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Ein Junge sitzt an seinem Schreibtisch vor einem Tablet und schreibt in ein Heft. Foto: imago images/Westend61
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Update In Deutsch und Mathe ein Jahr zurück Erstmals zeigt eine Studie, wie groß die Corona-Lernrückstände wirklich sind

Der IQB-Bildungstrend gibt Aufschluss, wo die Schüler in der Pandemie zurückgefallen sind. Doch nicht alles sei auf Schulschließungen zurückzuführen.

Die Lernrückstände von Viertklässlern in Deutschland betragen nach der Zeit der coronabedingten Schulschließungen und des „Homeschoolings“ im bundesweiten Schnitt bis zu einem halben Jahr. Bei neu aus dem Ausland zugewanderten Schülerinnen und Schülern kann es sogar bis zu einem Jahr sein, was an den üblichen Lernzuwächsen fehlt.

Das sind zentrale Ergebnisse einer am Freitag veröffentlichten Studie des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität.

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„Die ungünstigen Veränderungen in den erreichten Kompetenzen sind deutlich und sicherlich nicht unwesentlich darauf zurückzuführen, dass diese Kohorte von Kindern von den pandemiebedingten Einschränkungen betroffen war“, sagte Petra Stanat, wissenschaftliche Leiterin des IQB, bei einer Online-Pressekonferenz am Freitag.

Es ist die dritte Untersuchung der Fähigkeiten von Kindern am Ende der Grundschulzeit in Deutsch und Mathematik seit 2011 – und die erste bundesweite Studie, die für eine repräsentative Gruppe untersucht, inwieweit sich die schulischen Fähigkeiten in der Coronazeit in den beiden Hauptfächern verändert haben.

Wer und was wurde untersucht?

An den Tests zum Lesen, Zuhören und Orthografie sowie zur Mathematik in Teilbereichen wie Zahlen und Operationen, Raum und Form, Größen und Messen haben rund 27.000 Schülerinnen und Schüler der vierten Klassenstufe an knapp 1500 Schulen in allen 16 Ländern teilgenommen. Dabei geht es immer um die Frage, ob die Viertklässler die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) erreichen.

Die seit 2005/6 geltenden Bildungsstandards beschreiben, was Schülerinnen und Schüler an den Übergängen von einer Schulform in die andere oder zum Schulabschluss in Kernfächern können sollen. Es geht also darum, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche brauchen, um in der Schule weiterzukommen oder gut in eine Berufsausbildung oder ins Studium hineinzukommen.

Ein Ergebnis dazu: Die Mindeststandards im Lesen haben 18,8 Prozent nicht erreicht, in Orthographie sind es sogar 30,4 Prozent – und in Mathematik 21,8 Prozent. Gegenüber 2016 sind diese „Risikogruppen“ von bis zu einem Drittel der Schüler, denen beim Lesen und Rechnen die Grundlagen fehlen, jeweils um gut sechs Prozentpunkte (Lesen und Mathe) beziehungsweise um gut acht Prozentpunkte (Orthografie) gewachsen.

Zwei Mädchen lernen lächelnd vor ihrem Laptop, ihre Mutter arbeitet gegenüber am Computer. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Eifrig dabei und gut betreut: Bei weitem nicht alle Kinder haben zu Hauses ein gutes Lernumfeld. © Andreas Klaer

Geschrieben wurden die bundesweit einheitlichen IQB-Vergleichsarbeiten zwischen April und August 2021, als die Schulen nach Ende der Lockdowns wieder geöffnet hatten. Die Teilnahmequoten lagen quer durch die Republik bei deutlich über 90 Prozent.

Veröffentlicht wurden jetzt aber nur die bundesweiten Ergebnisse - in einem 20-seitigen Kurzbericht. Diesen haben die Bildungsforschenden wegen des großen öffentlichen Interesses an den Lernlücken wegen Corona vorab aus ihrem Datenschatz gezogen.

Die gesamte Studie, die dann auch Vergleiche etwa zwischen Hamburg und Berlin oder zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen zulässt, ist für Oktober angekündigt.

Wie viele Schüler sind von den Rückständen betroffen?

Beim Lesen hat jedes vierte bis fünfte Kind ein Problem mit Mindeststandards, in der Orthografie ist es jedes dritte. Inwiefern sich dies auch auf andere Jahrgangsstufen der Grundschulen mit ihren insgesamt 2,8 Millionen Schüler:innen übertragen lässt, ist laut Stanat schwer zu sagen.

Offenbar hätten aber die Erstklässler:innen besonders stark gelitten - und das werde auch für andere Grundschulstufen nicht besser ausfallen, vermutet sie. Die Sekundarstufen sind laut Studien weniger betroffen als die Grundschulen.

Was haben die Viertklässler verlernt?

Verglichen werden die Lernstände mit dem IQB-Bildungstrend von 2016 – und hier zeigen sich alarmierende Einbußen. Im Schnitt entsprechen die Rückgänge in der Lesekompetenz etwa einem Drittel eines Schuljahres, einem Viertel Schuljahr in Orthographie und sogar einem halben Jahr beim Zuhören.

Beim Zuhören geht es darum, „Inhalte zuhörend zu verstehen, gezielt nachzufragen und Verstehen und Nicht-Verstehen zum Ausdruck zu bringen“. Diese Fähigkeit hat in der akuten Corona-Zeit, als viele Kinder zu Hause auf sich gestellt waren und keinen Kontakt zu Lehrkräften und Mitschülern hatten, offensichtlich besonders gelitten.

[Auch im kürzlich veröffentlichen Nationalen Bildungsbericht ging es um Coronafolgen: Unseren Artikel finden Sie hier]

Viertklässler, deren Eltern beide aus dem Ausland kommen und die selbst im Ausland geboren sind, haben hierbei besonders krasse Probleme. Auf der Basis des Mittelwerts von 2016, der für Zugewanderte der ersten Generation im Zuhören 401 Punkte betrug, fielen sie 2021 um 54 Punkte auf 348 ab.

Da beim Zuhören ebenso wie beim Lesen der zu erwartende Lernzuwachs 60 Punkte pro Schuljahr beträgt, entspricht der Rückstand auf die eigene Gruppe „vor Corona“ also fast einem Jahr.

Ein Mädchen arbeitet mit ihrer Nachhilfelehrerin in einem Aufgabenheft. Foto: Uwe Anspach/dpa Vergrößern
Die Lücken füllen: Dafür gibt es Förderunterricht in den Schulen aber auch außerschulische Nachhilfeangebote. © Uwe Anspach/dpa

Gegenüber Kindern ohne Zuwanderungshintergrund ist der Abstand zudem signifikant gewachsen. Sie standen 2016 im Schnitt auf 510 Punkten und 2021 auf 494 Punkten und haben rechnerisch einen Lernrückstand von wenigen Monaten. Kinder der zweiten Zuwanderergeneration, die in Deutschland geboren wurden, schneiden mit 440 (2016) beziehungsweise 404 (2021) Punkten etwas besser ab als die erste Generation, doch auch sie haben aktuell deutlich an Fähigkeiten verloren.

Dieses Bild zieht sich durch alle getesteten Bereiche, wobei die schon bestehenden und zuletzt gewachsenen Leistungsunterschiede in der Rechtschreibung weniger deutlich ausfallen. Insgesamt konstatieren die Autor:innen des IQB-Bildungstrends, dass die „zuwanderungsbezogenen Disparitäten“ seit 2016 stark zugenommen haben. Das gilt auch für die sozialen Unterschiede, die sich aus dem sozioökonomischen Status der Familien ergeben.

Wie werden die Defizite erklärt?

Beim sozioökonomischen Status und dem häufig damit zusammenhängenden Bildungshintergrund der Eltern wurden seit Beginn der Schulschließungen im März 2020 die größten Gefahren des Lernens zu Hause gesehen: Schulische Defizite würden vor allem bei Kindern und Jugendlichen entstehen, denen im Elternhaus ein Laptop fehlte, die keinen eigenen Schreibtisch haben und das eigenständige Lernen weniger gewohnt sind.

Hinzu komme, dass die Eltern ihnen wegen fehlender Deutschkenntnisse und Vertrautheit mit dem Schulstoff kaum helfen könnten.

Im IQB-Bildungstrend werden diese Faktoren nicht analysiert. Vielmehr geht es um die Frage, ob die festgestellten Defizite tatsächlich pandemiebedingt seien. Dies ließe sich „nicht eindeutig feststellen“, schreiben die Autor:innen um Bildungsforscherin Petra Stanat.

Zum einen seien die Viertklässler im Testzeitraum erst wenige Wochen im regulären Schulbetrieb gewesen und damit noch akut beeinträchtigt. Zum anderen – und das wiegt schwerer – waren bereits zwischen 2011 und 2016 „ungünstige Trends zu beobachten“.

Insbesondere die Fähigkeiten der Kinder mit frischem Zuwanderungshintergrund hatten in allen Bereichen in Deutsch und Mathematik schon damals deutlich abgenommen.

[Erste Untersuchungen in den Ländern deuteten schon 2021 auf große Lernlücken in der Pandemie]

Deshalb sei nicht auszuschließen, dass sich diese Entwicklungen „im weiteren Verlauf auch ohne Pandemie fortgesetzt hätten“. Tatsächlich sind die Klassen seit 2016 noch einmal deutlich heterogener geworden: Hatte 2011 noch rund ein Viertel Zuwanderungshintergrund, war es 2016 schon gut ein Drittel – und 2021 bereits 38 Prozent.

Dabei stieg der Anteil der Neuzugewanderten von zwei über knapp vier auf heute gut zehn Prozent der Viertklässler – zweifellos eine Folge von Kriegen und Vertreibungen wie in Syrien und Afghanistan.

Letztlich kommt das Team um Petra Stanat aber zu dem Schluss, dass die pandemiebedingten Einschränkungen „zumindest teilweise für die beobachteten Veränderungen mitverantwortlich sind“. Denn der Trend zu verschlechterten Kompetenzen habe sich in allen Bereichen verstärkt – ebenso wie die sozialen und zuwanderungsbezogenen Unterschiede.

Was sagen die Schüler selbst?

 Die Viertklässler:innen selbst haben angegeben, dass sie ihre Kompetenzen im Fach Deutsch im Jahr 2021 etwas niedriger einschätzen als im Jahr 2016. Auch habe das das fachbezogene Interesse sowohl im Fach Deutsch als auch im Fach Mathematik abgenommen, heißt es in der Untersuchung. Allerdings seien diese Veränderungen nicht sehr groß.

Die Zufriedenheit der Kinder mit der Schule habe gleichzeitig leicht zugenommen, die selbst wahrgenommene soziale Integration in der Klasse hingegen leicht abgenommen. „Sowohl die Schulzufriedenheit als auch die soziale Eingebundenheit sind unabhängig vom Zuwanderungshintergrund der Kinder weiterhin hoch ausgeprägt“, betonen die Autor:innen.

Was raten die Bildungsforschenden?

„Aufholen nach Corona“, das Milliardenprogramm des Bundes, mit dem schulische und soziale Förderangebote finanziert werden, reicht nach Auffassung der Bildungsforschenden bei weitem nicht, um die Defizite auszugleichen.

Die mögliche Wirkung des Programms habe mit den IQB-Tests noch nicht erfasst werden können, aber klar sei schon heute: Der hohe Anteil an Kindern, die Mindeststandards verfehlen, ließe sich „durch temporäre Programme nicht dauerhaft reduzieren“.

Notwendig seien langfristige und nachhaltige Förderstrategien für „Schülerinnen und Schüler in besonderen Risikolagen“. Vor allem müsse der Fokus früh darauf gelegt werden, dass alle Kinder und Jugendlichen die Mindeststandards erreichen, um Kompetenzen zu entwickeln, „die für ihre weitere Bildungslaufbahn grundlegend sind“.

Was folgt für die Politik aus den Ergebnissen?

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Karin Prien (CDU), hält einen Zusammenhang der Ergebnisse mit der Corona-Zeit für naheliegend. Sie verwies darauf, dass die Schulschließungen in Deutschland im europäischen Vergleich besonders lange dauerten.

Von Lernrückständen seien nun vor allem Schüler:innen betroffen, die zu Hause keine optimalen Lernbedingungen hatten. „Gerade die brauchen nun gut strukturierten Unterricht.“ Daher müsse das laufende Aufholprogramm mindestens bis 2023/24 fortgesetzt werden. 

Dafür sind laut Prien weitere 500 Millionen Euro aus Bundesmitteln nötig. Dass vor allem auch Kinder mit Migrationshintergrund betroffen sind, zeige, dass die sozio-demografische Schere sich weiter öffnet. „Daher müsse auch die Lernstandserhebung unbedingt weiter fortgesetzt werden.“

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) nannte die Ergebnisse eine „sehr traurige Nachricht“. Er sieht die Chancen schwinden, die enormen Lernrückstände überhaupt noch überwinden zu können. Nun müsse die Corona-Politik auf den Prüfstand. „Es darf künftig keine Schulschließungen mehr geben.“

Sollten die Stundenpläne entschlackt werden?

KMK-Präsidentin Prien sagte auf Nachfrage des Tagesspiegels dazu, dass die Schulen sich nun für Aufholmaßnahme auf die Basiskompetenzen konzentrieren sollten. Dabei dürften aber Fächer wie Sport und Musik nicht zu kurz kommen: „Kinder brauchen beides.“

Stanat unterstrich, dass besser definiert werden müsse, welche Mindeststandards und Kompetenzen die Schüler:innen erreichen sollten. Wie gut Schule ihnen tut, hätten die Schüler:innen offenbar nach Ende des Lockdowns bemerkt, zumindest interpretiert die Forscherin leicht gestiegene Werte bei der Schulzufriedenheit so.

Haben die Schüler:innen in der Pandemie auch Kompetenzen erworben?

Durchaus, sagen britische Forschende, die davon ausgehen, dass Schüler:innen von der Situation grundsätzlich profitiert haben. Auch für Deutschland erwarten die Ökonomen von Oxford Economics für die "Generation Z" der Jahrgänge 1997 bis 2012 keine negativen Folgen durch die Pandemie, so die Wirtschaftsberater von Oxford Economics.

Ganz im Gegenteil könnten sie in den kommenden Jahrzehnten zum Motor des Wachstums in einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft werden. Kompetenzen dazu hätten sie vor allem auch in der Pandemiezeit erworben.

Der deutsche Jugendforscher Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin, sieht negative Effekte der Pandemie vor allem bei denen, die schlechte Bildungsvoraussetzungen und geringe digitale Kompetenzen mitbringen.

Positive Effekte erwartet er hingegen bei gut gebildeten und digital affinen jungen Menschen. Sie würden in Zukunft noch stärker von Firmen umworben werden, als es vor der Pandemie der Fall war. „Die junge Generation ist hier 1000-mal besser vorbereitet als die ältere.“

Auch unter Schülern selbst gibt es die Erwartung, dass „Generation Corona“ eher ein Qualitätssiegel ist. Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, hatte im zweiten Pandemiejahr Lerneffekte daraus erwartet, dass man sich durch diese herausfordernde Zeit durchgeboxt habe und in Windeseile so viele Dinge lernen musste, für die andere normalerweise länger brauchen. Er sprach von einem einen „Turbo-Reifeprozess“ durch die Pandemie.

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