Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Sollten nicht vielleicht doch erst Jüngere geimpft werden, damit die Ausbreitung des Virus gestoppt wird? Foto: imago images/photothek
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Jung, ansteckend, aber unten auf der Impfliste Was ist die beste Impfstrategie, um weitere Corona-Tote zu verhindern?

Erst sind Risikogruppen und Medizin-Personal dran, so der Plan. Aber wäre früheres Impfen Jüngerer nicht sogar sinnvoller? Das hängt vom Impfstoff ab.

Nun gibt es schon für einen zweiten Covid-19-Impfstoffkandidaten erste Erfolgsmeldungen. Auch der vom Bostoner Biotech-Unternehmen Moderna entwickelte Impfstoff - ebenfalls auf RNA als Wirkstoff basierend - zeigt eine über 90-prozentige Wirkung. Zwar sind noch viele Fragen offen.

Etwa, ob die Wirksamkeit mit der Zeit noch nachlässt, ob das Vakzin Ältere, Kinder und Schwangere unterschiedlich gut schützt und ob es nicht nur vor Erkrankung, sondern auch vor Infektionen mit Sars-CoV-2 schützt. Ein Manko ist auch, dass die Ergebnisse erneut nur per Pressemitteilung, nicht in Form einer geprüften Fachpublikation veröffentlicht wurden. Aber es gibt Grund für Optimismus.

Zum einen: Impfstoffentwickler haben offenbar auf das richtige „Ziel“ gesetzt, den „Stachel“ des Virus, das „Spike“-Protein. Es sitzt überall in der Hülle des Virus und verschafft ihm Eintritt in die menschlichen Zellen. Forscher hatten früh beschlossen, dieses Stachel-Protein zu verwenden, um das Immunsystem gegen Sars-CoV-2 zu trainieren.

Ein Fehlschlag wäre eine Katastrophe gewesen, da fast alle Impfstoffentwickler auf den Stachel gesetzt hatten.

Bis Ostern könnten gleich mehrere Impfstoffe zur Verfügung stehen

Ein weiterer Grund zur Freude ist, dass es zwei RNA-Impfstoffe sind, die erste Wirkung zeigen. Denn das bedeutet, dass auch der dritte in der Pipeline, von der Tübinger Firma Curevac, gute Chancen hat und bald drei Impfstoffe zur Verfügung stehen könnten, die sehr schnell und vergleichsweise günstig in großen Mengen produziert werden können.

Während Proteine in lebenden Zellen in großen Fermentern hergestellt werden müssen, kann RNA synthetisch im Labor zusammengesteckt werden. Biontech kündigt für das Jahr 2021 1,3 Milliarden Impfdosen an, Moderna und Curevac haben jeweils vergleichbare Kapazitäten.

Dazu werden in den nächsten Wochen voraussichtlich weitere, konventionellere proteinbasierte Impfstoffe kommen. So hat sich etwa der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson dazu verpflichtet, 2021 eine Milliarde Dosen des Covid-19-Impfstoffs „Ad26.Cov2.s“ zu liefern, sollten die Tests positiv ausfallen.

Bis Ostern könnten also nicht nur ein, zwei Handvoll Corona-Impfstoffe zur Verfügung stehen, sondern auch hoch wirksame und noch dazu in großer Menge. Das ist Grund genug, schon jetzt darüber nachzudenken, welche Impfstrategie die beste ist, wer also wann die anfangs sicher knappen Impfstoffdosen bekommen soll, damit am Ende so viele Todes- und schwere Covid-19-Fälle verhindert werden, wie möglich.

Werden Ältere besser geschützt, wenn auch Jüngere schon früh geimpft werden?

Keine triviale Frage. Das Bundesgesundheitsministerium hat daher die Ständige Impfkommission (Stiko) gebeten, gemeinsam mit Experten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und dem Deutschen Ethikrat Kriterien für eine Priorisierung zu formulieren. In dem vergangene Woche vorgestellten Positionspapier heißt es, „die Priorisierung muss medizinischen, ethischen und rechtlichen Prinzipien folgen“.

Diese seien „der Bevölkerung verständlich darzulegen, damit die Priorisierung als gerechtfertigt wahrgenommen werden kann.“ Dass allerdings jetzt schon wissenschaftlich gut begründet werden kann, welche Priorisierung gerechtfertigt ist, darf bezweifelt werden.

Zwar werden als die ersten drei vorrangigen „Impfziele“ die „Verhinderung schwerer Covid-19-Verläufe (Hospitalisation) und Todesfälle“, der „Schutz von Personen mit besonders hohem arbeitsbedingtem Sars-CoV-2-Expositionsrisiko (berufliche Indikation)“ und die „Verhinderung von Transmission sowie Schutz in Umgebungen mit hohem Anteil vulnerabler Personen und in solchen mit hohem Ausbruchspotenzial“ genannt.

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Doch ob diese Ziele tatsächlich am besten zu erreichen sind, indem jüngeren Bevölkerungsteilen, die trotz seltener Covid-19-Erkrankungen als Treiber der Pandemie gelten, der Impfstoff anfangs aktiv vorenthalten wird, zugunsten zumeist älterer Risikogruppen, ist offen.

In einer Modellrechnung kamen vier Forscherinnen des Fred Hutchinson Cancer Centers in den USA bereits im Sommer zum Ergebnis, dass es bei einem „sehr wirksamen Impfstoff“ besser wäre, das Vakzin an „hochansteckende (jüngere) Altersgruppen zuerst abzugeben“. Damals erwarteten selbst optimistische Experten keine Wirksamkeiten von über 90 Prozent. Die Option, Jüngere früh zu impfen, erschien nur eine akademische Spielart zu sein. Doch nun ist sie real.

Die Impf-Strategie hängt von den Eigenschaften der Impfstoffe ab

Allerdings müssten dafür zwei Grundbedingungen erfüllt sein, sagt Laura Matrajt, Erstautorin der Studie, auf Tagesspiegel-Nachfrage: Der Impfstoff müsse „hohe Wirksamkeit“ haben und „in ausreichendem Maße“ vorhanden sein – genug, um etwa die Hälfte der Bevölkerung zu impfen.

Wann 40 Millionen Impfstoffdosen zur Verfügung stehen, kann noch niemand mit Sicherheit sagen. Aber gänzlich unwahrscheinlich, dass das bereits um Ostern herum der Fall sein könnte, ist es den neuen Entwicklungen zufolge nicht. Auch die schiere Zahl der Jungen spricht in Deutschland nicht für eine Priorisierung Älterer. Hierzulande leben etwa 22 Millionen 18- bis 40-Jährige, also sogar etwas weniger als in der klassischen Corona-Risikogruppe der Über-60-Jährigen mit fast 24 Millionen.

Wirksam kann ein Vakzin jedoch auf unterschiedliche Weise sein, und das sei „entscheidend“ für die Frage, ob Junge früh geimpft werden sollten, sagt Matrajt: Kann der Impfstoff etwa eine Erkrankung eines Menschen zuverlässig verhindern, nicht aber dessen anfängliche Infektion, könnte er womöglich noch andere anstecken. Dann wäre es eher nicht sinnvoll, zuerst die Jungen zu impfen. Die Verbreitung des Virus würde dann nicht gestoppt und die Ansteckung von Risikogruppen nicht verhindert.

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In ihrem Modell gehen Matrajt und Kolleginnen davon aus, dass der Impfstoff Infektionen und nicht nur die folgende Erkrankung verhindert. „Aber wir wissen bisher nicht, ob der Biontech- oder Moderna-Impfstoff auch Infektionen verhindert“, sagt Matrajt. Aber selbst wenn sie in ihrem Modell einen Impfstoff einspeisen, der nur Erkrankungen verhindert, Infektion aber zulässt, ändert sich die optimale Strategie zur Verhinderung von Todesfällen nicht, meint Matrajt.

Studienteilnehmer regelmäßig auf Corona-Infektionen testen

„Es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein Impfstoff die Übertragungsrate beeinflussen kann“, sagt Matrajt. Die erste sei, die Infektionswahrscheinlichkeit eines Geimpften, also seine Empfänglichkeit, zu reduzieren und die zweite, die Infektiosität des Geimpften zu reduzieren. Dazu müssten alle oder zumindest viele Teilnehmer in den Studien regelmäßig auf Corona getestet werden.

In den vorläufigen Erfolgsmeldungen von Biontech und Moderna werde nicht unterschieden, inwieweit die Impfstoffe vor Infektion, milder oder schwerer Erkrankung schützen, sagt Infektiologe Peter Kremsner, Direktor des Tropeninstituts der Uniklinik Tübingen, der unter anderem den Covid-19-Impfstoff der Firma Curevac testet, den dritten RNA-Impfstoff in der Pipeline.

„Man kann und wird das bei den laufenden Studien aber überprüfen.“ In der Curevac-Studie etwa, deren Phase-3-Test noch im November beginnen sollen, wird der Infektionsstatus der geimpften und nicht-geimpften Teilnehmer sowohl aktiv durch regelmäßige Tests überprüft, als auch passiv - „das heißt, die Teilnehmer melden sich, wenn sie Symptome haben, und werden dann getestet“, sagt Kremsner.

[Warum die Charité-Ärzte die Meldung vom Impfstoff auch besorgt - lesen Sie hier die T+-Geschichte.]

„Wenn man genug reine Infektionen ohne Erkrankungen feststellt, dann kann man auch über die Schutzwirkung des Impfstoffs vor Infektionen eine Aussage machen“ - etwa wenn sehr viel mehr Coronainfektionen in der Gruppe der Nicht-Geimpften auftauchen als in der Gruppe der Geimpften. „Und wenn die Impfung auch vor Infektionen schützt, dann können wir auch überlegen mit groß angelegten Massenimpfungen auch der Jüngeren sehr stark auf die Weiterverbreitung des Virus einzuwirken, um es langfristig zurückzudrängen“, sagt Kremsner.

Für Regierungen sei detailliertes Wissen über die Fähigkeiten des Impfstoffs daher „von entscheidender Bedeutung“, meint Laura Matrajt, denn das sei der „Schlüssel, um die indirekten Effekte des Impfstoffs, etwa auf die Herdenimmunität, abzuschätzen.“ Erst diese Information erlaube es, „die Impfstoffe angemessen zu priorisieren.“

Dafür sollten Regierungen Expertengremien, die Ärzte ebenso wie Ethiker umfassen, konsultieren. Modellierungen können dabei als Unterstützung dienen für Entscheidungen, die unter Berücksichtigung von Impfstoffeigenschaften, Verfügbarkeit, Anzahl der benötigten Dosen pro Person und anderen Faktoren auf wissenschaftlicher Basis gefällt werden sollten.

Das bedeute aber nicht, dass man warten könne, bis all diese Informationen vorliegen. Das sei weder klug noch ethisch vertretbar, sagt Laura Matrajt: „Die Impfungen sollten beginnen, sobald die ersten Impfstoffe fertig sind.“ Fürs Erste hält es auch Kremsner für das Pragmatischste, „alle über 65 Jahren zu impfen“. Denn aus dieser Altersgruppe kommen 95 Prozent aller Covid-19-Toten. „Alles andere wäre zu kompliziert.“

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