Impf-Dokumentation Impfen – schädlich oder nicht?
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Schützen Impfungen generell vor Infektionskrankheiten?

Schützen Impfungen generell vor Infektionskrankheiten?

In der zweiten Hälfte des Films streitet sich das Elternpaar eher darum, wie angesichts der ausufernden Recherchen und Reisen des Vaters die Kinderbetreuung leidet. Szene: Sieveking, tropentauglich gekleidet, inmitten einer Gruppe westafrikanischer Mütter auf dem Bänkchen einer Impfstation wartend. Gleich wird er mit dem dänischen Anthropologen und Mediziner Peter Aaby reden, der schon vor einigen Jahrzehnten in Guinea-Bissau das "Bandim Health Project" ins Leben gerufen hat.

Sieveking vor einer Impfstation in Guinea-Bissau. Foto: Foto: Flare Film/Adrian Stähli
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Sieveking ist nicht nur weit gereist, er versucht auch tief in die Materie einzudringen: Wo er sich zu Beginn eher vom "Bauchgefühl" geleitet fühlte, taucht er nun plötzlich tief in ein sehr spezielles – und wirklich kontroverses – Thema der Impfforschung ein: die möglichen "unspezifischen" Wirkungen von Lebendimpfstoffen auf die gesamte körpereigene Immunabwehr. Aabys Daten deuten darauf hin, dass die Senkung der Säuglings- und Kleinkind-Sterblichkeit, die empfohlene Impfungen in Afrika zweifelsfrei bewirken, nicht allein dadurch zustande kommen, dass die Kinder vor den jeweiligen Krankheiten geschützt bleiben. Er glaubt, dass die Babys und Kleinkinder durch die Impfungen auch einen generelleren Schutz vor anderen Infektionskrankheiten bekommen.

 Antworten bleibt der Filmemacher schuldig

Abgeschwächte Lebendimpfstoffe wie die gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, die die STIKO für Kinder ab dem Alter von elf Monaten empfiehlt, kurbeln demnach auch den angeborenen Teil des Immunsystems in gesundheitsförderlicher Weise an. Ähnliches hat er bei der Schluckimpfung gegen Polio und beim BCG-Impfstoff gegen Tuberkulose beobachtet – die beide aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland derzeit nicht auf der STIKO-Liste stehen.

Der Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Polio, der aus abgetöteten Viren hergestellt wird, hat nach Aabys Ansicht dagegen eher ungünstige unspezifische Effekte. Den Schutz gegen die drei Krankheiten stellt er nicht in Abrede, empfiehlt allerdings, auf die DTP-Impfung die Immunisierung mit einem Lebendimpfstoff folgen zu lassen. Die strategische WHO-Gruppe der Experten für Immunisierungen kann dieser Argumentation derzeit nicht folgen. Sie sieht noch großen Forschungsbedarf, was die möglichen unspezifischen Wirkungen von Impfstoffen betrifft. Sieveking vertieft sich stark in diese komplizierte Materie. Antworten muss auch er schuldig bleiben. Was bleibt, ist wieder Verunsicherung.

 Für Säuglinge sind Kinderkrankheiten besonders gefährlich

Wenn in die Berliner Praxis von Kinderarzt Jakob Maske Kinder kommen, die den empfohlenen Impfschutz noch nicht haben, dann haben deren Eltern meist keine dezidiert ablehnende Haltung, sondern sind einfach nur schlecht informiert. Haben sie ein Problem damit, dass ihr Baby noch zu klein sein könnte für eine Impfung, dann erklärt er ihnen, dass Krankheiten wie Keuchhusten besonders für Säuglinge gefährlich sind. "Unsere Beratung geht immer in die Richtung, dass man rechtzeitig impfen sollte." Auf Wunsch der Eltern weiche er "aber auch vom vorgesehenen Schema ab, besser spät als nie."

Spät wird auch die Tochter des Dokumentarfilmers Sieveking noch geimpft – zumindest gegen einige der bedrohlichsten Infektionskrankheiten. Auch für das zweite Baby der Familie sind damit die Weichen gestellt. Aus dem Abspann erfahren wir, dass die Familie nochmals Zuwachs erwartet. Ungeplant. Sie sagt zu ihm: "Du hast gesagt, du hast aufgepasst." Wissenschaftlerin Betsch kommentiert sehr sachlich: "Diese Szene offenbart nochmal sehr plastisch die Herangehensweise der Familie an Prävention: erfahrungsbasiert, Überschätzung der eigenen Macht und Möglichkeiten – und fehleranfällig." In diesem Fall ist es ein schöner "Fehler". Doch das Happy End in der Impffrage hätte die Familie auch einfacher haben können, denkt man beim Verlassen des Kinos.

Der Bundesgerichtshof hat am 3. Mai 2017 ein denkbar klares Urteil gefällt: Es ging um ein getrennt lebendes Paar mit gemeinsamem Sorgerecht. Der Vater hatte die Tochter nach STIKO-Empfehlungen impfen lassen, die Mutter hatte dagegen geklagt und das Urteil eines "Sachverständigen" gefordert. Ein solches Gutachten sei unnötig, urteilte der BGH (hier als PDF), die empfohlenen Impfungen seien schließlich medizinischer Standard. "Bei Uneinigkeit der Eltern über die Durchführung einer solchen Impfung kann die Entscheidungsbefugnis dem Elternteil, der die Impfung des Kindes entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut befürwortet, jedenfalls dann übertragen werden, wenn bei dem Kind keine besonderen Impfrisiken vorliegen."

Der Film "Eingeimpft" von David Sieveking kommt am 13. September 2018 in die Kinos. Seit dem 20. August ist das dazugehörige Buch im Handel (Herder-Verlag).

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