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Scientists for Future. Die Naturwissenschaften sollten heute nicht mehr bloß apolitische Beschreibungen über die Wirklichkeit liefern, sondern politisch intervenieren, sagt Eva Horn. Foto: picture alliance/dpa
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Kapitalismus und Klimakrise Ein System, das uns überleben lässt

Kapitalistisch oder nachhaltig wirtschaften? Die Forschenden Eva Horn und Klaus Dörre entwerfen eine politischere Wissenschaft im Zeitalter des Anthropozäns.

Wie politisch darf, ja muss Wissenschaft heute sein? Soll sie sich aufs Messen und Schlussfolgern beschränken, oder angesichts der Klimakatastrophe einen nachhaltigen Wandel der Gesellschaft empfehlen? Geht der Planet im Kapitalismus notwendig vor die Hunde, oder kann es einen adäquaten Klimaschutz auch innerhalb der jetzigen Systemgrenzen geben?

Gerade der für die planetaren Umwälzungen mitverantwortliche Kapitalismus berge auch ein Innovationspotenzial, erklärt die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn. Man könne nicht wissen, was die Menschen noch erfinden werden, um das Geschehen zu beeinflussen. Was genau die erdgeschichtliche Epoche, in der der Mensch sich von einem „allesfressenden Primaten“ zur „dominanten Kraft im Erdsystem“ entwickelt habe, für eben diesen Menschen bereithalte, sei also nur schemenhaft absehbar.

Zusammen mit ihrem Kollegen Hannes Bergthaler hat die Literaturwissenschaftlerin ein Buch über das „Anthropozän“ aus geisteswissenschaftlicher Perspektive geschrieben. Horns Leitfrage ist, warum der erdhistorische „Bruch“, den wir erleben, trotz der präzisen Arbeit von Klimaforscher:innen unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Und meint, das hänge auch mit den Medien zusammen: So hätten diese aufgrund eines falsch verstandenen Balance-Gebotes oft über Jahre hinweg warnende und leugnende Positionen zum Klimawandel gleichberechtigt zu Wort kommen lassen.

[Lesen Sie hier einen Kommentar zum Utopieverlust unseres Zeitalters]

Ökologische Schwellensituation

Was wir lernen müssten, sei auch „zu glauben, was wir wissen“. Denn auch, wenn die Entwicklungen sich nicht genau vorhersehen ließen: Dass die „ökologische Schwellensituation“, in der wir uns heute befinden, das Leben des Menschen und sein Verhältnis zu sich selbst tiefgreifend verändern werde, sei sicher, meint Horn.

Deshalb sei das „Anthropozän“ auch mehr als die objektive Beschreibung einer planetaren Phase durch die Erdsystemwissenschaften. Sie bringe auch ein – über Kunst und die Sozial- und Geisteswissenschaften vermitteltes – „Epochenbewusstsein“ hervor. Was ist überhaupt „Natur“, fragt Horn, wenn sie als vom Menschen beeinflusst gelten muss? Und was bedeutet es für die „Kultur“, wenn diese die Umwelt dauerhaft verändert?

Eva Horn, Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien. Foto: promo Vergrößern
Eva Horn, Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien. Die Literaturwissenschaftlerin forscht zum Anthropozän aus geisteswissenschaftlicher Perspektive. © promo

Jedenfalls sei die Spaltung zwischen „Sciences“ und „Humanities“ im Anthropozän überholt. Während sich die Naturwissenschaften noch mehr darauf einlassen müssten, nicht bloß apolitische Beschreibungen über die Wirklichkeit zu liefern, sondern politisch zu intervenieren, könnten sich die Geisteswissenschaften nicht mehr hinter ihrem „kulturellen Relativismus“ verschanzen. Statt alle Wahrheiten in „Diskurse“ aufzulösen, müssten sie sich mit den „materiellen Grundlagen von Kultur und Gesellschaft“ befassen – wie mit der Geschichte des Erdsystems, den Einsichten der Ökologie und Paläoanthropologie.

Was das Anthropozän für den Menschen bedeute, wenn er der globalen Wachstumsideologie weiter anhänge, ist sich der Soziologe Klaus Dörre, anders als Horn, ziemlich sicher. Auf Schloss Wiepersdorf sprach der Jenaer Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie mit der Literaturwissenschaftlerin jüngst über Wissenschaft und Aktivismus in Zeiten des Klimawandels.

Vernutzung des Planeten im Kapitalismus

„Innerhalb der Grenzen des Kapitalismus ist die Rettung der Erde nicht möglich“, sagte Dörre. Werde die „Zirkularität aus Verschwendung, Überproduktivität und Vernutzung“ nicht aufgegeben, werde das neue Erdzeitalter von kurzer Dauer gewesen sein, schreibt der Sozialwissenschaftler auch in seinem gerade erschienenen Buch „Die Utopie des Sozialismus. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution.“

So sei die kapitalistische Wirtschaft auf permanente „Landnahmen“ angewiesen. Der Kapitalismus könne nur durch Marktexpansion existieren.

Immer unterwegs. Der öffentliche Intellektuelle und Jenaer Professor Klaus Dörre hält Kapitalismus und Klimarettung für unvereinbar. Foto: promo Vergrößern
Immer unterwegs. Der öffentliche Intellektuelle und Jenaer Professor Klaus Dörre hält Kapitalismus und Klimarettung für unvereinbar. © promo

Ein strukturell expansiver Kapitalismus ist mit ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit letztlich unvereinbar; er passt nicht mehr zum Anthropozän“, sagt Dörre. An seine Stelle sollte ein demokratischer und nachhaltiger Sozialismus treten, der die autoritären Fehler seiner real existierenden Vorgänger vermeide, und die 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung als normative Leitlinie erachte.

Politisierung von Fachwissen

Dabei setzt Dörre seine nachhaltigkeitsrevolutionären Hoffnungen nicht nur in die junge Klimabewegung, sondern vor allem in die lange als apolitisch geltenden Naturwissenschaften. Denn infolge der „ökonomisch-ökologischen Zangenkrise“ provozierten naturwissenschaftliche Konzepte wie das des Anthropozäns „eine Politisierung von Fachwissen“.

Tatsächlich positionierten sich viele Naturwissenschaftler:innen bezüglich eines notwendigen Umbaus unserer Produktions- und Lebensweise heute deutlich klarer, als die Mehrzahl ihrer Kolleg:innen in den Sozial- und Geisteswissenschaften, erklärte Dörre in Wiepersdorf.

Auch Eva Horn meint, Teile der Naturwissenschaften hätten sich in den letzten Jahren mehr und mehr politisiert. „Schon der Vorschlag der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS), mitten in der Gegenwart eine Epochenschwelle festzulegen, ist einzigartig.“

Dass sich die ICS für die Formalisierung des Anthropozäns als offizieller Epochenbezeichnung aussprach, ist dabei auch heftig kritisiert worden. Im Fach Geologie wurde der Vorwurf laut, die Disziplin gebe ihre Wissenschaftlichkeit auf und diene sich Politik und Popkultur an. Eine Vorhaltung, der sich Wissenschaftler:innen auch in Pandemiezeiten ausgesetzt sehen. Womöglich aber zeigen eben diese Debatten, dass die „unpolitisch-objektive“ Rolle „der Wissenschaft“ im Anthropozän überdacht werden muss.

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