atmosphäre verweilt, bis zu Jahrmillionen, die er im Erdmantel verbringt, bevor er mit Magma in einem Vulkanschlot aufsteigt. Sie vermittelt ein Gefühl für die Zeitskalen, damit die Leser im Vergleich mit der kurzen Spanne menschlichen Lebens verstehen, wie gravierend die Veränderungen sind, die unsere Spezies auslöst: Klimawandel, Erosions-, Entwaldungs- und Urbanisierungsraten sind heute zehn- bis hundertmal höher als im geologischen Durchschnitt.

Das meint Bjornerud mit der „Zeitbewusstheit“, die im Titel des mitreißenden, inspirierenden, tiefgründigen und gut lesbaren, im letzten Punkt, dem Retten, aber auch pessimistisch bleibenden Buches steht. Eine Liebeserklärung an den Planeten und an die Wissenschaft, die ihn erforscht, bleibt es dennoch. Ralf Nestler

Marcia Bjornerud:

Zeitbewusstheit – Geologisches Denken und wie es helfen könnte, die Welt zu retten.

Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020.

245 Seiten, 28 Euro.

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Zwischen Windeln und Weihrauch

Geburtstage feiern doch nur die Heiden. Das gab schon im dritten Jahrhundert der gestrenge Kirchenlehrer Origenes zu bedenken. Für Christen hätten andere Feiertage Bedeutung, Ostern zum Beispiel, oder Pfingsten. Wie ist unter diesen Umständen die grandiose Karriere des Wiegenfestes von Jesus von Nazareth zu erklären? Wie entstand „Weihnachten“, und vor allem: Wie wurde es zum Fest der Feste? Diesen Fragen widmet sich das anregende neue Buch des Kölner Germanistikprofessors Karl-Heinz Göttert.

Zu einer richtigen „Biographie“ gehören die Aufarbeitung der Geschichte und ein Porträt des Eigenlebens, das Weihnachten schließlich führte. Der Wissenschaftler möchte aber auch den Nimbus des Festes herausarbeiten, das Mythische ebenso wie das „Misslungene“. Und er bekennt zum Schluss, dass er, der als Familienvater oft mit „brummigen Äußerungen“ auf die häuslichen Vorbereitungen für das Christfest reagiert habe, letztendlich vor einem Phänomen, das weltweit wichtig wurde, „schlicht seinen Hut zieht“.

Wie die Geburt des kleinen Jesus Bedeutung gewann

Karl-Heinz Göttert: Weihnachten – Biographie eines Festes.
ber zurück zu den Anfängen. Göttert zeigt, wie die Geburt des kleinen Jesus schließlich doch Bedeutung gewann, nicht zuletzt infolge des erbitterten Streits um die theologisch korrekte Deutung der Dreifaltigkeit – also um die Frage, ob der als Mensch geborene Jesus seinem Vater nun „wesensgleich“ oder nur „wesensähnlich“ sei. Daraus entwickelten sich aber, wie Göttert betont, auch „Zumutungen“ wie den Glauben daran, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. „Weihnachten war nicht nur ein theologisches Fest, es war auch ein außerordentlich abstraktes geworden – ausgerechnet die Erzählung von der Geburt im Stall mit Krippe und Windeln.“

Diesem starken Narrativ vom arm in ländlicher Idylle geborenen Kind, angelegt im Lukas-Evangelium, wurde dafür im Brauchtum und in der Kunst über die Jahrhunderte hinweg ausgiebig und phantasievoll gehuldigt. Göttert erklärt uns die Ursprünge von „Krippenfrömmigkeit“ und „Tannenbaumromantik“ ebenso wie Friedrich Schleiermachers Gedanken zu Weihnachten als Familienfest und zum religiösen Sinn des Schenkens – als Erinnerung daran, dass Menschen abhängige Wesen sind.

Dass dies alles nun rund um den 25. Dezember geschieht, stellt uns der Autor als Ergebnis von recht wackeligen Berechnungen und eines vagen Bezugs zur heidnischen Verehrung des „Sol invictus“ zur Zeit der Wintersonnenwende vor. Irgendwann habe der Geburtstag Jesu eben einfach festgestanden. Nicht allen gefiel das: Der gestrenge Reformator Johannes Calvin bezeichnete das künstliche Festlegen des in der Bibel nicht festgelegten Weihnachtstages sogar als „Gotteslästerung“.

Göttert geht es nicht um Glaubensfragen, ihn interessiert die Historie eines „unverwüstlichen“ Festes, das ein wesentliches Stück europäischer Kultur darstellt und inzwischen weltweite Ausstrahlung besitzt. Eines Festes, das wie kein anderes die Künstler inspirierte, das Entkirchlichung und Aufklärung als Familienfest überstand, aber auch zur Quelle von Kitsch und Kommerz wurde. Das Buch ist eine Fundgrube und eignet sich dafür, als Gabe unter dem Christbaum zu liegen. Adelheid Müller-Lissner


Karl-Heinz Göttert:
Weihnachten – Biographie eines Festes.
Reclam 2020. 

252 Seiten, 25 Euro.

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