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In den Kliniken kommt die Wissenschaft den Patienten am nächsten, doch viele Ärzte haben für das Forschen (wie etwa mit Proben von Studienteilnehmern, hier der Nako-Gesundheitsstudie) kaum noch Zeit. Foto: Holger Hollemann/dpa, picture alliance
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Hochschulmedizin Profilbereiche sollen Ärzte mehr Zeit zum Forschen verschaffen

Der Wissenschaftsrat fordert fächerübergreifende„Profilbereiche“ an den medizinischen Fakultäten. Der erste wird nun gefördert.

„Zur Verbesserung der medizinischen Forschung wollen wir ein Förderprogramm für forschende Ärztinnen und Ärzte (clinical scientists) und klinisch tätige Forscherinnen und Forscher auflegen.“ Diese auf den ersten Blick recht unscheinbare Absichtserklärung aus dem Koalitionsvertrag kann als gezielte Reaktion auf ein Papier des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2016 zu „Perspektiven der Universitätsmedizin“ verstanden werden: Der Rat hatte die Unikliniken dort als „wissenschaftliches Fundament des Gesundheitssystems“ bezeichnet, ihnen aber auch „gravierende Probleme“ beim Spagat zwischen ihren drei Kernaufgaben attestiert: Der Ausbildung der Ärzte und Ärztinnen von morgen, der Versorgung von (oft besonders schwer) Erkrankten und der medizinischen Forschung. Neben Reformen im angestammten System schlug er bei dieser Gelegenheit auch eine neue Struktur vor: Profilbereiche, die die klassische Fächer-Aufteilung überwinden, um auf einem besonderen Forschungsgebiet Spitzenleistungen zu ermöglichen.

40 Millionen für den ersten Profilbereich

Schon im Jahr 2019 soll es den ersten dieser Profilbereiche geben: Die gemeinnützige Else-Kröner-Fresenius-Stiftung, deren Stiftungszweck in der Förderung der Medizin liegt, stellt dafür über zehn Jahre insgesamt 40 Millionen Euro zur Verfügung. Damit soll an einer der 35 medizinischen Fakultäten der Republik ein solcher Profilbereich entstehen. Besonders brisant: Jede Hochschule darf sich nur mit einem Projekt bewerben. Bis zum Ende dieses Monats müssen die Unikliniken ihr Interesse mit einer Antragsskizze bekunden. Sie sollen dabei auch deutlich machen, wie es nach der Anschubfinanzierung mit den neu geschaffenen Bereichen weiter geht. Als Vorbild wird das ebenfalls maßgeblich von einer gemeinnützigen Stiftung finanzierte, seit 2000 bestehende Hertie-Institut für Hirnforschung in Tübingen genannt.

Ärztliche Pflichten nehmen zu auf Kosten der Zeit für Forschung

Die Resonanz sei enorm groß, so war es bei einem Hintergrundgespräch zur Zukunft der Hochschulmedizin gestern zu hören. Oft mache heute die Doppelbelastung, neben und nach der Behandlung der Patienten an den eigenen wissenschaftlichen Vorhaben zu arbeiten, eine akademische Laufbahn in der Medizin wenig attraktiv, sagte dort der Neurologe Hans-Jochen Heinze, ehemaliger Vorsitzender des Medizinausschusses des Wissenschaftsrates. In den Unikliniken, die derzeit jeden zehnten Patienten behandeln, drohten zunehmende Versorgungsaufgaben die Forschung an den Rand zu drängen. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die Ärzte in der medizinischen Forschung verlieren“, mahnte Michael Madeja vom wissenschaftlichen Vorstand der Stiftung. Präzisionsmedizin sei ohne Beobachtung des klinischen Alltags undenkbar.

Die Profilbereiche sollen beides verzahnen und Impulse für die Lehre geben. Als positiven Nebeneffekt erhofft man sich Drittmittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die neu geschaffenen Einheiten. Weitere Profilbereiche mit öffentlichen Mitteln entstehen zu lassen, passt insofern gut zur Absichtserklärung im Koalitionsvertrag.

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