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Klimawandel Düstere Aussichten für den Polar-Dorsch

Roland Knauer

Der Klimawandel macht dem Nachwuchs von Kabeljau und seinem nördlichen Verwandten schwer zu schaffen.

 

Das Foto zeigt einen Dorsch in Nahaufnahme vor einem dunklen Hintergrund mit Wasserverwirbelungen Foto: Alfred-Wegener-Institut/Hauke Flores Vergrößern
Der auf Kälte spezialisierte Polar-Dorsch ist durch den Klimawandel besonders gefährdet. © Alfred-Wegener-Institut/Hauke Flores

Im hohen Norden treibt der Klimawandel die Temperaturen viel stärker in die Höhe als in gemäßigten Zonen. Das macht nicht nur Eisbären zu schaffen, sondern auch Fischen im nördlichen Atlantik. Selbst wenn die Temperaturen nur moderat steigen, kommt der Nachwuchs des unter dem Eis des Nordpolarmeeres überwinternden Polar-Dorsches in große Schwierigkeiten, berichten Flemming Dahlke und Daniela Storch vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven in der Online-Zeitschrift Science Advances. Auch der Kabeljau in den Gewässern vor Island, Norwegen und Russland, der den Fischern dort jedes Jahr zwei Milliarden Euro Umsatz beschert, ist betroffen. Den Forschern zufolge müsste die Menschheit die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius beschränken, um einen substanzielle Rückgang der beide Arten zu vermeiden, von denen nicht nur Fischer, sondern auch viele Tierarten abhängig sind - vom Schwertwal und die Robbe bis zu Seevögeln wie Möwe und Papageientaucher.

Probleme für den Nachwuchs

Beim Kabeljau und beim Polar-Dorsch bringen die steigenden Temperaturen und das saurer werdenden Meerwasser vor allem den Nachwuchs in Probleme. „Die Eier beider Arten tolerieren nur einen engen Temperatur-Bereich und entwickeln sich nur im kalten Wasser“, sagt Flemming Dahlke. Im Kongsfjord von Spitzbergen und in der Barentssee vor Norwegen hatte das Forscherteam Polar-Dorsche und Kabeljau lebend gefangen und in Forschungsaquarien in Tromsø und in Karvikå im Norden Norwegens gebracht. Mit den Samen dieser Fische befruchteten sie dort die Eier der weiblichen Tiere und beobachteten die weitere Entwicklung bei unterschiedlichen Temperaturen und Säurewerten des Wassers.

„Optimal entwickeln sich die Polar-Dorsch-Eier bei null Grad Celsius, während der Kabeljau-Nachwuchs bei sechs Grad am besten gedeiht“, sagt Dahlke. Bei diesen Bedingungen schlüpfen aus den Eiern rund fünf Millimeter lange Kabeljau-Larven, während der Polar-Dorsch-Nachwuchs noch ein oder zwei Millimeter größer aus dem Ei kommt. Liegen die Temperaturen dagegen nur jeweils drei Grad höher, leidet die Entwicklung beider Arten stark.

Wenn die steigenden Konzentrationen des Klimagases Kohlendioxid das Wasser saurer machen, dann überleben von den Polar-Dorsch-Eier zwei Drittel weniger als bei optimalen Bedingungen, während beim Kabeljau die Absterbe-Rate der Eier um knapp die Hälfte steigt. Es schlüpfen erheblich weniger Fisch-Larven, die auch noch deutlich kleiner als ihre bei optimalen Temperaturen geschlüpften Geschwister sind. „Je kleiner die Larven schlüpfen, umso geringer dürften die Chancen sein, erwachsen zu werden“, sagt Dahlke. Kleinere Fischlarven werden schneller Opfer von Raubfischen.

Je größer die frisch geschlüpften Polar-Dorsch-Larven sind, umso besser sind ihre Überlebenschancen. Foto: Alfred-Wegener-Institut/Flemming Dahlke Vergrößern
Je größer die frisch geschlüpften Polar-Dorsch-Larven sind, umso besser sind ihre Überlebenschancen. © Alfred-Wegener-Institut/Flemming Dahlke

Fisch-Eier brauchen bestimmte Bedingungen

Der Grund für die geringe Temperatur-Toleranz der Fischeier: Die Enzyme im Ei sind optimal an sechs Grad kühles Wasser beim Kabeljau und null Grad Kälte beim Polar-Dorsch angepasst. Weichen die Werte von diesem Optimum ab, funktionieren die Enzyme schlechter und die Entwicklung der Eier leidet. Der steigende Kohlendioxidgehalt im Wasser, verschärft die Situation: Das Kohlendioxid, dass die atmenden Fischembryonen produzieren, kann nicht mehr so rasch ins umgebende Wasser abgegeben werden, wenn der Kohlendioxid-Gehalt dort schon höher als normal ist.

Den Berechnungen der Forscher zufolge wird der Kabeljau bis zum Jahr 2100 den größten Teil seiner Laichgründe südlich der Lofoten verlieren, sollte die Menschheit weiter wie bisher Kohlendioxid aus Erdöl, Kohle und anderen fossilen Quellen in die Luft blasen. 60 Prozent weniger Kabeljau-Larven dürften dann in den Gewässern vor Island und Norwegen schlüpfen. Immerhin: Wenn der Klimawandel so begrenzt würde, wie es die derzeitigen Klimaschutzziele der deutschen Regierung vorsehen, bekäme der Kabeljau erheblich weniger Probleme.

Ganzes Ökosystem betroffen

Dem Polar-Dorsch würde das hingegen wenig helfen. Auch bei moderater Klima-Erwärmung würde er sehr viele seiner Laichgründe vor dem Nordosten Grönlands und nahe der Küsten Spitzbergens verlieren. „Für das Ökosystem im hohen Norden wäre das fatal“, sagt Dahlke. Schließlich ist der Polar-Dorsch in diesen Gewässern eine Art Grundnahrungsmittel für Möwen und viele andere Vögel, sowie für viele Meeressäugetiere. Probleme bekämen dadurch wohl auch Eisbären, die sich überwiegend von Robben ernähren. „Nur wenn es die Menschheit schafft, den Anstieg der Temperaturen unter 1,5 Grad zu halten, sollten sich die Auswirkungen auf den Polar-Dorsch und damit auf das Ökosystem des Nordpolarmeers in Grenzen halten.“

AWI-Wissenschaftler holen ein Netz mit für die Forschung gefangenen Fischen an Bord. Foto: Alfred-Wegener-Institut/Kristina Bär Vergrößern
AWI-Wissenschaftler holen ein Netz mit für die Forschung gefangenen Fischen an Bord. © Alfred-Wegener-Institut/Kristina Bär

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