Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Lernen vor dem Fernseher? Bildungsexperten räumen dem Schulfernsehen eine Chance ein. Foto: picture alliance / dpa
© picture alliance / dpa

Lernen von der Couch aus Warum im Schulfernsehen Potenzial schlummert

Kann Schulfernsehen Kindern und Jugendlichen etwas beibringen? Bildungsexperten sehen Chancen in Lernsendungen – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Lockdowns und Schulschließungen in Deutschland und dem Rest der Welt bringen Unterrichtspläne durcheinander, Schülerinnen und Schüler müssen aus der Distanz lernen. Hastig eingerichtete Lernplattformen brechen allerdings immer wieder wie in Berlin oder Bayern zusammen und torpedieren dadurch den Fernunterricht.

In dieser Ausnahmesituation wird ausgerechnet das lineare Fernsehen zu einem Hoffnungsträger für die Bildung von Kindern und Jugendlichen: So will zum Beispiel das britische Fernsehnetzwerk BBC ab kommender Woche täglich mehrere Stunden lang Schulfernsehen senden

„Die BBC wird das größte Bildungsangebot in seiner Geschichte auf seinen Plattformen bereitstellen“, heißt es in einer Mitteilung der Rundfunkanstalt. „Das neue Angebot der BBC wird sicherstellen, dass alle Kinder lehrplanbasiert lernen können, selbst wenn sie keinen Zugang zum Internet haben.“

Auch in Deutschland will der Bildungskanal ARD-alpha mehr Schulfernsehen ausstrahlen und ab Montag werktags zwischen 9 und 12 Uhr Lernformate für alle Schularten und Fächergruppen senden. Doch wie viel Potenzial sehen Expertinnen und Experten in solchen Lernsendungen? 

„Schulfernsehen eignet sich gut dafür, bestimmte Themen zu veranschaulichen wie etwa ‚Leben im Wasser‘ in der Biologie“, erklärt Bernhard Ertl, Experte für Digitales Lernen an der Universität der Bundeswehr in München. „Allerdings ist beim Schulfernsehen eine große Herausforderung, dass die Schülerinnen und Schüler passiv bleiben, weil zu viel von dem fehlt, was das eigentliche Lernen ausmacht: Übungen, Feedback und aktives Mitdenken in Form eigener Beiträge.“ 

„Schulfernsehen kann eine Chance sein“

Der Fernseher befördere diese Passivität, weil Schülerinnen und Schüler nicht einmal auf Pause drücken oder zurückspringen könnten wie bei Videos. Ertl sieht beim Schulfernsehen darum die große Gefahr, dass sich die Schülerinnen und Schüler von den Sendungen berieseln lassen anstatt mental dabei zu bleiben und deswegen nur eingeschränkt lernen. „Wenn Matheaufgaben im Schulfernsehen vorgerechnet werden, bedeutet das noch lange keinen Lernerfolg für Schulkinder.“

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Dennoch findet Ertl: „Für Kinder, die während des Lockdowns nur noch unter schwierigen Bedingungen lernen können, kann Schulfernsehen eine Chance sein.“ Das sei zum Beispiel der Fall, wenn es nicht genug Computer Zuhause gibt, die Kinder also digital benachteiligt sind. 

Das Mitmachen und Mitentdecken könnte laut Experten beim Schulfernsehen auf der Strecke bleiben. Foto: promo Vergrößern
Das Mitmachen und Mitentdecken könnte laut Experten beim Schulfernsehen auf der Strecke bleiben. © promo

„Dabei gilt es vor allem weniger motivierte Schüler dazu zu animieren, am Ball zu bleiben.“ Dazu gehöre auch, eine angemessene Sendedauer zu wählen, jahrgangsstufengerechte Unterrichtsinhalte auszustrahlen und vor allem zum eigenständigen Mitdenken, Mitrechnen oder Mitzeichnen zu bewegen.

Kinder müssen Fragen stellen können, findet Medienpädagogin

Ähnlich ambivalent sieht das Schulfernsehen die Medienpädagogin Jana Hofmann von der Universität Erfurt. „Kinder setzen sich erst einmal gerne vor den Fernseher, denn es ist so wahnsinnig gemütlich für den Kopf – womit wir auch schon beim Problem wären.“ Einfach nur ‚Löwenzahn‘-Folgen oder andere Wissenssendungen auszustrahlen, sei wenig sinnvoll beim Lernen, solange die Kinder nicht auch selbst aktiv werden könnten.

„Wenn ein Moderator aber beispielsweise in einer Mathematiksendung zum Zählen und Rechnen animiert, ist das Potenzial für Lernerfolge groß.“ Ein solches Bildungsangebot müsse aber unbedingt an einen Chat oder an eine Hotline gekoppelt sein, wo die Schülerinnen und Schüler Fragen stellen könnten. 

„Beim Schulfernsehen bräuchte es also nicht nur Regisseure und Kameramänner, sondern unbedingt auch Padägogen, an die sich die Schülerinnen und Schüler im Zweifel wenden könnten.“ Außerdem sollten solche Lernprogramme Eltern nicht dazu verleiten, ihre Kinder dem Fernseher als eine Art dritten Erzieher zu überlassen.

Deutsches Schulfernsehen wird teilweise vor 6 Uhr ausgestrahlt

„Kulturpessimismus ist trotzdem nicht angebracht“, findet die Medienpädagogin Hofmann. „Wir sollten Schulfernsehen nicht von vornherein ablehnen, denn in der Ausnahmesituation des Lockdowns müssen wir uns auch in der Bildung ausprobieren und neue Lernformate auf die Beine stellen.“

Ab kommender Woche strahlt die BBC werktäglich ein mehrstündiges Bildungsprogramm für Kinder und Jugendliche aus. Foto: Arne Dedert/dpa Vergrößern
Ab kommender Woche strahlt die BBC werktäglich ein mehrstündiges Bildungsprogramm für Kinder und Jugendliche aus. © Arne Dedert/dpa

Ein weiteres Lernformat gibt es im deutschen Rundfunk im Fernsehprogramm „Planet Schule“, das von SWR und WDR zu allen Schulfächern angeboten wird. Allerdings werden die häufig nur 15 Minuten dauernden Beiträge wie zu Kröten (Biologie, Klasse 7 bis 13) oder Heinrich von Kleist (Deutsch, Klasse 11 bis 13) noch vor 6 Uhr morgens bei SWR ausgestrahlt – also nur einmal täglich, und zwar, wenn viele Kinder und Jugendliche noch schlafen.

[Mehr aus der Hauptstadt. Mehr aus der Region. Mehr zu Politik und Gesellschaft. Und mehr Nützliches für Sie. Das gibt's nun mit Tagesspiegel Plus: Jetzt 30 Tage kostenlos testen.]

Die ARD wirbt weniger mit Schulfernsehen als mit seinen „Online-Lernangeboten“. Dort gibt es unter dem Reiter „Wissenswertes für Grundschüler“ die „Sendung mit der Maus“, das Hörprogramm „Kinder-Funkkolleg Mathematik“ oder auch veraltete Sonderausgaben des Märchen- und Kindernachrichtensenders „Mikado“. Zudem orientiert sich keines dieser für Grundschüler beworbenen Formate an den Lehrinhalten irgendeines Curriculums, sondern standen bereits vor der Pandemie als eigenständige Sendungen für sich.

Bayerischer Rundfunk bietet Lernmediathek

Anders macht es der Bayerische Rundfunk (BR) in seiner Mediathek: Dort sind Artikel und Videos zu 17 verschiedenen Fächern gesammelt. So sind beispielsweise für das Fach Mathematik Erklärartikel und -videos von der 5. bis zur 10. Klasse zu finden, darunter Themen wie „Multiplikation von Summen“ bis hin zu „Sinus, Kosinus und Tangensfunktion“. 

Gleichzeitig verweist der BR in seiner Mediathek auf Videoreihen zur Prüfungsvorbereitung für den Mittleren Schulabschluss und den Qualifizierenden Schlulabschluss. Auch Mathematik-Inhalte von der 11. bis zur 13. Klasse und für Grundschulklassen sind zu finden.

Offen bleibt jedoch, ob Bemühungen um das Schulfernsehen auch wirklich Früchte tragen können und Schulkinder von den Sendungen profitieren werden. Fragen werden können Schülerinnen und Schüler den Fernseher jedenfalls nicht, wenn sie eine Aufgabe nicht verstehen.

Zur Startseite