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Zu wenige der vielen guten Geschäftsideen von Forscher:innen schaffen es auf den Markt. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Kolumne: Wiarda will’s wissen Mehr Ideen auf den Markt bringen

Deutschlands Innovationsschwäche braucht eine klare Antwort: Eine „Deutsche Transfergemeinschaft“ als Pendant zur Deutschen Forschungsgemeinschaft. 

Auch wenn Deutschland bei der Impfstoff-Entwicklung gegen Covid-19 international vorn dabei war: Ausgerechnet der überschwängliche Stolz und die Begeisterung über diese außergewöhnliche Leistung zeigen, wie bedrückend Deutschlands Innovationsschwäche in den vergangenen Jahren geworden ist.

Wissenschaftler:innen sammeln ständig neues Wissen und machen immer wieder bahnbrechende Entdeckungen. Doch zu wenige der vielen guten Geschäftsideen, die daraus entstehen, schaffen es in die Anwendung, und noch weniger davon in so kurzer Zeit, dass Wettbewerber anderswo nicht schon längst das Rennen gemacht hätten. Komplett auf der Strecke bleiben meist die besonders ausgefallenen Einfälle, weil Geldgebern und Unternehmen das Risiko einer Beteiligung zu hoch ist.

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Umso besser, dass die Coronakrise jetzt einen Vorschlag voranbringt, der seit Jahren kursiert. Die Rede ist von einer „Deutschen Transfergemeinschaft“ als Pendant zur Deutschen Forschungsgemeinschaft. Mit dem Unterschied, dass die DFG vor allem die Grundlagenforschung fördert, eine „DTG“ aber den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Wirtschaft und Gesellschaft hinein unterstützen würde.

Die Universitäten hatten den Vorschlag abgelehnt

Der Fachhochschulverbund „Hochschulallianz für den Mittelstand“ hat den Vorschlag erstmals 2017 gemacht, 2018 hat die FDP ihn in einen Bundestagsantrag gepackt. Doch Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) lehnte ihn damals genauso ab wie ein paar Monate später die Universitäten in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) – was viele Fachhochschulen vor den Kopf stieß.

Warum, blieb unklar. Altes Statusdenken? Die Angst, eine neue Organisation, wie es sie in der Schweiz oder Schweden längst gibt, könnte Fördergelder für die Grundlagenforschung streitig machen? Jedenfalls sah es eine Zeit lang so aus, als sei die Idee gescheitert.

Ein Porträtbild von Jan-Martin Wiarda. Foto: Privat Vergrößern
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen. © Privat

Doch plötzlich ist alles anders. Im März haben die Grünen das Konzept für eine Innovationsagentur „D.Innova“ vorgelegt – entstanden unter Mitwirkung von Muriel Helbig, Rektorin des Hochschulallianz-Mitglieds TH Lübeck. Sie bezeichnete „D.Innova“ als „Weiterentwicklung“ der DTG-Idee. 

Und, oh, Wunder, jetzt verkündete auch der gerade wiedergewählte HRK-Präsident Peter-André Alt im „Handelsblatt“, eine solche nationale Organisation „könnte das Innovationsgeschehen enorm beflügeln“. Neben mehr Finanzhilfe für Startups gehe es vor allem darum, die Vielzahl der heutigen Förderprogramme von Bund und Ländern zusammenzulegen.

Eine abschließende Haltung der DFG steht noch aus

HRK-Präsident Alt sprach auf einer Pressekonferenz sogar von Unterstützung für die Idee aus der DFG – was fast schon sensationell wäre, weil die mächtige Forschungsgemeinschaft die DTG-Idee lange argwöhnisch als potenzielle Konkurrenz beäugt hatte.

Tatsächlich heißt es aus der DFG selbst auf Nachfrage dann auch nur, der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse „und die Frage der Gründung einer nationalen Einrichtung auf diesem Gebiet“ zählten „auch für die DFG zu den Themen von großer Relevanz und Tragweite im deutschen Wissenschaftssystem“. Eine abschließende Haltung hierzu gebe es jedoch noch nicht.

[Jan-Martin Wiarda ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.]

Aber immerhin: Der Meinungswandel in den Universitäten ist da. Auch die DFG bewegt sich. Das Gelegenheitsfenster ist jetzt. Die neue Organisation, ob „DTG“, „D.Innova“ oder sonstwie genannt, gehört in die Wahlprogramme und dann in den neuen Koalitionsvertrag.

Der Innovationsforschung politische Aufmerksamkeit geben

Es wäre gut, wenn jetzt auch die letzten Skeptiker verstünden: Es geht nicht um ein Entweder-Oder von Grundlagen- und Transferforschung. Es geht nicht um die Umverteilung von Fördergeldern oder mehr Bürokratie in Form noch einer neuen Institution, von denen wir ohnehin schon zu viele haben.

Auch die mit viel Tamtam gegründete Agentur für Sprunginnovation hat ein anderes Ziel: Sie soll wenige, dafür umso disruptivere Ideen pushen, während eine Transfergemeinschaft stärker in die Breite gehen würde. 

Nein, die neue Organisation würde der Innovationsforschung endlich die politische Aufmerksamkeit geben, die sie in ihrer ganzen Vielfalt verdient hat. Und den Studierenden und Forschenden mit kreativen Anwendungsideen die Chance, diese zu verfolgen. Zum Wohle aller.

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