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Die Eismassen in der Antarktis schrumpfen viel schneller als von Forschenden angenommen. Foto: Richard Coleman/AFP
© Richard Coleman/AFP

Klimakrise am Südpol Antarktis vor der großen Schmelze

Johannes Dieterich

Die Eismassen am Südpol schrumpfen in dramatischem Ausmaß. Dabei ließe sich das Zusteuern auf einen Kipppunkt verhindern – wenn die Menschheit entgegensteuert. 

Das Eis bewegt sich unermüdlich. Selbst wo es weit über 4000 Meter dick ist. Es schiebt sich langsam in Richtung Norden dem Polarmeer entgegen, um dort als Schelf aufs Wasser gedrückt und schließlich in Eisberge auseinander gerissen zu werden. Diese treiben weg, verschmelzen mit dem Ozean, verdunsten und fallen zumindest teilweise als Schnee auf den arktischen Kontinent zurück, der sich über die Jahrzehnte wiederum zu der stellenweise fast 5000 Meter hohen Eisschicht auftürmt. 

So vollzieht sich das Naturspektakel schon seit Millionen von Jahren – aber jetzt droht der Kreislauf aus der Bahn zu geraten. Im Weddell-Meer vor der Antarktischen Halbinsel brechen statt bloßer Eisberge inzwischen ganze Schelfe ab. Erst im Januar 1995 Larsen A, im Februar 2002 folgte Larsen B, und seit sich vor vier Jahren auch ein über 5000 Quadratkilometern großer Teil von Larsen C als einer der größten den Menschen bekannten Eisberge von seinem Kontinent loslöste, muss man sich auch um die einst viertgrößte Schelfeisfläche der Antarktis Sorgen machen.

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Und nicht nur das. Weil die Eisfläche des siebten Kontinents auf diese Weise immer kleiner wird, heizt sich die Atmosphäre immer mehr auf: Denn das Meer und der freigelegte Boden absorbieren wesentlich mehr Sonnenlicht als das Eis. Schließlich dringt wegen des wärmer werdenden Ozeans zunehmend Wasser zwischen die Gletscher und den Antarktisboden ein – und das lässt das Eis noch schneller ins Polarmeer rutschen. 

Lauter Entwicklungen, an deren Ende Wissenschaftler nicht einmal mehr das völlige Schmelzen der 26 Trillionen Tonnen schweren Eismasse der Antarktis ausschließen. Die Folge: Der Meeresspiegel würde um rund 60 Meter ansteigen – Küstenstädte wie New York, Shanghai, Kapstadt oder auch Hamburg ständen restlos unter Wasser.

Schmelze in der Antarktis könnte unumkehrbar sein

Der Stoff apokalyptischer Hollywood-Blockbusters könnte bereits in vier Jahrzehnten einen unumkehrbaren Anfang nehmen, heißt es in einer im Mai veröffentlichten Studie im Fachmagazin „Nature“, verfasst von einer internationalen Forschergruppe: Für den Fall, dass jetzt nichts Entscheidendes gegen die Klimakrise unternommen wird. 

Der Eisberg A68 löst sich vom Larsen-C-Schelfeis. Foto: Jesse Allen/NASA/dpa Vergrößern
Der Eisberg A68 löst sich vom Larsen-C-Schelfeis. © Jesse Allen/NASA/dpa

Werde erst einmal ein „tipping point“ – ein Kipppunkt – erreicht, sei der Prozess selbst bei einer drastischen Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen nicht mehr aufzuhalten. Das könne bereits 2060 der Fall sein. „Die nächsten Jahrzehnte werden entscheiden“, kommentiert Robert DeConto, Polarklima-Experte an der Universität von Massachusetts und Sprecher der Gruppe: „Wenn der Prozess einmal in Gang gesetzt wird, dann ist er nicht mehr rückgängig machen.“

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Dieser „tipping point“ werde sich im Amundsen-Meer westlich der Antarktischen Halbinsel ereignen, erläutert Gletscherforscherin Angelika Humbert vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut im Gespräch: In einem Teil des Südlichen Ozeans, der eine außergewöhnliche Eigenschaft hat. Dort liegt das Meer höher als eine südlich gelegene Festlandsenke, sodass sich die Gletscher auf ihrem Weg zum Ozean den Berg hinaufschieben müssen.

Wann der Kipppunkt erreicht ist, bleibt umstritten

Das bedeutet umgekehrt, dass sich der Ozean irgendwann in die Senke ergießen wird, ist genügend Eis geschmolzen – ein „katastrophales Aufbruchsereignis“, so Professorin Humbert, das sich von den üblichen „Kalbungen“ des Schelfeises fundamental unterscheidet. Schmilzt das Westantarktis-Eis, werde der Meeresspiegel weltweit um 1,2 Meter steigen.

Ob und wann es zu einem derartigen Aufbruchsereignis kommt, ist in der Fachwelt noch umstritten. Der Hauptautor der Studie, Robert DeConto, zählt zu den mit eher drastischen Rechenmodellen arbeitenden Wissenschaftlern. Ihm stehen konservativer rechnende Gletscherforscher gegenüber. Allerdings hat sich die Schmelze der arktischen und der antarktischen Polarkappe bislang drastischer als von fast allen Wissenschaftlern vorausgesagt erwiesen. „Wir haben noch keine allgemein anerkannten Formeln für solche Ereignisse gefunden“, räumt Angelika Humbert ein.

Noch bleibt zu ihrer Entdeckung etwas Zeit. Bleibe es beim gegenwärtigen Ausstoß an Treibhausgasen, heißt es in der „Nature“-Studie, werde sich der Meeresspiegel im nächsten Jahrhundert zehnmal schneller als derzeit erhöhen, nämlich um durchschnittlich sechs Zentimeter pro Jahr. 

Ein Eisberg treibt im Südlichen Ozean vor der Antarktis. Foto: Liu Shiping/XinHua/dpa Vergrößern
Ein Eisberg treibt im Südlichen Ozean vor der Antarktis. © Liu Shiping/XinHua/dpa

Selbst wenn bis dahin Technologien zur Absorbierung von CO2 gefunden worden seien, könne die große Schmelze damit nicht mehr aufgehalten werden: Ein von Klimaleugnern angeführtes Argument, wonach der künftige technologische Fortschritt sämtliche Katastrophenängste überflüssig mache, werde damit obsolet. „Es ist ausgeschlossen, dass wir uns aus diesem Szenario einen technologischen Ausweg konstruieren können“, meint die US-Geologin und Co-Autorin der Studie, Andrea Dutton.

Als Tiefkühltruhe des Planeten ist die Antarktis nicht nur für den Meeresspiegel mitverantwortlich. Der Zirkumpolarstrom um die Antarktis bewegt sich schneller als jeder andere Meeresstrom der Welt. Er sorgt für die weltweite Verteilung sauerstoff- und mineralienreichen Wassers und bindet Kohlendioxide. „Gerät dieser Strom aus dem Gleichgewicht, hat das Auswirkungen auf das Klima der gesamten Welt“, weiß Tim Packeisers vom deutschen WWF. Die Gletscherforscherin Angelika Humbert mahnt, dass in der Antarktis derzeit Dinge geschehen, die der Menschheit zu denken geben müssen. „Und wie bei Corona stellt sich die Frage, ob wir darauf vorbereitet sind.“

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