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Historisches Bildnis einer Frau in einem Kleid mit weißer Bluse, die ein Buch auf dem Schoß hält. Foto: mauritius images/Art Collection
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Jüdische Identität bei Varnhagen und Arendt „Um keinen Preis möcht’ ich das jetzt missen“

Hannah Arendt schreibt an einem Buch über Rahel Varnhagen, als sie aus Berlin fliehen muss. Jetzt erscheint eine neue Edition, die mehr ist als eine Biografie.

„Im Jahre 1771 wird Rahel Levin in Berlin geboren: der Vater ein jüdischer Juwelenhändler, wohlhabend, klug und ungebildet, die Mutter ohne eigene Kontur, anlehnungsbedürftig, in ständiger Angst vor der Tyrannei des Mannes .“ So beginnt sie, die geplante Habilitation von Hannah Arendt, die gerade ihre philosophische Doktorarbeit über Augustin beendet hat.

Im Berlin der frühen 1930er Jahre forscht die Nachwuchswissenschaftlerin über Rahel Varnhagen, geborene Levin, eine Schriftstellerin der Romantik.

Um 1800 macht sich Varnhagen als exzessive Briefeschreiberin einen Namen; berühmt ist auch ihr Salon in der Jägerstraße. In der Preußischen Staatsbibliothek sucht Arendt nach unveröffentlichten Korrespondenzen, studiert Handschriften, durchforstet Tagebücher. Zur gleichen Zeit kann sie in der deutschen Hauptstadt beobachten, wie die Nationalsozialisten täglich mächtiger werden. Antisemitismus flammt überall auf.

Abgesang auf Weimar und die Geschichte des Judentums in Deutschland

Im Varnhagen-Buch spiegelt sich das, indirekt: „Es ist ein Absang auf die Weimarer Republik und die Geschichte des Judentums ins Deutschland“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Hahn. Als habe Arendt gewusst, dass etwas unwiederbringlich zu Ende geht, „auch wenn sie das Ausmaß der Vernichtung nicht ahnen konnte“.

Zum ersten Mal erscheint das frühe Berliner Manuskript nun zusammen mit den später veröffentlichten Fassungen in Hannah Arendts Kritischer Gesamtausgabe. Der von Barbara Hahn herausgegebene Band ist ab der ersten Januarwoche 2021 erhältlich.

Es ist kein schillerndes Salonleben, das sich unter Arendts analytischem Blick entfaltet – eher ein schwankendes Frauenschicksal. Rahel Varnhagen (1771 bis 1833) treibt der glühende Wunsch um, ihre jüdische Herkunft hinter sich zu lassen. Die erfolgreiche Eingliederung in die deutsche Gesellschaft ist ihr größtes Ziel. Eine Heirat mit einem adligen Christen soll sie aus der Rolle der Außenseiterin befreien.

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Sie habe verstehen wollen, erklärt Arendt 1964 im legendären Fernsehinterview mit Günter Gaus: „Es waren nicht meine persönlichen Judenprobleme, die ich da erörterte.“ Arendt, die 1906 in Hannover geboren wird und in Königsberg (heute Kaliningrad) aufwächst ist, wird in der Kindheit von einer gänzlich anderen Haltung geprägt: „Man darf sich nicht ducken, man muss sich wehren.“

Die Mutter, eine Sozialdemokratin, habe scharfe Beschwerdebriefe an die Schule geschrieben, wenn ein Lehrer sich im Klassenzimmer antisemitisch äußerte.

Ein Buchcover mit der Aufschrift Hannah Arendt: Rahel Varnhagen, Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin. Foto: Promo Vergrößern
Cover des aktuellen Bandes der Hannah Arendt Gesamtausgabe. © Promo

[Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin / The Life of a Jewish Woman. Band 2 von Hannah Arendt: Kritische Gesamtausgabe/Complete Works. Wallstein Verlag, 969 Seiten, 49 Euro]

Warum Arendt dann überhaupt Varnhagen als wissenschaftliches Thema wählte? „Sie konnte an dieser Figur mit großer Deutlichkeit das Scheitern der deutsch-jüdischen Assimilation zeigen“, erklärt Hahn. Das sei möglich gewesen, weil Varnhagen ebenfalls eine theoretische Denkerin war. „Rahel Varnhagen interessierte sich nicht für literarisches Schreiben, sondern reflektierte und kommentierte fortwährend die eigene Gegenwart.“ Tausende Briefe, Aphorismen und Tagebucheinträge sind von ihr überliefert.

Widerstand gegen die Edition der "umstrittenen" Denkerin

Auch Hannah Arendt, darin besteht eine weitere Parallele, ist eine Vielschreiberin. Lange hat es gedauert, bis ihr mehrsprachiges Werk samt unvollendeter Texte in einer 17-bändigen Kritischen Gesamtausgabe zugänglich gemacht wird. Vor rund fünf Jahren fand sich ein internationales Team von Herausgeberinnen und Herausgebern zusammen.

„Wir beschlossen, es einfach zu machen“, sagt Barbara Hahn, die an der Freien Universität Berlin promoviert wurde und heute an der Vanderbilt University in Nashville/Tennessee lehrt.

Eine dauerhafte Finanzierung hatte das Mammutprojekt anfangs nicht; mehrere Förderanträge scheiterten. Wieso? „Arendt ist eine weibliche Intellektuelle, die in Deutschland immer noch als ,umstritten’ gilt.“ Die ersten Bände, die 2018 und 2019 erscheinen, konnten nur dank der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und der Vanderbilt University realisiert werden. Mittlerweile ist das Projekt an der FU Berlin angesiedelt. Ende 2019 gelang es, für alle weiteren Bände eine Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu bekommen.

Arendt lässt das Manuskript an Karl Jaspers schicken

Mit „Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin / The Life of a Jewish Woman“ liegt nun der dritte fertige Band vor. Zweieinhalb Jahren lang haben Hahn und ihre Mitarbeiterinnen Johanna Egger und Friederike Wein die komplexe Entstehungsgeschichte des Buchs rekonstruiert.

Da ist zum einen das Typoskript von 1933. „Man merkt diesem Text an, dass er in großer Eile entstanden ist“, sagt Hahn. Nachdem die junge Wissenschaftlerin einer jüdischen Organisation geholfen hatte, eine Zitatsammlung mit antisemitischen Äußerungen von deutschen Verbänden und Vereinen anzulegen, wird Arendt verhaftet. Kurze Zeit später gelingt der 26-Jährigen die Flucht nach Frankreich.

Porträtbild von Hannah Arendt. Foto: Fred Stein Archive/Archive Photos/Getty Images Vergrößern
Hannah Arendt 1949 im amerikanischen Exil. © Fred Stein Archive/Archive Photos/Getty Images

Das Varnhagen-Manuskript hatte Arendt vorher noch an ihren Doktorvater Karl Jaspers nach Heidelberg schicken lassen. Er bewahrt es sicher für sie auf; so kann Arendt Ende der 1930er Jahre in Paris die Arbeit an der Biografie fortsetzen. Beim Schreiben nutzt sie ein ungewöhnliches Zitierverfahren, „fast könnte man von einer kommentierten Montage sprechen“, sagt Hahn.

Eng webt Arendt Textstellen aus Varnhagens Schriften in ihre Abhandlung ein, gibt der Stimme der Biografierten damit viel Raum.

Spurensuche: Jetzt auch mit Fußnoten

Das Konglomerat klingt dann so: „Um ,äußerlich eine andere Person zu werden’, muß Rahel wie mit einem Kleid vorerst die Blöße des Judentums verdecken – ,so vergesse ich doch die Schmach keine Sekunde. Der Jude muß aus uns ausgerottet werden, das ist heilig wahr, und sollte das Leben mitgehen’. Voller Illusionen über die Möglichkeiten der äußeren Welt, traut sie Verkleidungen, Tarnungen, Namensänderungen eine ungeheure umbildende Kraft zu.“

Wo genau Arendt, die keine Fußnoten macht, sich bei Varnhagen bedient hat – das haben die Wissenschaftlerinnen nun mitsamt der Quellen dokumentiert. Ihre Spurensuche wurde dadurch erleichtert, dass Barbara Hahn nicht nur eine ausgewiesene Arendt-, sondern auch eine Varnhagen-Expertin ist.

[Heinrich Blücher als Stichwortgeber für Hannah Arendts Totalitarismustheorie? Lesen Sie dazu unseren Bericht "In der ehelichen Gedankenwerkstatt"]

Parallel zur Arendt-Gesamtausgabe arbeitet sie an der Kritischen Ausgabe von Varnhagens Briefwechseln. Der kommende, fünfte Band ist für Mai 2021 geplant, pünktlich zum 250. Geburtstag der Schriftstellerin.

Für Hannah Arendt ist die Auseinandersetzung mit Rahel Varnhagen nach der Pariser Überarbeitung längst nicht abgeschlossen. Noch immer hat sie ihr Buch nicht veröffentlichen können. Fast wäre das Manuskript außerdem in den Kriegs- und Nachkriegswirren verloren gegangen.

Ein zwischenzeitlich verschollenes Werk wiedergewonnen

Zwar schickt Arendt die überarbeitete Version an mehrere Freunde, unter anderem nach Palästina. Doch nach ihrer Emigration 1941 in die Vereinigten Staaten bleiben alle Exemplare zunächst unauffindbar. Erst nach Jahren gelingt es Arendt, sich ihr eigenes Manuskript wieder zu beschaffen.

Erneut ergänzt und überarbeitet sie; es entsteht die New Yorker Fassung. 1957 erscheint die Varnhagen-Biografie zunächst in England, 1959 erstmals in Deutschland, 1974 schließlich auch in den USA.

Wie genau sich das Manuskript über die Jahrzehnte verändert hat, das soll ab Januar 2022 auch online nachvollziehbar sein. Sukzessive wird die Kritische Gesamtausgabe kostenlos zugänglich gemacht (https://hannah-arendt-edition.net).

Im Internet wird es möglich sein, in die Typoskripte hineinzuzoomen oder verschiedene Versionen nach Stichworten zu durchsuchen.

Barbara Hahn freut sich auf die Möglichkeiten der digitalen Edition: „Online können wir noch mehr Material veröffentlichen als im gedruckten Band.“

Die auffälligste Änderung zwischen Erst- und Endfassung des Varnhagen-Buchs ist auch auf Papier gut zu erkennen. Mitte der 1950er Jahre entschließt sich Arendt, den Anfang komplett umzuschreiben. Nicht länger geht es um den familiären Hintergrund Rahel Varnhagens. Der Ton ist eindringlicher, der Fokus politischer.

Das Buch beginnt nun mit Varnhagens letzten Worten, gesprochen auf dem Totenbett: „Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht’ ich das jetzt missen.“

Dazu ergänzt Arendt: Ihr gesamtes Leben habe Varnhagen gebraucht zu lernen, „was 1700 Jahre vor ihrer Geburt begann, zur Zeit ihres Lebens eine entscheidende Wendung und hundert Jahre nach ihrem Tode – sie starb am 7. März 1833 – ein vorläufiges Ende nahm.“

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