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Forscher im Labor des Jenner-Instituts, der an dem von Astrazeneca und der Universität Oxford entwickelten Coronavirus-Impfstoff arbeitet. Foto: John Cairns/University Of Oxford/PA Media/dpa
© John Cairns/University Of Oxford/PA Media/dpa

Update Impfstoff aus dem Kühlschrank Astrazeneca meldet 70-prozentige Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoff

Ein Beispiel für „weniger ist mehr“: Ein Impfstoffkandidat erweist sich als wirksam. Und besonders effektiv, wenn die erste Dosis halbiert wird.

Es ist das dritte Mal, dass die Welt mit einer Pressemitteilung von einem angeblichen Durchbruch in der Impfstoffentwicklung gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 informiert wird.

Nach den Biotech-Unternehmen Moderna und Biontech haben nun der Pharmakonzern AstraZeneca und die britische Universität Oxford positive Zwischenergebnisse ihrer klinischen Studien gemeldet: Der Impfstoff gegen Covid-19 sei zu 70 Prozent wirksam.

Mitteilungen direkt an Medien sind ein schneller Weg zur Verbreitung, allerdings bleiben auch nach den am Montag veröffentlichten Informationen Fragen offen, die erst von wissenschaftlichen Publikationen beantwortet werden dürften. Auf einer Pressekonferenz kündigte der leitende Forscher Andrew Pollard von der Universität Oxford an, die Daten „innerhalb der nächsten 24 Stunden“ zugänglich zu machen.

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Halbe Dosis, bessere Wirkung, Ursache unbekannt

Nach den Mitteilungen des Entwicklungsteams liefern zwei Studien mit unterschiedlichen Dosierungen des Impfstoffs positive Zwischenresultate. In Brasilien erhielten fast 9000 Teilnehmende die erste und nach einem Monat die zweite Dosis des Impfstoffs. Damit wurde eine Schutzwirkung von 62 Prozent erreicht, die deutlich über den von Zulassungsbehörden geforderten 50 Prozent liegen.

Wird die erste Dosis jedoch halbiert, wie bei rund 2700 Teilnehmenden in Großbritannien, erreicht die Effektivität 90 Prozent und liegt damit im Bereich der vorläufigen Ergebnisse der RNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna. Zusammengenommen ergeben die Zwischenergebnisse beider Teilstudien bei insgesamt 131 dokumentierten Fällen von Covid-19 unter den Probanden die nun kommunizierten 70 Prozent Effektivität.

„Das ist ein weiterer toller Erfolg der Impfstoffforschung, der hoffentlich dazu beitragen wird, dass möglichst schnell wirksame Impfungen gegen Covid-19 für die gesamte Weltbevölkerung bereitgestellt werden können“, sagt Leif-Erik Sander von der Berliner Charité.

Warum mit der verringerten Erstdosis bessere Ergebnisse erzielt wurden, sei anhand der veröffentlichten Daten nicht zu beurteilen, sagt der Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung. „Durch die geringere Anfangsdosis könnten weniger Immunantworten gegen den Vektor selber, also gegen das Adenovirus, ausgebildet werden“, vermutet Sander.

Der Impfstoff beruht auf einem ursprünglich bei Schimpansen gefundenen Erkältungsvirus. Die Proteinhülle dieses Adenovirus wird als Verpackung für genetische Information über das Spike-Protein, die Stacheln, von Sars-CoV-2 verwendet. Das Adenovirus ist zwar nicht mehr vermehrungsfähig, aber das Immunsystem könnte dennoch auf die Hüllproteine reagieren, was die verringerte Effektivität gegenüber Sars-CoV-2 erklären könnte.

Im Moment ist unklar, warum die halbierte Erstdosis eine deutlichere Immunreaktion hervorruft. „Wir wissen nicht ob es eine quantitativ oder qualitativ andere Antwort ist“, sagt Pollard. Dies müsse in weiteren Untersuchungen geklärt werden.

Drei Milliarden Dosen

Schwere Nebenwirkungen wurden bislang nicht verzeichnet, heißt es in der Mitteilung seiner Universität. Auch seien unter den mit Impfstoff behandelten Probanden keine schweren Verläufe der Erkrankung aufgetreten, was bei breiter Anwendung zur Entlastung der Gesundheitssysteme beitragen könnte.

Die Forschenden beobachteten auch weniger Infektionen mit geringen oder ohne Symptome und deuten dies als ersten Hinweis, dass der Impfstoff neben der schweren Erkrankung auch vor Übertragungen schützen könnte.

AstraZeneca erklärte man wolle nun Zulassungsanträge in aller Welt stellen und zudem bei der Weltgesundheitsorganisation ein Emergency Use Listing beantragen, um auch Entwicklungsländer rasch mit dem Impfstoff beliefern zu können. Die EU hatte vorab 300 Millionen Dosen des Impfstoffs bestellt. AstraZeneca teilte mit, im Jahr 2021 bis zu drei Milliarden Impfdosen bereitstellen zu können.

Bei der Auslieferung dürfte sich eine weitere Eigenschaft des Impfstoffs als vorteilhaft erweisen: Er kann bei Kühlschranktemperaturen zwischen zwei und acht Grad Celsius transportiert und monatelang gelagert werden. Dies könnte vor allem der Versorgung der Bevölkerung in Entwicklungsländern zugutekommen, wo gekühlte Transporte nur begrenzt verfügbar sind.

„Wegen seiner Stabilität hat dieser Impfstoff großes Potenzial weltweit ausgeliefert zu werden und sehr viel für die Gesundheit zu bewirken, sagt Stephen Griffin, Mediziner an der Universität Leeds. Die RNA-basierten Impfstoffe von Moderna und Biontech müssen jeweils deutlich unter dem Gefrierpunkt konserviert werden.

Bis sich dieser Vorteil ausspielen lässt gilt es aber weitere Fragen zu klären: In den Pressemitteilungen von AstraZeneca und der Universität Oxford wurde nicht darauf eingegangen, ob der Impfschutz für alle Alters- und auch Risikogruppen gleichermaßen besteht. „Wir warten alle auf die Veröffentlichung der Daten“, sagt Griffin. (mit smc)

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