Ein Mann in Schutzausrüstung betritt bei einem Pressetermin eine Sonderisolierstation in einem Münchner Klinikum. Foto: picture alliance / dpa
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Exklusiv Kampf gegen das Coronavirus Gewinnen deutsche Forscher das Rennen um den ersten Impfstoff?

Weltweit arbeiten derzeit neun Teams an Impfstoffen gegen das Coronavirus. Mit dabei ist auch eine Hamburger Gruppe, die kurz vor dem Ziel stehen könnte.

Es sind nur ein paar milchig-trübe Tropfen, die Marylyn Addo auf eine Spritze aufgezogen hat. Und doch könnten sie dafür sorgen, dass bald viele Menschen trotz umgehender Coronaviren ruhiger schlafen können. Addo ist Medizinerin, eine Spezialistin für hochpathogene Infektionen, die Labore im Hamburger Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf und im Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

Und die trüben Tröpfchen könnten das erste Mittel, der erste Impfstoff gegen einen Typ des Virus sein, der gerade um die Welt geht und bereits 170 Menschen das Leben gekostet hat.

Das Virus heißt 2019-nCoV und es ist so neu und anders, dass es noch keine maßgeschneiderten Impfstoffe oder Medikamente geben kann. Doch es gibt Vorläufer. Auf der arabischen Halbinsel tauchte 2012 zum ersten Mal die Lungenkrankheit „Mers“ auf, ausgelöst von einem besonders tödlichen Coronavirus. Kamele übertragen den Erreger, dass sie erkrankt sind, erkennt man an beeindruckenden Rotzfahnen.

Bei Menschen dagegen nisten sich die Mers-Viren in den tieferen Regionen der Bronchien ein, und wenn sie dass tun, dann liegt die Wahrscheinlichkeit zu sterben bei bis zu 40 Prozent. Das ist eine beängstigende Krankheit, die in den vergangenen Jahren immer wieder ausbrach – nicht gut, aber Voraussetzung, um einen Impfstoffkandidaten zu testen.

Impfstoff gegen Mers in der letzten Entwicklungsstufe

Addo leitet das Projekt und hat die Finanzierung organisiert, doch es ist ein deutschlandweites Unterfangen: Forscher aus München und Marburg haben die Impfung zusammengebaut, auch Virologen der Berliner Charité waren beteiligt. Alle sind in dem gemeinnützigen Forschungsverbund Deutsches Zentrum für Infektionsforschung organisiert, der sich auch um neu auftretende Erkrankungen kümmert. Der Impfstoff gegen Mers, MVA-MERS-S, ist inzwischen in den letzten, klinischen Phasen der Entwicklung: Nachdem die Vakzine 2016 Kamele schützen konnte, wurde er 2019 in Hamburg erstmals an 24 Freiwilligen getestet.

Das ist zwar nicht mehr als eine erste Stichprobe. Aber: „Die ersten Ergebnisse sahen sehr gut aus“, sagt Addo. „Die Teilnehmer hatten auch noch nach einigen Monaten Antikörper gegen Mers im Blut. Und sie hatten spezifische Abwehrzellen gebildet.“ Als nächstes, wohl 2021, stehen Tests in Saudi-Arabien mit über hundert Probanden an.

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Vielleicht muss es noch schneller gehen. Denn das Projekt bekommt gerade weltweite Bedeutung. Wenn der Impfstoff gegen Mers schützt, vielleicht wirkt er dann auch gegen andere Coronaviren – so wie dem gerade um die Welt eilenden 2019-nCoV aus Wuhan.

Addo ist deswegen mit der dafür zuständigen Organisation, der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) in Gesprächen, die 2017 eigens gegründet wurde, um Konzepte gegen neuartige Erreger zu fördern, etwa „Impfstoffplattformen“. Moderne Impfstoffe bestehen oft nur noch aus einzelnen, besonders charakteristischen Bruchstücken eines Erregers. So wie ein Goldschmied den einzigartigen Edelstein in eine immer gleiche Goldkette einfügt, wird das unverwechselbare Virenstück in die Impfstoffplattform eingesetzt.

Man kann Bausteine einfach austauschen

Nach diesem Prinzip funktioniert auch die deutsche Mers-Impfung. Der „Goldkette“ entspricht ein Pockenvirus, das Modified Vaccinia Virus Ankara (MVA), das auch Pockenimpfstoffen als Plattform diente. Das MVA-Virus ist harmlos, aber die Hülle ist so beschaffen, dass das Immunsystem ausreichend wachgerüttelt wird, wenn es in den Körper gespritzt wird.

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Bei dem neuen Mers-Impfvirus hat Addos Team Bausteine des Mers-Coronavirus in das MVA-Gerüst eingebaut. Doch es könnten auch Bestandteilse von 2019-nCoV sein. „Der Vorteil eines Baukastens besteht ja darin, dass man Bausteine einfach austauschen kann“, sagt Addo. „Und genau das wollen wir jetzt mit den Bausteinen der verschiedenen Coronaviren machen.“

Hintergrund über das Coronavirus:

Es ist ein internationales Wettrennen: Zurzeit laufen weltweit acht weitere Impfstoff-Projekte. Drei testen bereits an größeren Probandenzahlen, zwei davon in Russland. Über die Ergebnisse ist aber nichts bekannt.

Coronaviren heißen so, weil sie unter dem Elektronenmikrokop einen feinen Kranz tragen, der ein wenig an einen christlichen Heiligenschein, die „Corona“, erinnert. Wissenschaftler nennen die Dornen der Krone, die aus der Viruskapsel herausragen, „Spikes“ – wie die Stollen an Fußballschuhen. Es sind dicke, kugelige Proteinstücke und sie unterscheiden sich bei verschiedenen Coronaviren.

Coronavirus könnte das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen

Damit ein neuer Impfstoff zuverlässig schützt, muss er die Spikes des richtigen Erregers tragen. Dafür muss der Bauplan der Spikes, die Gene im Viruserbgut, bekannt sein. Diese Erbgutsequenz liegt jetzt vor – und Addo kann loslegen mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen 2019-nCoV.

„Nach dem, was wir von den europäischen Patienten erfahren,  können Infektionen mit dem 2019-nCoV  auch harmlos verlaufen“, sagt Addo. „Wie eine normale Erkältung. Aber wir wissen auch, dass es für Menschen mit Vorerkrankungen lebensgefährlich sein kann. Also genau wie die Grippe – und da wird ja auch geimpft.“

Christian Drosten, Leiter des Konsiliarlabors für Coronaviren an der Berliner Charité und auch Beteiligter am Impfstoffprojekt, mahnt, dass das neue Virus auch dann das Gesundheitssystem überlasten könnte, wenn die schweren Erkrankungen im Promillebereich bleiben. „Im Moment sieht es so aus, als ob auch Menschen, die nur leichte Symptome haben, das Virus weitergeben.“

Andere Forscher wollen sich nicht zitieren lassen, sagen es aber noch klarer: Auch Menschen die noch gar nicht krank sind oder nicht mehr, scheiden ungewöhnlich große Mengen Viren aus. Das würde bedeuten, dass sich das Virus schnell landesweit ausbreiten kann.

Dann könnte ein Impfstoff besonders dringend gebraucht werden. Wie schnell im Ernstfall ein noch nicht vorschriftsmäßig ausgereiftes Projekt aus den Labors in die Anwendung kommen kann, zeigt das Ebola-Beispiel: Noch während des großen Ausbruchs ab Dezember 2013 in Westafrika wurde 7500 Erkrankten und Angehörigen ein experimenteller Impfstoff gegeben – mit Erfolg. Zurzeit schützt die Vakzine hunderttausende Menschen im Kongo vor der Seuche. Auch damals war Addo mit dabei, als Leiterin der Phase-I-Studie.

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