Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Papierfrei. Apps können Daten im Umgang mit Seuchen liefern. Foto: AFP/Ina Fassbender
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Konferenz WHS in Berlin Ohne Daten und Datenfluss kein Pandemieschutz

Auf dem World Health Summit geht auch für Deutschland um Lehren aus Corona. WHO-Chef Tedros mahnt, bessere Vorsorge sei eine „ Verpflichtung“.

Als es zu Beginn der Corona-Pandemie darum ging, Infektionszahlen zu erfassen, war Nigeria dort, wo Deutschland erst noch hinkommen musste: ausgestattet mit der Software Sormas. Über diese wurde seither hierzulande viel gesprochen, während sie im größten afrikanischen Land schon seit dem Ebola-Ausbruch 2014 im Einsatz war, zuvor gefördert und entwickelt in Deutschland.

So war es dann auch der Epidemiologe Chikwe Ihekweazu, langjähriger nationaler Seuchenschutz-Koordinator Nigerias, der am Montag beim World Health Summit (WHS) in Berlin über Sormas berichtete und an die Welt appellierte, mehr Anstrengungen in die globale Pandemie-Vorsorge zu investieren, die dafür unabdingbaren digitalen Instrumente bereitzustellen und deren Nutzung zu koordinieren.

Deutschland ein Problemfall

Wie ernsthaft und realitätsnah der auf dem WHS bekräftigte Anspruch Deutschlands ist, sich an die Spitze der Bewegung für ein global vernetztes Public-Health-System zu stellen, um das pandemische Zeitalter bestehen zu können, das muss sich erst noch zeigen. Schließlich ist der Bereich der öffentlichen Gesundheitsdienstleistungen in der Bundesrepublik bislang ein Sanierungsfall.

Es war und ist nicht zuletzt die schleppende und alles andere als komplikationsfreie Sormas-Implementierung in den deutschen Gesundheitsämtern, die dies immer wieder aufs Neue zeigt.

Deutschland will jedenfalls auf internationaler Bühne nicht als Zögerer oder Nachzügler gelten, wenn es um die Vorbereitungen für die nächste Pandemie geht.

Datenströme müssen erst zu Wissen werden

Nicht zuletzt der neue Job, den jener Chikwe Ihekweazu seit kurzem hat, ist ein Indiz dafür: Er ist nun „Assistent Director General“ des WHO-Hubs „Pandemic and Epidemic Intelligence“. Das Wort „Hub“ steht hier für „Zentrum“ oder „Dreh- und Angelpunkt“. Diese neue Institution der Weltgesundheitsorganisation wird derzeit in Berlin aufgebaut. Sie soll eine globale Plattform für Pandemievorbeugung sein. Dabei geht es vor allem darum, internationale Datenströme zusammenzuführen und zu analysieren.

Pandemien sollen so nicht nur gemanagt, sondern idealerweise auch prognostiziert und damit eingedämmt werden, bevor sie sich ausbreiten. Solch ein Ansatz funktioniere nur, betonte Ihekweazu, wenn es ein globales „Ökosystem“ für die Pandemievorbereitung gebe. „Unser Ziel muss sein, dass wir das Tempo im Datenfluss deutlich erhöhen, und Risiken für die öffentliche Gesundheit sofort erkennen, egal, wo sie auf der Welt auftauchen.“

Tedros: Alles deutet auf Zunahme pandemischer Bedrohungen hin

In der Corona-Pandemie zeigt sich, wie schwer ein solcher Anspruch umzusetzen ist. Sämtliche Indikatoren der globalen Gesellschaft, meinte der Chef der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus, deuteten auf eine Zunahme pandemischer Bedrohungen hin, sei es durch neue Zoonosen oder antibiotikaresistente Keime. „Wir brauchen ein sich schnell entwickelndes internationales Netzwerk für eine unvorhersehbare Zukunft.“

Der Präsident des Europäischen Rats, Charles Michel, blickte auf die „brutale Lektion“, die Corona der Welt und damit auch Europa erteilt habe, nicht zuletzt angesichts des Datenaustauschproblems. „Daten können Leben retten“, so Michel. „In Krisenzeiten brauchen wir zuverlässige Daten“ – und zwar möglichst schnell und überall.

Der in Berlin geplante und von der Bundesrepublik mit 30 Millionen Euro jährlich unterstütze WHO-Pandemie-„Hub“ ist dafür nur ein Instrument. Denn hier können nur Daten, die es überhaupt gibt und die zugänglich sind, zusammenfließen. Auf nationalen und regionalen Ebenen müssen diese aber erst einmal gesammelt und weitergeleitet werden, und das wenn möglich in einheitlichen Datenformaten und nach einheitlichen Regeln.

Ringen um ein weltweites Abkommen

Unter anderem, um diesen internationalen Datenaustausch in einem globalen Abkommen zu regeln, wird derzeit über einen „Internationalen Vertrag zur Pandemieprävention und -vorsorge“ verhandelt. Die EU ist einer der Hauptunterstützer dieses WHO-Vorstoßes. „Mit digitalen Technologien und innovativen Instrumenten für die Erfassung und den Austausch von Daten sowie mit Vorhersageanalysen“, heißt es seitens der EU-Kommission, „können die Echtzeit-Kommunikation sowie Frühwarnungen unterstützt werden, was wiederum eine raschere Reaktion ermöglichen dürfte.“ Leider, so Michel auf dem WHS, gebe es international noch Widerstände zu überwinden. „Aber ich bin sicher, das wird uns gelingen.“

Sowohl bei der WHO als auch der EU werden diesbezüglich große Hoffnungen in die kommende deutsche Bundesregierung gesetzt: 2022 übernimmt diese die G7-Präsidentschaft. Es gebe derzeit wohl nur ein „kurzes Zeitfenster“, in dem ein Pandemievertrag politisch umsetzbar sei, sagte Thomas Steffen, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium.

Steffen fordert "politischen Mut"

Elementar für Prävention und Management künftiger Pandemien sei die Nutzung und Zusammenführung globaler Daten. Derzeit würde über Details für den Pandemievertrag verhandelt, er sei aber zuversichtlich, dass es gelingen werde, „nachhaltige“ Zielvereinbarungen zu treffen. „Es braucht jetzt nur politischen Mut, das umzusetzen“, so Steffen.

Das bedeutet auch großen Erfolgsdruck für die nächste Gesundheitsministerin oder den nächsten Gesundheitsminister in Berlin. Der WHO-Chef sprach von einer Notwendigkeit, Instrumente für ein besseres Pandemiemanagement im Rekordtempo zu entwickeln. Dies sei angesichts der Prognosen für die globale Gesundheit längst keine „Option“ mehr, so Tedros. Es sei vielmehr „eine Verpflichtung.“

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