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An der Universität Potsdam  werden geflüchtete Lehrer für den Schuldienst in Deutschland qualifiziert Foto: Sebastian Gabsch PNN
© Sebastian Gabsch PNN

Lehrer aus dem Ausland GEW: Verschenkte Chance für Schulen

Bildungsgewerkschaft GEW sieht ungenutztes Potenzial bei Beschäftigung migrierter Lehrer in Deutschland. Zuwanderer könnten Lehrermangel bremsen.

Eine von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Schluss, dass lediglich 20 Prozent der nach Deutschland migrierten Lehrkräfte mit ausländischen Abschlüssen eine volle Lehramtsbefähigung erhalten.

Nach Schätzungen der am Montag veröffentlichten GEW-Untersuchung mit dem Titel „Verschenkte Chance?!“ könnten jährlich bis zu 1375 migrierte Lehrkräfte an deutschen Schulen als Lehrer:innen beginnen. Bislang gelinge das aber nur rund 500 Lehrkräften mit ausländischen Abschlüssen. Das Potenzial zur Unterrichtsversorgung sei ungleich größer, sagte GEW-Vorsitzende Maike Finnern. „Die Quote der anerkannten zugewanderten Lehrkräfte ist zu niedrig, sie kann mehr als verdoppelt werden.“ Hier liege ein großes Potenzial angesichts des akuten Mangfels an Lehrkräften.

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„Trotz des dramatischen Lehrkräftemangels wird jedoch tausenden zugewanderten Lehrerinnen und Lehrern der Weg an die Schulen verbaut“, sagte Finnern am Montag vor der Presse. Die Bundesländer sollten diese Ressourcen nicht länger verschleudern, sondern wertschätzen und als „zusätzliche Chance für die Schulen, für die Kinder, für mehr Vielfalt im öffentlichen Dienst“ nutzen.

Finnern schätzt, dass die Zahl der Menschen, die als ausgebildete Lehrer:innen nach Deutschland zugewandert sind und ihren Beruf ausüben könnten und wollen, beträchtlich ist. Laut der Untersuchung schaffen beispielsweise in Berlin neun von zehn Bewerber:innen die Anerkennungsmaßnahmen nicht. „Die Hürden, mit denen sie konfrontiert werden, um ihre ausländischen Abschlüsse anerkennen zu lassen und gleichberechtigt an den Schulen arbeiten zu können, sind zu hoch“. Die Anerkennungs- und Beschäftigungschancen dieser Menschen müssten dringend verbessert werden.

GEW-Studie: Hürden abbauen

Dafür sei es notwendig, die Hürden abzubauen, die im Ausland ausgebildete Lehrkräfte nehmen müssen, um in der Bundesrepublik in den Schuldienst zu kommen. Das zeigen Ergebnisse der Untersuchung. Demnach würden die Kosten für ein Anerkennungsverfahren, die in einigen Bundesländern erhoben werden, ein ernst zu nehmendes Problem darstellen.

„Viele migrierte Lehrkräfte schrecken die oft hohen Kosten für die Anerkennung und Nachqualifizierung ab“, erklärte Finnern. Es sei dringend erforderlich, die Anerkennungsquote und vor allem den viel zu niedrigen Anteil der erfolgreich abgeschlossenen Ausgleichsmaßnahmen zu erhöhen.

„Anerkennungsverfahren und Ausgleichsmaßnahmen müssen niedrigschwelliger gestaltet, die damit verbundenen Kosten für migrierte Lehrkräfte gesenkt werden.“ Ausgleichsmaßnahmen werden in einigen Bundesländern ermöglicht, wenn die Ausbildungsstand der eingewanderten Lehrer:innen sich wesentlich vom hiesigen unterscheidet. Auch beim Erwerb der erforderlichen Deutschkenntnisse und Sprachnachweise sollten die Lehrer:innen aus dem Ausland besser unterstützt werden.

Probleme beim Spracherwerb

Ein größeres Problem von zugewanderten Lehrkräfte ist laut der Studie der Spracherwerb. „Mit Blick auf die hohen Kompetenzanforderungen in der deutschen Sprache muss sowohl bei den Anerkennungsregelungen der Länder als auch bei der Angebotsstruktur und Qualität von Deutschsprachkursen nachgesteuert werden.“ Bereits bei der Antragstellung ein C2-Zertifikat zu verlangen, sei weder angemessen noch zielführend. Außerdem sollten Kompetenzen in den Herkunftssprachen und berufliche Erfahrungen der zugewanderten Lehrkräfte stärker wertgeschätzt werden. „Dafür gibt es bereits einige gute Ansätze und positive Erfahrungen“, sagte Finnern.

Studien-Autor Roman George, Referent Bildungspolitik der GEW-Hessen, hat eine Reihe von Handlungsempfehlungen zusammengefasst. So sollte die Anerkennung mit nur einem Unterrichtsfach ermöglicht werden. Bundesländer, die an zwei Fächern festhalten würden, sollten den Erwerb des Zweitfaches vereinfachen. Vorhandene Berufserfahrung im schulischen Feld sollte im Anerkennungsverfahren großzügig berücksichtigt werden.

Hinzukommen sollten Anpassungslehrgänge, Deutsch-Sprachkurse und Angebote zu berufsfeldbezogenen Spracherwerb. Zum Problem der Kosten für das Anerkennungsverfahren kommt der Studienautor zu dem Schluss, dass die in mehreren Bundesländern erhobenen Gebühren entfallen sollten.  Die mögliche finanzielle Unterstützung durch den Bund sollte stärker bekannt gemacht werden.

Zuschüsse sollten ausgeweitet werden

GEW-Chefin Finnern fordert, die Förderung durch Zuschüsse auf Bundes- und Länderebene auszuweiten. „Für die schnellere Bearbeitung, eine höhere Transparenz sowie bessere Koordination und Begleitmaßnahmen im Anerkennungsprozess brauchen die zuständigen Stellen mehr personelle Kapazitäten“, so Finnern. „Die Verantwortlichen von Bund und Ländern müssen stärker an einem Strang ziehen und Butter bei die Fische geben.“ Sie fordert einen stärkeren Austausch von Politik und Behörden zu der Problematik.

Studienautor Roman George mahnt zudem den Schutz der migrierten Lehrer:innen vor Diskriminierung und eine beamtenrechtliche Berücksichtigung vorhandener Praxiserfahrungen aus dem Ausland an.

Die besten Chanchen auf Anerkennung haben laut Studien-Autor George Lehrkräfte aus dem EU-Ausland, allein schon wegen ihres Rechtsanspruchs als EU-Bürger. Das sehe bei Dritt-Staaten allerdings ganz anders aus. Hier verfahren die Bundesländer unterschiedlich, in Rheinland-Pflaz und Nordrhein-Westfalen sind für Menschen aus diesen Ländern keine Anpassungskurse möglich. „Das ist eine massive Zugangshürde“, so der Politologe.

Aus Syrien sind demnach besonders viele Lehrkräfte zugewandert, die allerdings aufgrund der Ausbildungsstruktur in ihrem Heimatland nur wenig Chancen auf Anerkennung hätten. Ein weiteres Problem ist laut Studie, dass nur in wenigen anderen Ländern zwei Fächer für den Lehrerberuf üblich sind. Hier sollten Anerkennungsmaßnahmen geschaffen werden, so Finnern, man wolle allerdings nicht die deutsche 2-Fach-Regekung kippen.

Programm für geflüchtete Lehrer in Potsdam

An der Universität Potsdam läuft seit 2016 das bundesweit erste Programm zur Qualifizierung geflüchteter Lehrer. Seit dem Programmstart im April 2016 haben sich 173 nach Deutschland geflüchtete ausländische Lehrer daran beteiligt - von insgesamt 1125 Bewerbern. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe waren Pädagogen aus Syrien. Ziel des Programms ist es, den Absolventen zu einem Berufseinstieg im brandenburgischen Schuldienst zu verhelfen.

Vier Jahre nach Start des Programms hat sich bei einigen der ersten Absolventen Ernüchterung breit gemacht. Rund zwei Drittel derjenigen, die das Programm absolviert haben, sind nicht im Brandenburger Schuldienst tätig. Die Absolventen haben eine sehr gute Ausbildung, aber keine passgenaue“, nennt Programm-Koordinatorin Miriam Vock als einen möglichen Grund dafür. Sie erwarte eine individuellere Prüfung, etwas mehr Flexibilität im Schulamt und in den Schulen. Noch immer gebe es die formale Voraussetzung eines zweiten Faches – in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten reicht ein Fach aus.


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