Lernen mit Abstand (Symboldbild). Foto: Alexandra Wey/KEYSTONE/dpa
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Hochschulen sollten sich ehrlich machen Mit dem Hybridsemester wird das in der Coronakrise nichts

Die Unis machen sich was vor, wenn sie trotz der Corona-Zahlen auf Präsenzlehre hoffen. Sie sollten ehrlich ein weiteres Digitalsemester kommunizieren. Ein Kommentar.

Es sind Sätze wie aus einer anderen Welt. „So viel Präsenz wie möglich und so viele Online-Veranstaltungen wie nötig“ werde es im Wintersemester an Deutschlands Hochschulen geben, verkündete etwa Nordrhein-Westfalens parteilose Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen noch vergangene Woche. Ziel der Landesregierung sei es, den Campus wieder zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs werden zu lassen, sagte die Ministerin laut Westfalen-Blatt.

Ähnliche Ansagen haben Wissenschaftspolitiker aller Bundesländer in den vergangenen Monaten gemacht und damit die Hochschulrektoren vor sich hergetrieben. Von denen dann die meisten ein „Hybridsemester“ versprachen, eine Mischung aus Präsenz und Digital, auch um zu signalisieren: Eine Wiederholung des rein digitalen Sommersemesters wird es nicht geben.

Und vor drei Monaten, als die Corona-Neuinfektionen auf Tiefständen lagen, waren diese Hoffnungen ja auch durchaus berechtigt.

Warum wandelt sich die Hybridsemester-Rhetorik bis heute nicht?

Irritierend ist indes, dass sich die Hybridsemester-Rhetorik vielerorts bis heute offiziell kaum gewandelt hat. Dabei ist seit August absehbar und spätestens seit vergangener Woche klar, dass es nichts wird mit dem so anderen Wintersemester. Egal, ob die aktuellen Corona-Zahlen angesichts einer Vervielfachung der Tests im Vergleich zum Frühjahr nun noch nicht oder doch schon mit denen zu Zeiten des Shutdowns zu vergleichen sind – die inzwischen erreichte Dynamik ist es. Nur hat es die Realisierung dessen noch nicht in die Köpfe aller für die Hochschulen Verantwortlichen geschafft.

Der Professor einer süddeutschen Universität twitterte vor dem Wochenende: „7-Tage-Inzidenz 63,4. Grüße aus dem Hotspot. Präsenzlehre soll nach Willen des Rektorats im Wintersemester laufen. Wir werden halt viel Desinfektionsmittel trinken müssen.“

Krasse Worte, aber sie haben einen wahren Kern: Die Hochschulen müssen sich dringend ehrlich machen. Nicht nur, weil es um den Schutz der Hochschulangehörigen selbst geht. Mindestens genauso geht es um die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen als Ganzes. Besonders auch gegenüber anderen Bildungseinrichtungen: Das knappe Budget sozialer Interaktionen, das uns als Gesellschaft bleibt, sollte für die Jüngsten in Kitas und Schulen reserviert werden, die sich nicht selbstverantwortlich zu Hause organisieren können.

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Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. © Privat

Es ist ja richtig: Das digitale Sommersemester, das laut vieler Umfragen angeblich so viel besser gelaufen ist als erwartet (Erwartungen hatte ja auch keiner), hat Kraft gekostet. Und nebenbei eine überflüssige Debatte ausgelöst, ob es eine versteckte Agenda gebe, die Präsenzlehre auch nach der Corona-Pandemie nicht wiederzubeleben. Die Hybrid-Rhetorik war insofern auch Beschwichtigung.

Keine Zeit für Hinhaltespielchen

Aber jetzt ist nicht die Zeit für Hinhalte-Spielchen. Es ist, bevor die Mehrheit der Hochschulen demnächst ins Wintersemester startet, Zeit für eine aufrichtige Kommunikation. Erstens: Das Wintersemester wird eine Neuauflage des Sommersemesters. Und zwar des ersten Teils – bevor es erste Lockerungen gab. Mit allen sozialen Einschränkungen, die das für Lehrende und Studierende bedeutet.

Zweitens: Die Hochschulen können und werden das schaffen. Sie haben viel geleistet und gelernt seit dem Beginn der Pandemie. Insofern wird es eine technisch und didaktisch reibungslosere Version des Sommersemesters – wenn die Hochschulen, anstelle noch von „Hybrid“ zu sinnieren, alle Energie in die Umsetzung des Digitalen stecken. Drittens: Dafür verdienen die Hochschulen jetzt alle – auch finanzielle – Unterstützung der Politik. Und nicht auch noch das Schüren zusätzlichen Präsenz-Erwartungsdrucks von der Seitenlinie aus.

Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

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