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Jüdische und arabische Frauen protestieren mit einem Demozug durch eine Straße in Jerusalem für den Frieden. Foto: imago images/Xinhua
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Kontroverse Themen beim Historikertag „Geschichtliche Fakten sind nicht austauschbar“

Der Deutsche Historikertag schaut auf „Deutungskämpfe“ von Antike bis Gegenwart. Auch im Fach wird gestritten - etwa über Holocaust und Kolonialismus.

Die Vergangenheit wird immer aus der Gegenwart betrachtet, auch Historiker:innen sind Kinder ihrer Zeit. Die Geschichtswissenschaft wühlt nicht bloß alten Staub auf – sie ist eminent politisch, weil sich heutige Probleme im Spiegel der Geschichte besser nachvollziehen lassen. Von diesem andauernden Gegenwartsbezug ist auch der Deutschen Historikertag 2021 geprägt.

Das vom 2. bis zum 5. Oktober in München weitgehend digital stattfindende Szenetreffen hat sich das Motto „Deutungskämpfe“ gegeben. In zahlreichen Fachsektionen werden Wissenschaftler:innen aus dem In- und Ausland das Aufeinanderprallen konkurrierender Erzählungen und die Kämpfe um kulturelle Hegemonie von der Antike bis zur Gegenwart diskutieren.

Mit dem Leitthema knüpfe man nahtlos an den vorangegangenen Historikertag von 2018 in Münster an, sagt der Münchner Althistoriker und Sprecher des Events, Martin Zimmermann. Dessen Motto lautete „Gespaltene Gesellschaften“, die eben das Ergebnis von „Deutungskämpfen“ seien.

Mit Beginn des letzten Kongresses sei die gesellschaftliche Spaltung leider noch viel augenfälliger gewesen, als man bei der Planung habe ahnen können, sagt die Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes (DHV), Eva Schlotheuber im Gespräch mit dem Tagesspiegel. So stand die damalige Veranstaltung unter dem unmittelbaren Eindruck der rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz, während derer ein jüdisches Restaurant attackiert und als Flüchtlinge gelesene Menschen von Nazis durch die Straßen gehetzt wurden.

Wenn Historiker:innen ihre Komfortzone verlassen

Nun wurde auch in der Geschichtswissenschaft vermehrt die Frage aufgeworfen, ob man die eigene „Komfortzone“ nicht verlassen und mit geschichtswissenschaftlichen Mitteln in den politischen Diskurs eingreifen solle. Nicht von ungefähr forderten in Münster einige Mitglieder des DHV eine klare Kante der Geschichtswissenschaft gegen Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit.

In einer gemeinsamen Resolution warnten fünfzehn namhafte Historiker:innen vor den maßlosen Angriffen auf die politische Ordnung und die dem Grauen der Geschichte abgerungenen zivilisatorischen Leitlinien. Auch „alternativen Fakten“ und der von den Gaulands und Höckes geforderten „Wende in der Erinnerungspolitik“ müsse man entschieden entgegentreten.

[Lesen Sie auch das Essay von Christoph David Piorkowski über den neuen Historikerstreit auf Tagesspiegel Plus (€): Über Sinn und Unsinn von Vergleichen]

Der Appell war in der geschichtswissenschaftlichen Szene heftig umstritten und wurde von machen als gängelnd kritisiert. So bewirkte die Resolution im Historikerverband auch keinen nachhaltigen Effekt, wie die Initiator:innen Petra Terhoeven und Dirk Schumann beklagen. „Die Reaktionen der Kolleg:innen, von denen Zustimmung zu erwarten war, empfand ich insgesamt als mau. Manche artikulierten tatsächlich ihre Zustimmung, andere hielten sich ganz zurück oder teilten mit, das sei nicht der richtige Weg“, erklärt Schumann auf Nachfrage.

Schlotheuber gehörte zu den Historiker:innen, die den normativen Appell schwierig fanden: „Im Fach und im Verband muss es eine unvoreingenommene Diskussion über kontroverse Standpunkte geben.“

Ein Thema 2021: der Holocaust und die Genozide des Kolonialismus

Aber so sei es nun einmal in der Wissenschaft: Deutungskämpfe gebe es auch hier, sowohl was die Frage der Grenzziehungen zwischen Politik und Wissenschaft angehe als auch über Forschungsergebnisse, meint Schlotheuber. So wird in den Feuilletons aktuell der sogenannte Zweite Historikerstreit ausgetragen, in dem die Singularität der Shoah von postkolonial geschulten Denker:innen bezweifelt wird. Sie stellen Auschwitz in einen genealogischen Zusammenhang mit den Genoziden des Kolonialismus.

Auf dem Historikertag sollen solche kontroversen Debatten durchaus Raum haben, sagt Eva Schlotheuber. Dass es auf Forschungsfeldern immer auch Deutungskämpfe gebe und „Wahrheit“ insgesamt ein problematischer Begriff sei, dürfe indes nicht dazu führen, dass man historische Fakten wie austauschbare Erzählungen behandle, sagt Zimmermann. „Die Wirklichkeit ist nicht beliebig deutbar.“ Man könne sie durch andere Blickwinkel bereichern, nicht aber historiographisch Verbürgtes einfach so zur Disposition stellen.

Eine junge Wissenschaftlerin sitzt in einem Lesesaal der Staatsbibliothek zu Berlin an ihrem Laptop. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Eine Gruppe von Professor:innen will auf dem Historikertag eine Petition für mehr Dauerstellen an der Uni einbringen. © Mike Wolff

So gebe es einige Kollegen, die in ihren Publikationen eine dramatische Nähe zur AfD offenbarten, sagt Zimmermann. „Man darf sich natürlich zu allem kritisch äußern, muss sich dann aber auch den Vorwurf gefallen lassen, dass man sich nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern mit einer politischen Meinung artikuliert.“

Gastland Israel: Mehr Wissen über den Konflikt im Nahen Osten

Auch in besagtem Historikerstreit vermischt sich Expertise oft mit Meinung. So führt die Diskussion um die Singularität der Shoah häufig auch zu Deutungskämpfen um den Charakter des Staates Israel. Dieser ist in München nun als Gastland vertreten, viele israelische Historiker:innen werden ihre Forschung zu regionalen Themen präsentieren.

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Auch wenn das Motto des Historikertages zu den vielfältigen Deutungskämpfen im Nahen Osten passe und diese hier auch diskutiert werden sollen, seien Motto und Gastland keineswegs aufeinander abgestimmt worden, erklärt Martin Zimmermann. „Israel als Gastland bietet sich auch deshalb an, weil München eine lange jüdische Geschichte hat und außerdem für die Entstehung des Nationalsozialismus eine besondere Rolle spielte.“

Eva Schlotheuber weist am Beispiel des Gastlandes aber noch einmal auf die vermittelnde Rolle hin, die die Geschichtswissenschaft im Hinblick auf Gegenwartsprobleme einnehmen könne. „Gerade die Rezeption des israelisch-palästinensischen Konfliktes ist oft durch Unwissenheit geprägt. Ohne die langen historischen Linien zu kennen und ausmessen zu können, sind die Konflikte in der Region letztlich kaum zu verstehen.“ Die Geschichtswissenschaft könne aufzeigen, dass hier verschiedene historisch bedingte Narrative aufeinandertreffen, und die verschlungenen Problemlagen zu entwirren helfen.

Am ersten Tag eine Resolution zu #IchBinHanna

Doch auch jenseits der Podien, die das Gastland betreffen, spielen politische Deutungskämpfe in den rund 100 Fachsektionen des Historikertages eine zentrale Rolle. So befasst sich eine Sektion intensiv mit der Debatte um die Restitution geraubter Kulturgüter nach Afrika. Eine andere Veranstaltung fragt nach den Grenzen historiographischen Forschens in Zeiten pandemiebedingt geschlossener Archive.

Und ebenso wie der von 2018, kommt auch dieser Historikertag nicht ohne eine wissenschaftspolitische Petition aus. So soll gleich am ersten Tag ein Resolutionsentwurf zur besseren Gestaltung von Wissenschaftskarrieren präsentiert werden. In dem Papier, das dem Tagesspiegel vorliegt, fordert eine Gruppe namhafter Historiker:innen um Hedwig Richter, Frank Bösch und Eva Schlotheuber einen „schrittweisen Umbau des universitären Stellensystems“ hin zu mehr Entfristung auch im Mittelbau. Denn prekäre Beschäftigungsverhältnisse im Post-Doc-Bereich gefährdeten die Qualität historischer Forschung erheblich und förderten die Anpassung an gängige Trends, statt innovative Projekte.

Anschließend werde die Resolution auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Historikerverbandes zur Abstimmung gestellt, sagt Eva Schlotheuber auf Nachfrage. Dass der Vorstoß den Widerspruch etablierter Inhaber:innen von Professuren und von Instituts- und Unileitungen provozieren wird, scheint ausgemacht.

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