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Studierende lernen gemeinsam in einer Sofa-Sitzgruppe in einer Unibibliothek. Foto: Getty Images/iStockphoto
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Kolumne: Wiarda will's wissen Baut die maroden Hochschulen wieder auf!

Viel Gutes steht für Bildung und Wissenschaft im Koalitionsvertrag - und harrt der Umsetzung. Doch eine Baustelle wurde "vergessen" - die maroden Unigebäude.

Der Ampelparteien haben für ihre Pläne in der Bildungspolitik viele Vorschusslorbeeren eingeheimst. Tatsächlich liest sich der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP in Teilen wie der Wunschzettel von Bildungsforschern, Pädagogen und Digitalisierungs-Experten.

Das „Kooperationsverbot“ in ein „Kooperationsgebot“ umwandeln? Check. Massive Investitionen in tausende Schulen mit besonders vielen benachteiligten Kindern und Jugendlichen? Check. Ein besser Digitalpakt 1.0 – und gleich hinterher ein Digitalpakt 2.0? Check.

Besonders bedacht wurden auch die Hochschulen. Sie bekommen künftig wie Max Planck & Co jedes Jahr eine automatische Budgeterhöhung beim Zukunftsvertrag. Mehr Exzellenzcluster soll es auch geben, eine neue Förderagentur für Transfer, dazu ein „Bundesprogramm Digitale Hochschule“, eine grundlegende Bafög-Reform und vieles mehr.

Der selbst erzeugte Druck könnte hilfreich sein

Beeindruckend. Und riskant. Denn wer viel verspricht, muss auch viel halten. Und das ist in Zeiten coronabedingt knapper Kassen. Fast schlimmer noch, als keine Visionen zu haben, wäre, Visionen anzukündigen und dann eine nach der anderen nicht Realität werden zu lassen. Das wissen sie natürlich auch im Bundesbildungsministerium von Bettina Stark-Watzinger (FDP). Weshalb der selbst erzeugte Performancedruck schon dafür sorgen wird, dass sie, wenn auch nicht bei allen, so doch bei vielen Ankündigungen liefern werden.

Ein Porträtbild von Jan-Martin Wiarda. Foto: Privat Vergrößern
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen. © Privat

Wirklich problematisch und zu befürchten ist, dass angesichts einer so langen (und teuren) Vorhaben-Liste kaum noch Zeit, Kraft und Ressourcen bleiben wird für die Leerstellen, die der Ampel-Koalitionsvertrag gelassen hat. Besonders eine davon ist so auffällig, dass sie nicht die Folge schlichten Vergessens sein kann, sondern die bewusste Entscheidung, sich vor einer dramatischen hochschulpolitischen Misere wegzuducken: Es bröckelt, zieht und schimmelt an in Hörsälen, Seminarräumen und Uni-Bibliotheken in ganz Deutschland.

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An diesem Montag wird der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen "Probleme und Perspektiven des Hochschulbaus 2030" vorstellen und bei seiner Problembeschreibung wohl noch die Zahl toppen, die 2018 das HIS-Institut für Hochschulentwicklung für die Kultusministerkonferenz berechnet hatte. Auf bis zu 35 Milliarden Euro werde der Sanierungsstau an den Hochschulen bis 2025 wachsen, warnte HIS-HE damals. Und dabei waren die Unikliniken noch gar nicht berücksichtigt.

Weniger Hörsäle, mehr Platz für Begegnungen

Dass zumindest die ärmeren Bundesländer das nicht allein stemmen können, erst recht nicht zusätzlich zum noch teureren Schulbau, bestreitet kaum noch jemand. Doch klar ist eben auch: Wenn der Bund den Ländern an der Stelle nur den kleinen Finger gibt, kommt er aus dieser Milliardennummer nicht mehr raus. Deshalb verweisen die Bundes-Finanzpolitiker lieber (und zu Recht!) darauf, dass es die Länder waren, die das Ende der einstigen „Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau“ betrieben hatten. Als Teil der Föderalismusreform von 2006.

Und doch ist es eine Leerstelle im Koalitionsvertrag, die viele der hochschulpolitischen Zukunftsversprechen der Ampel in Frage stellt. Die Hochschullehre muss nach der Pandemie in den Fokus, und sie fordert im Zeitalter der Digitalisierung neue Präsenzformate und neue, zeitgemäße Orte zum Austauschen und Lernen: weniger Hörsäle, mehr Begegnungs- und Rückzugsflächen. Die Transformation der Hochschulen hin zu mehr Nachhaltigkeit wird schon im Ansatz scheitern, solange es oben reinregnet und die Heizwärme durch Ritzen entweicht.

Was die Ampel ihrer Wunschzettel-Liste hätte hinzufügen müssen, es aber ganz bewusst nicht getan hat: ein Investitionsprogramm für die klima- und didaktikgerechte Sanierung und den Ausbau der Hochschulen. Ein Programm von jährlich vielleicht 750 Millionen Euro, das den Landesfinanzministern mit Bundesbeteiligung winkt, wenn sie den gleichen Betrag zusätzlich für den Hochschulbau locker machen.

Noch können SPD, Grüne und FDP diese Leerstelle füllen. Insgesamt 1,5 Milliarden mehr pro Jahr für den Hochschulbau wäre nicht die Auflösung des Sanierungsstaus, würde ihn aber zumindest nicht mehr größer machen. Und nein, aus der Nummer käme der Bund nicht mehr raus. Er müsste das Geld auf Dauer zahlen. Aber dafür wäre das Signal der Ampel deutlich: Sie will ihn wirklich, den Aufbruch der Hochschulen. Sie untermauert ihn sogar.

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