Ein Porträt Charlotte von Schillers als Lesende. Foto: mauritius images
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Intellektuelle Frauen um 1800 Sie lasen viel, schnell und in mehreren Sprachen

Begeisterte Leserinnen um 1800 wurden als süchtig und unbeherrscht diffamiert. Neue Studien zeigen: Tatsächlich waren sie intellektuelle Pionierinnen.

„Die Abende durfte ich nicht ausgehen u. las beständig, u. habe eine ganze Bibliothek durchgeleßen“, schreibt Charlotte von Schiller 1809 in einem Brief an den Hauslehrer der Schiller-Kinder. Es ist bei weitem nicht das einzige Mal, dass Fridrich Schillers Witwe – der Dichter und Dramatiker starb 1805 im Alter von 45 Jahren – über ihre zahlreichen Lektüren Auskunft gibt.

Ein paar Jahre später berichtet sie: „Ich lese den Plutarch wieder, mit neuem Genuß, man sollte in jedem Lebensalter wieder sich mit solchen Schriftstellern beschäftigen.“ Nicht nur das Lesen beschäftigt von Schiller ununterbrochen, sie fertigt auch ausführliche Exzerpte an. Über tausend Zettel mit Zitaten finden sich in ihrem Nachlass. Was bedeutet das? War Charlotte von Schiller eine typische Leserin des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts? War sie gar lesesüchtig, den Büchern hoffnungslos verfallen, wie es damals vielen Frauen unterstellt wurde?

Die Lesekultur entwickelte sich explosionsartig

Das Lesen um 1800 ist von der Literaturwissenschaft gut erforscht. Umso erstaunlicher, dass eine Tagung an der Freien Universität (FU) das vermeintlich bekannte Thema kürzlich wieder auf die Agenda brachte. Gibt es wirklich noch Unbekanntes zu entdecken in dieser Epoche? Tagungs-Organisatorin Kathrin Wittler, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU arbeitet, ist davon überzeugt: „Wenn man näher auf die Situativität der Lektüren schaut, sortiert sich vieles neu.“

Zwar sei bekannt, dass Frauen damals eine wichtige Rolle in der sich explosionsartig entwickelnden Lesekultur spielten, aber allein auf Begriffe wie „Emotionalität“ und „Exzess“ lasse sich das nicht reduzieren. „Viele der gängigen Vorstellungen zum Lesen um 1800 müssen bei differenzierter Betrachtung revidiert werden.“

So hat Helene Kraus, eine Nachwuchswissenschaftlerin der Universität Bielefeld, in Archiven nach Antworten auf die Frage gesucht, was, warum und wie Charlotte von Schiller gelesen hat. Sie fand Spuren einer intellektuellen Leserin, die sich im Selbststudium in alle wichtigen Forschungsgebiete ihrer Zeit einarbeitete. Von Schiller las wissenschaftliche Abhandlungen auf Deutsch, Englisch, Französisch und Latein, beschäftigte sich mit Geographie, Geschichte, Philosophie und Theologie. Sie las schnell und viele Texte mehrfach. Kraus fand dafür zahlreiche Belege.

Lange Exzerpte, weil Bücher zu teuer waren

Warum sich die vierfache Mutter, die mit etlichen Geistesgrößen der Zeit korrespondierte, überhaupt die Mühe mit den Abschriften machte? Diente es dem Vergnügen? Half es ihr beim Verständnis? Wollte sie bestimmte Textstellen für spätere Gespräche parat haben? Kraus kann lediglich erste Thesen formulieren: „Als Witwe konnte sie die Bücher nicht mehr kaufen, sondern musste sie ausleihen – vielleicht auch deshalb die zahlreichen Exzerpte.“

Es ist ein Merkmal der neusten literaturwissenschaftlichen Forschung, dass solche sozioökonomischen Rahmenbedingungen vermehrt Beachtung finden. Für wen waren welche Bücher um 1800 ökonomisch überhaupt verfügbar? Welche Rolle spielten der gesellschaftliche Stand einzelner Leserinnen und Leser? Las man draußen oder drinnen, bei Kerzenschein oder Sonnenlicht, im dialogischen Austausch oder für sich allein? „Die pragmatischen Aspekte sind zentral, wenn es um reale Lektürepraktiken geht“, erklärt Luisa Banki, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Wuppertal und ebenfalls Organisatorin der Tagung. Praxeologie wird dieser interdisziplinäre Ansatz genannt, bei dem empirische Daten ebenso einbezogen werden wie Erkenntnisse der Literaturgeschichte und der Buchwissenschaft.

Das Lesen verlagert sich aus der Bibliothek ins Bett

Nichts ist dabei nebensächlich: Tagebücher, Briefe, Inventarlisten von Hausbibliotheken, Notizen in den Randspalten gelesener Bücher, literarische Werke – alles kann bei der praxeologischen Analyse herangezogen werden. Dazu kommen Fragen nach der Materialbeschaffenheit und dem Format der Bücher. Wie groß und schwer waren sie? Ließen sie sich gut in der Rockschürze transportieren? Wo wurden sie aufbewahrt, wer hatte Zugang zu ihnen?

„Wir müssen verschiedenste Quellen kreuzen, um Aussagen treffen zu können“, erklärt Helga Meise, Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Université de Reims Champagne-Ardenne. Sie hat sich die Lesevorlieben berühmter Frauen wie Charlotte von Stein und Sophie von La Roche näher angesehen. Auffällig sei, dass die höfisch-repräsentativen Bibliotheken ab Mitte des 18. Jahrhunderts an Bedeutung verlieren. Die adeligen Damen bevorzugen es nun, ihre umfassenden Buchsammlungen nahe bei sich zu haben. Das Lesen verlagert sich in die Privatgemächer – und ins Bett. Gelesen wird gerne in den frühen Morgen- und späten Abendstunden. „Die Absonderung von der Gemeinschaft ist vollzogen“, sagt Meise.

Was hilft gegen den Exzess? Weniger Romane!

Diese neugewonnene Freiheit innerhalb des Tagesablaufs, die nicht nur adelige, sondern zunehmend auch bürgerliche Frauen genießen, wecken offenbar große Ängste. Die lesende Frau, die sich entzieht, wird zur Projektionsfläche. Sie drohe süchtig zu werden, den Bezug zur Realität zu verlieren, argumentieren zahlreiche männliche Zeitgenossen. „Das hat wenig mit den tatsächlichen Lesepraktiken von Frauen zu tun, aber viel mit einem Bild von Weiblichkeit, das in dieser Zeit konstruiert wird“, erklärt Luisa Banki. Die Lesesuchtdebatte kreiste permanent um die Frage nach mehr Kontrolle. Das weibliche Lesen müsse reglementiert werden: weniger Romane und vor allem kein Lesen in der Einsamkeit!

Die dabei entstehenden geschlechtlichen Kodierungen – weibliches Lesen gilt nun als emotional, irrational, männliches als sachlich-nüchtern – prägen die europäische Kulturgeschichte über viele Jahrzehnte, teilweise bis heute. „Und wir müssen auch hinterfragen, inwieweit die literaturwissenschaftliche Forschung des 20. Jahrhunderts die Perspektiven der Lesesuchtdebatte übernommen hat“, sagt Kathrin Wittler. Lektürepraktiken und Geschlecht seien im 18. Jahrhundert eng miteinander verwoben, keine Frage, dennoch klafften Projektion und Realität häufig auseinander. Oft hätten Frauen in Wahrheit ein ganz anderes Leseverhalten an den Tag gelegt als das unbeherrscht-süchtige Bücherverschlingen, das man ihnen unterstellte.

"Die Herren Naturphilosophen" schrieben bei Goethe ab

Leider ist die Quellenlage noch zu mager, um das in größerem Umfang zu beweisen. Denn die wenigsten gebildeten Leserinnen hinterließen wie Charlotte von Schiller Schatullen voller Zettel und Briefe. Wie kritisch sie bei ihren Lektüren sein konnte, zeigt sich in einer Nachricht an den Hauslehrer vom Februar 1809: „Auch in Schuberts Nachtseiten u.s.w. habe ich gelesen“, schreibt sie. „Es sind sehr schöne Ideen darinn, im Grunde aber benuzen diese Herren Naturphilosophen angerißne Stücken aus Goethens großen Ansichten, und bauen auf ihre Art fort. Ob sie weiter kommen? Wird die Zeit lehren, doch glaube ichs nicht.“

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