Gelber Helfer: Einen Impfpass gibt es in Deutschland für jedes Neugeborene. Sollte er einmal verloren gehen, ist das auch nicht so schlimm - der Hausarzt stellt ein neues Dokument aus und der Impfstatus lässt sich meist über die Krankenakte rekonstruieren. Foto: picture alliance / Sophia Kembowski/dpa
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Impf-Faulheit Zigtausend Kinder zu spät geimpft

Impf-Daten der Krankenkassen zeigen: Viele Kinder werden nicht zum empfohlenen Zeitpunkt geschützt, sondern "nachgeimpft".

1,4 Milliarden Euro geben die gesetzlichen Krankenkassen in jedem Jahr für das Impfen aus. Doch wie viele Bürger haben den Impfschutz, den die Ständige Impfkommission (STIKO) für sie empfiehlt? Nur über Kinder gibt es darüber schon länger wirklich umfassende Informationen. Wie hoch die Impfquoten der jeweiligen Jahrgänge sind, weiß man aus den für alle verbindlichen Schuleingangsuntersuchungen. Ein zentrales Register für alle Impfungen gibt es dagegen nicht.

Man braucht es auch nicht, sagt Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Institutes (RKI). "Wir können im Sinne der Datensparsamkeit Daten nutzen, die es ohnehin gibt." Wenn man wissen will, wie viele Erwachsene über 60 Jahre sich, den Empfehlungen der STIKO folgend, in jedem Jahr gegen die Grippe impfen lassen, oder wie gut der seit 2004 von der STIKO empfohlene Impfschutz gegen Windpocken von den Familien angenommen wurde, kann man auf anonymisierte Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zurückgreifen.

Sie erfassen die gesamten ambulanten Leistungen für gesetzlich Versicherte, also für 85 Prozent der Bevölkerung. Seit 2004 werden die Informationen zu Impfleistungen bei gesetzlich Versicherten aus den 17 KVen unter der Regie des RKI im Projekt "Impfsurveillance" zusammengeführt und der Forschung zugänglich gemacht.

Aufbereitet, etwa auf der Plattform VacMap.de, machen die Daten transparent, wie in einzelnen Landkreisen geimpft wird. "Es gibt Landräte, die nervös werden, wenn sie auf die Karte klicken und erkennen, dass bei ihnen die Masern-Impfquote nur bei 85 Prozent liegt", sagte Wieler kürzlich bei einer Veranstaltung des RKI und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Berlin.

Nachimpfung hat auch Risiken

Bei den Masern sollte die Impfquote bei mindestens 95 Prozent liegen, damit auch die wenigen Menschen vor der Krankheit und ihren Komplikationen geschützt sind, die nicht geimpft werden dürfen – und um das wichtige gesundheitspolitische Ziel zu erreichen, die ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheit ganz zu eliminieren. Davon ist man weit entfernt: 2014 waren 32.000 Kinder mit zwei Jahren (noch) gar nicht geimpft und 187.000 nicht vollständig. Viele Kinder werden allerdings "nachgeimpft". Das zeigen – anders als das bislang die Dokumentationen der Schuleingangsuntersuchungen ermöglichten – die KV-Daten.

"Es wird vielfach zu spät geimpft", sagte Anette Siedler, stellvertretende Fachgebietsleiterin Impfprävention beim RKI. So haben die besonders empfindlichen Kleinsten unnötig lange keinen Impfschutz. Verspätetes Impfen kann aber sogar gefährlich sein: Nach der Impfung gegen Rotaviren etwa, die seit 2013 für Säuglinge empfohlen wird und spätestens mit zwölf Wochen beginnen sollte, kommt es bei etwas älteren Babys in seltenen Fällen in der ersten Woche nach der ersten Impfung zu Einstülpungen eines Darmabschnitts, die behandelt werden müssen. Auch wie oft das passiert, ist bekannt: in einem bis zwei von 100.000 Fällen.

Nicht gegen Windpocken und Masern gleichzeitig impfen lassen

Für junge Familien gibt es eine ganze Reihe von Impfterminen. Als im Jahr 2004 auch noch die Windpocken auf die Liste kamen, zweifelten viele Eltern am Sinn der Impfung gegen die Kinderkrankheit mit dem "harmlosen" Image. Als die STIKO dann auch noch im Jahr 2011 empfahl, die Immunisierung gegen die Windpocken getrennt von der gegen Masern, Mumps und Röteln (bekannt als MMR) vorzunehmen, befürchteten Experten, die Impfquote könnte drastisch sinken. "Tatsächlich stieg sie in den Jahrgängen zwischen 2008 und 2014 aber an", berichtete Siedler. "Allerdings gibt es beim Jahrgang 2010, der die Impfung 2011 bekommen sollte, eine Delle." Auch gegen die Windpocken werde jedoch später nachgeimpft. Ihre Empfehlung, die Windpocken-Impfung von der MMR-Impfung zeitlich abzukoppeln, können die Experten übrigens ebenfalls mit KV-Daten untermauern: Sie wirkt besser, wenn sie nicht zu dicht nach der Masern-Impfung folgt. Was man inzwischen auch weiß: Sie wirkt langfristig.

Doch wie steht es um die Nebenwirkungen? Auch wenn ein ursächlicher Zusammenhang allein durch ein zeitliches Zusammentreffen nicht bewiesen ist, müssen schwere Symptome, die kurz nach einer Impfung auftreten, von den Ärzten gemeldet werden. Die KV-Surveillance bietet zusätzliche Sicherheit: "Sie ist ein ergänzendes Instrument zur Einordnung von vermuteten Nebenwirkungen", sagte die Ärztin Wiebe Külper vom RKI.

Großes Informationsbedürfnis in der Bevölkerung

Das ist besonders wichtig, wenn eine Impfung neu eingeführt wird. Etwa gegen die Gürtelrose, für die ein Totimpfstoff im Mai 2018 zugelassen und seit Kurzem von der STIKO für Personen über 60 Jahre empfohlen wird. Die Befürchtungen betreffen hier einen neuen Zusatzstoff, ein Adjuvans, das die Wirkung verstärken soll. Die Frage ist, ob es auch Krankheiten hervorrufen könnte, die durch das Immunsystem vermittelt werden. In den Studien, die vor der Zulassung gemacht wurden, gab es darauf keine Hinweise. Aber anhand der Daten der KVen kann nun ermittelt werden, ob bestimmte Krankheiten bei Senioren nach der Impfung häufiger auftreten. Es werden so viele Daten gesammelt, dass "sich auch seltene Ereignisse entdecken lassen," sagte Külper.

Dass solche Auswertungen fortlaufend stattfinden, ist in der Öffentlichkeit offenbar weitgehend unbekannt. Eine repräsentative Befragung von 700 Bürgern in Thüringen, durchgeführt von Forschern der Uni Erfurt, zeigte ein hohes Informationsbedürfnis in Sachen Impfen. Die Befragten bekundeten zugleich eine große Bereitschaft, durch ihr Verhalten auch andere zu schützen.

"Diesen Gemeinschaftsschutz sollte man durchaus als Argument für das Impfen heranziehen", empfiehlt Julia Neufeind vom RKI. Etwa um für die jährliche Grippe-Impfung zu werben. Sie wird unter anderem für über 60-Jährige empfohlen, aber in den vergangenen Jahren hat sich nur rund ein Drittel dieser Zielgruppe dafür entschieden. Dass noch viel Überzeugungsarbeit nötig ist, zeigt etwa das Ergebnis einer Impfkampagne, die 2017/2018 in Thüringen startete: Sie bewirkte zwar einen Wissenszuwachs, die Quote der Geimpften blieb in der KV-Impfsurveillance aber trotzdem gleich.

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