Leon Poliakov 1991 in seinem Arbeitszimmer in Paris. Foto: AFP
© AFP

Léon Poliakovs Memoiren auf Deutsch Jugend in Petersburg, Flüchtling in Berlin, Experte der Anklage in Nürnberg

Florian Keisinger

Die Memoiren Léon Poliakovs sind auf Deutsch erschienen. Vom Judenretter in Frankreich wurde er zum Begründer der Holocaust-Forschung.

Léon Poliakovs Lebensweg war ein Paradox, wie es nur das „Zeitalter der Extreme“ hervorbringen konnte: geformt im Spannungsfeld kommunistischer und faschistischer Gewalterfahrungen sowie der individuellen Gestaltungsmöglichkeiten einer freiheitlich-liberalen Gesellschaftsordnung. Nicht die Universität, sondern das eigene Erleben hat aus ihm den Historiker gemacht, der er spät erst wurde – ein Pionier der Holocaust-Forschung, lange bevor der Begriff Holocaust zum Synonym für die Vernichtung der europäischen Juden wurde.

Dieser Pfad war ihm alles andere als vorgezeichnet. Geboren 1910 in St. Petersburg als jüdischer Sohn eines umtriebigen Verlegers und Inhabers einer Werbeagentur, der sich ein Vermögen erarbeitet und in der Wirtschaftskrise der 20er Jahre wieder verloren hatte, stieg Poliakov früh in den väterlichen Betrieb ein. Statt das Juraseminar zu besuchen, in das er sich pflichtschuldig eingeschrieben hatte, verkaufte er Zeitungsannoncen an Kaufhäuser, Automobilhandlungen und Nachtlokale.

In Marseille schloss er sich der Résistance an

Dass diese Berufswahl für einen nach eigener Zuschreibung Introvertierten ohne Temperament und Tatendrang eher abwegig war, gibt Poliakov freimütig zu. Ebenso seine komplette politische und historische Ahnungslosigkeit in dieser Zeit. „An das Heraufziehen des Dritten Reiches und das Lärmen der ersten antisemitischen Aktionen habe ich keine einzige Erinnerung“, heißt es mit Blick auf das Jahr 1933. Das ist bemerkenswert, da Poliakov damals immerhin bereits 23 Jahre alt war und vier Jahre in Berlin gelebt hatte, bevor die Familie nach Paris weitergezogen war. Doch hatte seine Herkunft für Poliakov bis dato keine Rolle gespielt. Erst die antisemitische Vernichtungspolitik der Nazis hatte ihn veranlasst, sich näher mit seinem Judentum zu befassen und schließlich auch zu identifizieren.

Den Zweiten Weltkrieg erlebte Poliakov zunächst in Paris, später dann in Marseille. Dort schloss er sich der Résistance an. Sein Metier war das Verstecken untergetauchter Juden sowie deren Versorgung mit gefälschten Ausweisen und Lebensmittelmarken. Dass dies nicht minder riskant war als der Widerstand mit der Waffe in der Hand, zeigten zahlreiche Verhaftungen in seinem Umfeld. Organisiert wurde die Gruppe vom ultraorthodoxen chassidischen Großrabbiner Salman Schneerson, der sich am Agnostizismus Poliakovs nicht weiter störte. Dass es trotz der im Sommer 1943 massiv ausgeweiteten Verfolgungsmaßnahmen durch die Gestapo Tausenden Juden gelang, ihren Peinigern zu entkommen, war neben der Solidarität in der französischen Bevölkerung und den (noch) relativ offenen Fluchtwegen nach Italien auch dem Engagement Poliakovs und seiner Mitstreiter zu verdanken.

Es begann mit dem SS-Archiv in einer Holztruhe

Ein Cousin des Rabbi Schneerson, der Industrielle Isaac Schneersohn, war es schließlich, der Poliakov nach Ende des Krieges einen Zufallsfund in die Hände spielte, der sein weiteres Leben prägen sollte – und den Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn markierte. Konkret handelte es sich um eine Holztruhe, die das gesamte Archiv der SS in Frankreich enthielt. So kam eins zum anderen: Als Experte der französischen Anklage nahm Poliakov an den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen teil. Dort erhielt er Zugang zu zahllosen weiteren Dokumenten, vor allem aus amerikanischen Quellen. Die Grundlagen für die ersten wegweisenden Veröffentlichungen über das deutsche Großverbrechen an den europäischen Juden waren gelegt.

1951 erschien mit Poliakovs „Bréviaire de la Haine“ (Brevier des Hasses) die erste analytische Arbeit über die Judenvernichtung überhaupt. Das Werk wurde weltweit rezipiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt – eine deutsche Ausgabe jedoch sucht man bis heute leider vergeblich. Zahlreiche Publikationen folgten, darunter eine achtbändige „Geschichte des Antisemitismus“, in der der Autor den Wurzeln des Judenhasses bis in die Antike nachspürt. In „Das Dritte Reich und seine Diener“ (1956) nahm Poliakov etliche Erkenntnisse vorweg, die hierzulande erst ein gutes halbes Jahrhundert später kontrovers diskutiert wurden, etwa die Verstrickungen des Auswärtigen Amtes in die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges.

Akademischer Dünkel gegen den Zeitzeugen

Der jahrzehntelange Unwille der Deutschen, und gerade auch der deutschen Geschichtswissenschaften, sich mit Poliakovs Arbeiten auseinanderzusetzen, ist bemerkenswert. Alexander Carstiuc weist darauf in seinem Nachwort zu Recht hin. War die Unbill anfänglich dem Untersuchungsgegenstand selbst geschuldet, war es später vor allem akademischer Dünkel gegen den Zeitzeugen und Autodidakten Poliakov, der die Vorbehalte deutscher Historiker begründete.

Umso begrüßenswerter ist die erweiterte Neuauflage der in Teilen bereits 1980 veröffentlichten Autobiografie Poliakovs, die nun im kleinen Verlag Edition Tiamat erschienen ist. Man wünscht sich, dass es Léon Poliakov (1910–1997) ähnlich ergeht wie Gabriele Tergit, die mit dem Roman „Effingers“ 1951 eine Familienchronik vor dem Hintergrund des deutschen Antisemitismus zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik vorgelegte und erst jetzt mit der Neuauflage des Buches 2019 im Schöffling Verlag die Würdigung erfährt, die ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb.

Léon Poliakov: St. Petersburg – Berlin – Paris. Memoiren eines Davongekommenen. Aus dem Französischen von Jonas Empen, Jasper Stabenow und Alexander Carstiuc. Edition Tiamat, Berlin 2019. 288 Seiten, 24 Euro.

Zur Startseite