Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Per Blutentnahme kann frühzeitig festgestellt werden, ob ein Mensch mit HIV infiziert ist. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/ZB
© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/ZB

Höhere Viruslast, leichtere Übertragbarkeit Hoch ansteckende HIV-Variante entdeckt

In den Niederlanden wurde eine neue Variante des HI-Virus entdeckt. Eine schnelle Ausbreitung ist nach Experteneinschätzung nicht zu befürchten.

Bei der Analyse von Virusproben von HIV-Infizierten hat ein britisches Forschungsteam eine neuartige Variante des HI-Virus entdeckt. Das „VB-Variante“ benannte Virus ist wahrscheinlich in den späten 1980er oder 1990er Jahren in den Niederlanden entstanden, schätzen die Forscher anhand seiner genetischen Veränderungen.

Bei Patienten, die noch nicht Mitteln behandelt wurden, die die Vermehrung des Virus unterdrücken, stellte das Forschungsteam vom Big Data Institute der Universität Oxford 3,5 bis 5,5 mal höhere Mengen des Virus im Blut fest, als bei Personen, die mit anderen HIV-Varianten infiziert waren.

Außerdem war ihr Immunsystem stärker beeinträchtigt. Die Zahl der CD4-Zellen der Körperabwehr nahm doppelt so schnell ab, was das Risiko der Betroffenen stark erhöhte die Immunschwäche Aids zu entwickeln. Zudem ist bei ihnen auch das Übertragungsrisiko der Infektion auf andere erhöht, berichten die Forschenden im Fachmagazin „Science“.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Verbreitung ist rückläufig

Nach Beginn der Behandlung erholte sich das Immunsystem von Personen mit der VB-Variante aber ähnlich schnell wie das von Personen mit anderen HIV-Varianten. Aufgrund der schnelleren Abnahme der Immunabwehr vor der Behandlung sei es aber besonders wichtig, dass die Betroffenen frühzeitig diagnostiziert werden und so schnell wie möglich mit der Behandlung beginnen.

„Unsere Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation, wonach Personen, bei denen ein Risiko besteht, sich mit HIV zu infizieren, Zugang zu regelmäßigen Tests haben sollten“, wird der Hauptautor, Christophe Fraser in einer Mitteilung der Universität Oxford zitiert. Die frühzeitige Diagnose, gefolgt vom sofortigen Behandlungsbeginn begrenze die Zeit, in der HIV das Immunsystem eines Menschen schädigen und seine Gesundheit gefährden kann. „Außerdem wird dadurch sichergestellt, dass HIV so schnell wie möglich unterdrückt wird, was eine Übertragung auf andere Personen verhindert“, sagte Fraser.

Die VB-Variante wurde im Rahmen des Beehive-Projekts identifiziert, einer laufenden Studie, die Proben aus ganz Europa und Uganda sammelt. 15 der 17 Infizierten stammten aus den Niederlanden, daher analysierten die Forscher anschließend Daten von über 6700 HIV-positiven Personen in den Niederlanden. Dabei wurden 92 weitere Fälle identifiziert.

Die Variante habe sich in den 2000er Jahren schneller verbreitet als andere, doch seit etwa 2010 sei ihre Verbreitung rückläufig, sagen die Forscher. Sie gehen nicht davon aus, dass ihre Entstehung durch die in den Niederlanden weit verbreitete Behandlung begünstigt wurde, da die Medikamente die Übertragung unterdrücken können.

Medikamente und gesunder Lebensstil

Die Personen mit der VB-Variante unterschieden sich in Alter, Geschlecht und vermuteter Art der Übertragung nicht von anderen HIV-Positiven. Daher führen die Forscher die erhöhte Übertragbarkeit der VB-Variante auf Eigenschaften des Virus selbst zurück und nicht auf Eigenschaften der Infizierten.

„Die Entdeckung der VB-Variante liefert ein seltenes Beispiel für das Risiko, das von der Evolution der Virulenz des Virus ausgeht“, sagte Chris Wymant, einer der Autoren. Die VB-Variante zeichne sich durch viele Mutationen aus, die über das gesamte Genom verteilt sind. Bislang konnte daher nicht festgestellt werden, ob eine einzelne genetische Veränderung Ursache der höheren Virulenz ist. Die weitere Erforschung des Mechanismus, könnten neue Ansatzpunkte für antivirale Medikamente aufzeigen, vermutet das Forschungsteam.

Die Studie sei „ein weiteres Puzzlestück für unser Verständnis der Evolution von HIV“, sagte der Virologe Maximilian Muenchoff von der Ludwig-Maximilian-Universität München der Deutschen Presse-Agentur. Der Experte geht nicht davon aus, dass die Variante der HIV-Epidemie neuen Schwung verleihen könnte. „Die Effekte sind zwar statistisch signifikant, aber im großen epidemiologischen Kontext eher nebensächlich.“

Das sehe man auch daran, dass die Variante schon seit Jahrzehnten zirkuliere, ohne andere Varianten verdrängt zu haben. Für behandelte Patienten sei ohnehin die Therapie und ein gesunder Lebensstil entscheidender als die virologischen Faktoren. (mit dpa)

Zur Startseite