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Durch den wachsenden  Lehrkräftemangel in Deutschland  sei die Qualität von Bildung, Bildungsgerechtigkeit und sogar die Zukunft des Landes „massiv bedroht“, befürchtet der VBE. Foto: imago images/Panthermedia
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Lehrkräftemangel weitet sich aus Eklatante Lücke bis 2035

Der Verband Bildung und Erziehung hält die Prognosen der Politik für Schönfärberei. Eine eigene Studie rechnet mit bis zu 158.000 fehlenden Lehrern.

Nachdem der Verband Bildung und Erziehung (VBE) zu Jahresbeginn wegen eines drohenden drastische Lehrermangels Alarm geschlagen hatte, wurden von der Kultusministerkonferenz (KMK) mittlerweile neue Zahlen vorgelegt. Der Bildungsforscher Klaus Klemm, der die Untersuchung für den VBE vorgenommen hatte, kommt auf Grundlage der neuen KMK-Zahlen erneute zu einer Diskrepanz zu  seinen Berechnungen. 

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Die von der KMK am 14. März veröffentlichten Zahlen zum Lehrkräfteeinstellungsbedarf und -angebot bis 2035 würden nach wie vor zu niedrig liegen, bemängelte  VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann. Eine erneute  Berechnung der bisherigen VBE-Zahlen  bis 2035 zeige: „Der tatsächliche Lehrkräftemangel bis 2035 wird nochmals höher als für 2030 berechnet sein und um ein Vielfaches höher als von der KMK prognostiziert ausfallen.“ Während die VBE-Studie  im Januar von bis zu 155.000 fehlenden Lehrern bis 2030 ausging, sind es bis 2035 sogar 158.700. 

VBE: Es werden zu wenige Lehrer ausgebildet 

Während die VBE-Studie bis 2035 einen Einstellungsbedarf von 532.600 Lehrer:innen berechnet, sind es bei der KMK lediglich 501.400. Auch bei der Berechnung zum Neuangebot von originär ausgebildeten Lehrkräften bis 2035 liegen KMK (477.600) und VBE (374.300) weit auseinander. Legt man nun den von der KMK berechneten Lehrkräfteeinstellungsbedarf zugrunde und stellt diesem das in der VBE-Studie berechnete Lehrkräfteangebot gegenüber, ergibt sich ein Lehrkräftemangel bis 2035 von 127.100 neu ausgebildeten Lehrer:innen. Wenn man dabei die  drei großen politisch gesetzten Reformvorhaben – Ganztag, Inklusion, Unterstützung von Kindern in herausfordernden sozialen Lagen – mit betrachtet, ergibt sich aufgrund der VBE-Zahlen  ein Lehrkräftemangel  in Höhe von 158.700 bis 2035. Die KMK kommt hingegen auf eine Lücke  von 23.800 Lehrkräften.
„Es ist im mehrfachen Sinne fatal und nicht hinnehmbar, wenn sich die Politik angesichts kaum kalkulierbarer und nicht einberechneter Mehrbedarfe, wie sie aktuell etwa die Auswirkungen der Flüchtlingsbewegungen und Pandemie erfordern, seriöser Berechnungen auf Basis bekannter Parameter verschließt und den immensen Handlungsdruck hierdurch wiederholt kaschiert“, sagte  Beckmann am Donnerstag vor der Presse.  Die Politik dürfe sich  nicht mehr aus der Verantwortung stehlen und sagen, sie hätte es nicht besser gewusst. 

„Die Zeiten der Schönrechnerei und das weitere Verschleppen dringend gebotener umfänglicher Maßnahmen zur Lehrkräftegewinnung und -bindung sind vorbei“, so der Verbandsvorsitzende. „Stand die Uhr vor der Pandemie noch auf kurz vor zwölf, ist es jetzt bereits 5 nach zwölf!“ Bereist im Januar hatte Beckmann gewarnt, dass durch den wachsenden  Lehrkräftemangel in Deutschland  die Qualität von Bildung, Bildungsgerechtigkeit und sogar die Zukunft des Landes „massiv bedroht“ seien.

Bundesweite Fachkräfteoffensive gefordert

Der VBE leitet aus den Berechnungen der eignen Studie nun eine Reihe von Forderung an die Politik ab. So müsse umgehend eine bundesweite Fachkräfteoffensive eingeleitet werden. Diese Offensive müsse im Sinne des im Koalitionsvertrags der Bundesregierung verankerten Kooperationsgebotes im Schulterschluss zwischen Bund, Ländern und Kommunen umgesetzt und voll ausfinanziert werden.

Zudem soll nach Vorstellung des Verbandes die Lehramtsausbildung dringend verbessert werden. „Es braucht eine Erhöhung der Studienplätze bei gleichzeitiger Verbesserung der Studienbedingungen und der Studienbegleitung, auch um eine Reduzierung der Abbruchquoten zu erzielen“, sagte Beckmann. Darüber hinaus müssten Schulabsolvent:innen über eine bundesweite Kampagne zur Gewinnung von Lehrkräften gezielt angesprochen werden, um den „zwingend notwendigen schnellen Zuwachs“ an Studierenden zu erzielen.

Um die schulpolitischen Reformmaßnahmen Ganztag, Inklusion, Integration und Schüler-Unterstützung bedarfsgerecht umzusetzen, sei ein Zwei-Pädagogen-System an den Schulen nötig. Dadurch werde der Lehrkräftebedarf allerdings weiter stark erhöht. „Hier muss die Politik endlich Antworten liefern, wie sie dies bewältigen will“, so der Verbandsvorsitzende. Auch könne der Lehrkräftemangel durch den Aufbau und die Integration von multiprofessionellen Teams abgemildert werden.

Die Integration von Seiteneinsteiger:innen oder Pensionisten zur Abmilderung des Lehrkräftemangels müsse zudem stetig evaluiert werden. Auch müsse für Seiteneinsteiger:innen eine mindestens sechsmonatige Vorqualifizierung grundsätzlich sichergestellt sein.
Um die große Lücke beim Lehrerbedarf in Zukunft schließen zu können, sollten nach Beckmanns Vorstellung Menschen mit bestimmten Qualifikationen gewonnen und weiter qualifizieren werden, damit sie die pädagogischen Aufgaben an den Schulen wahrnehmen können. „Seiteneinsteiger müssen am Ende mit einer vollständigen Lehramtsbefähigung abschließen, damit kein Zwei-Klassen-System von Lehrkräften in den Kollegien entsteht.“

Darüber hinaus müssten an den Hochschulen möglichst rasch die Studienkapazitäten für Lehramt erweitert und die Studienbegleitung verbessert werden, um die Abbrecherquote abzusenken.

KMK will Lehrkräftebildung optimieren

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Prien (CDU) sagte zu den neuen Zahlen der KMK, dass „die Länder sich der herausfordernden Lage unter demographisch für den gesamten Arbeitsmarkt schwierigen Bedingungen sehr wohl bewusst" sind. „Wir müssen deshalb die vorhandenen Konzepte und Maßnahmen der Lehrkräftebildung und -gewinnung auf den Prüfstand stellen und auch neue Wege denken“, sagte die Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein. 

„Es geht darum, sowohl die Qualität als auch die Quantität zu verbessern.“ Die KMK wolle unter anderem die Ständige Wissenschaftliche Kommission damit beauftragen Empfehlungen zur Lehrkräftebildung und der Gesamtpersonalsituation an Schulen zu erarbeiten. 

In der vergangenen KMK-Sitzung seien Empfehlungen für Mangelfächer entwickelt worden.

„Es muss uns gemeinsam - Schulministern und Wissenschaftsministern - gelingen, das Studium und den so wichtigen Beruf der Lehrerinnen und Lehrer durch weitere Maßnahmen noch attraktiver zu machen“, betonte Prien.


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