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Jagdszene vor 9000 Jahren: Auch Frauen könnten sich an der Jagd auf Vicuñas beteiligt haben. Illustration: Matthew Verdolivo (UC Davis IET Academic Technology Services)
© Illustration: Matthew Verdolivo (UC Davis IET Academic Technology Services)

Jäger*innen und Sammler Funde in Peru zeugen von steinzeitlicher Großwildjägerin

Ein Großwildjagd-Toolkit als Grabbeigabe verrät: Im Hochland der Anden stellten vor 9000 Jahren Männer und Frauen wilden Kamelen nach.

Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern schien für Ethnologen in den 1960er Jahre klar: Bei den letzten Völkern, die damals zum Beispiel im südlichen Afrika noch als Jäger und Sammler lebten, stellten fast immer die Männer dem Großwild nach, während die Frauen sich um die Kinder kümmerten und mit der Suche nach Früchten und Knollen zum Gemeinwohl beitrugen.

Die Schlussfolgerung lag nahe, dass die Menschen in der Steinzeit ähnlich lebten. Doch jetzt berichten Randall Haas von der University of California in Davis und seine Kollegen in der Zeitschrift „Science Advances“ von einem Grab, in dem vor fast 9000 Jahren eine junge Frau mit einer kompletten Ausrüstung für die Großwildjagden bestattet worden war.

Die Ausgrabungsarbeiten in Wilamaya Patjxa. Foto: Randall Haas Vergrößern
Die Ausgrabungsarbeiten in Wilamaya Patjxa. © Randall Haas

Die Forscher waren auf das „Wilamaya Patjxa“ genannte Gebiet im Süden Perus aufmerksam geworden, weil ein Einheimischer 2013 von Steinwerkzeugen berichtete, die er dort gefunden hatte. Seit 2018 haben die Ausgrabungen in dem fast 4000 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Gebiet mehr als 20.000 Fundstücke zu Tage gebracht.

Die meisten davon sind Bruchstücke, die beim Herstellen von Steinwerkzeugen anfallen. Die Forscher fanden aber auch fünf Gräber mit den Überresten von sechs Menschen, von denen zwei neben den Knochenresten auch Speerspitzen und Klingen enthielten, mit denen die Steinzeitmenschen auf Jagd gingen.

Aufschlussreiche Grabbeigaben

Die Struktur der Knochen und eine Analyse des Zahnschmelzes zeigt, dass einer der Toten ein Mann war. Er dürfte im Alter von 25 bis 30 Jahren gestorben sein, vermuten die Forscher. Zu seinen Lebzeiten war der Mann viel unterwegs gewesen, verrät die Form der Oberschenkelknochen.

Dabei hielt er sich die meiste Zeit in großer Höhe auf, zeigt eine Isotopen-Analyse der Knochensubstanz. Direkt bei den Überresten des Mannes fanden die Forscher eine Speerspitze aus Feuerstein und eine weitere aus Vulkangestein. Ob es sich dabei um Grabbeigaben für einen Jäger handelt oder ob er mit diesen Waffen getötet wurde, wissen Haas und seine Kollegen allerdings nicht.

Klarer ist die Situation beim zweiten Grab, in dem nach der Form der Knochen und einer Analyse des Zahnschmelzes eine Frau bestattet wurde. Bei ihrem Tod könnte sie 17 bis 19 Jahre alt gewesen sein, schätzen die Forscher anhand des Zustands ihrer Zähne. Genau wie der Mann im anderen Grab scheint auch die Frau dauerhaft in großer Höhe gelebt zu haben. Eine Radiokohlenstoff-Analyse der Knochen zeigte, dass sie vor knapp 9000 Jahren starb. Das bestätigen auch sechs Steinspitzen für Speere, deren Form typisch für diese Epoche ist.

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Diese Spitzen lagen unmittelbar über dem Oberschenkelknochen direkt neben 14 weiteren Steinwerkzeugen wie Messern und Schabern, mit denen die Steinzeitmenschen damals ihrer Beute das Fell abzogen und weiteren Utensilien, mit denen die Tierhäute gegerbt wurden. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine komplette Jagdausrüstung, die in einem Lederbeutel getragen wurde, von dem jedoch nichts mehr übrig ist.

„Ein solcher Großwildjagd-Toolkit als Grabbeigabe zeigt allerdings nicht zwingend, dass hier eine Jägerin bestattet wurde“, sagt Michael Petraglia, der am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena die frühe Steinzeit erforscht. „So könnte vielleicht auch ein Angehöriger oder enger Freund der Verstorbenen diese Jagd-Utensilien mit auf den letzten Weg gegeben haben“. In den meisten Fällen aber wurden Bestatteten Dinge beigelegt, die sie auch im Leben häufig bei sich trugen, argumentieren dagegen Haas und seine Kollegen.

Unklare Beweislage

Es spricht also einiges dafür, dass die Frau im Grab von Wilamaya Patjxa selbst auf die Jagd gegangen war. Dabei dürfte sie vor allem die noch heute in den höheren Regionen der Anden lebenden Vicuñas erbeutet haben, von denen bei den Ausgrabungen bisher 17 Knochen gefunden wurden. Weitere fünf Knochenfunde stammen wahrscheinlich vom Nordanden-Hirsch, der ebenfalls noch heute in der Gegend anzutreffen ist.

Eine Gruppe Vicuñas aus der Familie der Kamele läuft über eine Ebene in den Anden. Foto: Randall Haas Vergrößern
Vicuñas gehören zur Familie der Kamele. Die Tiere leben bis heute in den Anden. © Randall Haas

War die Jägerin von Wilamaya Patjxa nur eine Ausnahmeerscheinung? Haas und seine Kollegen entkräften auch dieses Argument: Unter 429 untersuchten Überresten von Steinzeitmenschen in Nord- und Südamerika waren nur 27, die mit Jagdutensilien bestattet waren und deren Geschlecht bestimmt werden konnte. Elf davon waren Frauen. 30 bis 50 Prozent der Großwildjäger dieser Epoche auf dem Doppelkontinent waren Frauen, schätzen die Forscher.

Auch Petraglia kann sich vorstellen, dass Steinzeitfrauen erfolgreiche Jägerinnen waren. Nur beweisen lässt sich das schwer, weil die meisten Hinweise auf die Jagd und die beteiligten Menschen längst zerstört sind.

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