Verlässliche Antikörpertests auf das Coronavirus Sars-CoV-2 sind aufwändig und Genesene müssen über lange Zeit beobachtet werden, um Immunität zu prüfen. Foto: dpa
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Kann man zweimal erkranken? Warum noch so wenig über den Immunschutz bei Covid-19 bekannt ist

Wer bereits Covid-19 durchgemacht hat, muss weiterhin vorsichtig sein. Denn die Forschung zum Immunschutz bei Sars-Cov-2 ist noch nicht weit. Ein Überblick. 

Mindestens fünf Millionen Menschen haben sich in aller Welt in den letzten Monaten mit dem Virus Sars-CoV-2 angesteckt. Die meisten von ihnen haben das gesundheitlich gut überstanden, viele haben von ihrer Infektion nur durch einen Test erfahren.

Mehrere Studien gehen derzeit der Frage nach, wie viele Menschen unter uns leben, die nicht getestet wurden und deren Immunsystem sich ganz unbemerkt mit dem neuen Erreger auseinandergesetzt hat. Als Beweismittel bei der Fahndung dient ihr Blut, genauer die Anwesenheit von Antikörpern, die dort beim Kampf gegen das Virus gezielt gebildet wurden und auch in Zukunft Schutz bieten sollten.

Zu Verunsicherung darüber, ob das klappt, führten Berichte über Menschen, bei denen es kurz nach der ersten zu einer zweiten Infektion gekommen sein soll.

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Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie, an der Universität Marburg und Koordinator des Forschungsbereichs „Neu auftretende Infektionskrankheiten“, machte am Mittwoch bei einer Pressekonferenz des Science Media Center (SMC) aber deutlich, dass Ergebnisse aus Tierversuchen gegen solche kurzfristigen Zweitinfektionen sprechen. In den berichteten Fällen könne es sich stattdessen um ein Wiederaufflammen der alten Infektion handeln.

Keine Symptome, keine Antikörper

Untersuchungen zu den Errergern Sars-CoV, das 2003 auftrat, und Mers-CoV deuten darauf hin, dass der Immunschutz einige Zeit anhalten könnte: Spezifische Antikörper und starke Immunantworten fanden sich hier in Studien noch mehrere Jahre nach einer Infektion.

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Allerdings ist noch nicht klar, ob Sars-CoV-2 in Sachen Immunität diesen beiden Viren aus der Corona-Familie ähnelt. Möglicherweise hänge die Immunität von der Schwere der Erkrankung ab, meint Becker.

Erste Hinweise darauf, dass die Immunantwort schwächer und weniger nachhaltig ausfällt, wenn Betroffene keine Symptome gezeigt hatten, gibt eine relativ kleine Studie von Quan-Xin Long und Mitarbeitern, die am 18. Juni in „Nature Medicine“ erschienen ist: Mehrere Monate nachdem der übliche PCR-Test positiv ausgefallen war, waren hier bei etwa 40 Prozent von 37 Studienteilnehmern, die sich zwar nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert hatten, aber keine Symptome von Covid-19 zeigten, keine passgenauen Antikörper vom Typ IgG mehr im Blut zu entdecken.

„Extrem gute Kandidaten“

„Wenn Antikörper abnehmen, bedeutet das aber nicht, dass bei einem erneuten Kontakt mit dem Virus keine Immunantwort vorhanden wäre“, erklärte Virologe Becker. Als „zweiter Arm des Immunsystems“ fungieren spezifische T-Zellen.

Wie Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie an der Charité, berichtete, ist es allerdings sehr aufwändig, im Labor über eine genauere Untersuchung spezifischer T-Zellen herauszufinden, ob jemand schon Kontakt mit Sars-CoV-2 hatte. „Das wird nicht auf Bevölkerungsebene klappen.“

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Darüber, wie viele Menschen bereits eine Infektion mit dem neuen Virus durchgemacht haben, kann man auf diesem Weg also keinen Aufschluss erhoffen. Dafür sind gute Antikörpertests nötig, am besten zweistufige, in denen auch ermittelt wird, wie gut vorhandene Antikörper ihre Funktion erfüllen.

Solange man noch nicht wisse, wie lange die Immunität überhaupt anhalte, brauche man sich über das Erreichen einer „Herdenimmunität“ in der Bevölkerung keine Gedanken zu machen, betonte André Karch, Stellvertretender Direktor des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin am Universitätsklinikum Münster.

„Bei einem Virus, das erst seit einem halben Jahr kursiert, können wir das noch nicht wissen“, bekräftigte Becker. Deshalb gebe es auch keine Basis für die Ausstellung von „Immunitätspässen“ für Menschen, die die Infektion durchgemacht haben.

Um wirklich etwas über die Dauer der Immunität gegen Sars-CoV2 herauszufinden, sind Langzeit-Studien mit Genesenen nötig, wie sie an Ambulanzen verschiedener Unikliniken angelaufen sind. Und Impfstoffe, die die Experten mit einer gewissen Zuversicht erwarten. Unter den über 200 Projekten, die die WHO zähle, seien „extrem gute Kandidaten“, urteilte Sander.

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