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Menschen baden bei niedrigem Wasserstand im Rhein, im Hintergrund ist der Kölner Dom zu sehen. Foto: Christian Knieps/dpa
© Christian Knieps/dpa

Hitzewelle über Europa „Leider ein Vorgeschmack auf die Zukunft“

Sind ein paar sehr heiße Tage im Juni einfach nur „Wetter“? Die Weltwetterorganisation in Genf sieht durchaus einen Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Wie viel Klimawandel steckt in der aktuellen Hitzewelle, die in diesem Tagen über Europa und Deutschland lastet? Wetterexperten sind gespalten: Einerseits betonen sie immer, dass es sehr heiße Tage auch im Juni, also im Frühsommer, schon häufiger gab. Und vor allem: Dass solche, einige Tage andauernden Hitzewellen, „Wetter“ seien – und nicht „der Klimawandel“.

Andererseits betont Clare Nullis, die Sprecherin der Weltwetterorganisation (WMO) in Genf, unter dem Eindruck der aktuellen Hitzewelle: Die extrem hohen Temperaturen, die sich von Nordafrika über Südeuropa ausgebreitet haben und an diesem Wochenende in der Schweiz und in Deutschland ankamen, seien eher typisch für den Juli oder August – und eben nicht für den Juni.

Solche extremen Wetterlagen würden wegen des Klimawandels künftig häufiger so ungewöhnlich früh und intensiv auftreten wie jetzt in Europa, sagt Nullis laut dpa. „Was wir heute erleben, ist leider ein Vorgeschmack auf die Zukunft.“ Schuld daran seien die hohen Konzentrationen von Gasen in der Atmosphäre, die den Treibhauseffekt verursachten.

In manchen Teilen Spaniens und Frankreichs sind die Thermometer dieser Tage mehr als zehn Grad über den Mittelwert für diese Jahreszeit geklettert, berichtet Nullis. Spanien, Portugal, Ungarn und Serbien seien von Trockenheit betroffen.

Mitteltemperatur in Deutschland seit 1881 um 1,6 Grad gestiegen

Dass der Klimawandel mittlerweile einen starken Einfluss auf das Wetter in Deutschland hat – zum Teil sogar in einem größeren Ausmaß als weltweit – haben im vergangen Jahr wie berichtet Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) belegt. Aus einem Faktenpapier des DWD ging hervor, dass das vergangene Jahrzehnt bis zu zwei Grad wärmer war als die ersten Jahrzehnte der Wetterbeobachtungen 1881 bis 1910.

[Lesen Sie zum Thema auch den Text von Jan Kixmüller auf Tagesspiegel Plus, auf dem dieser Artikel teilweise beruht: Wie der Klimawandel Deutschland verändert]

Insgesamt ist die Mitteltemperatur in Deutschland seit 1881 um 1,6 Grad gestiegen – weltweit liegt dieser Wert mit 1,1 Grad niedriger. Die Häufigkeit extremer Hitzewellen habe nachweislich zugenommen, strenge Fröste dagegen abgenommen, hieß es vom DWD: „Langanhaltende Phasen mit Tageshöchsttemperaturen von 30 Grad und darüber sind in einigen Gegenden ein neues Phänomen.“

Exakt vor einem Jahr hatte die Wetterlage in Deutschland schon einmal fast flächendeckend zu „heißen“ Tage mit Höchsttemperaturen über 30 Grad Celsius und zu „tropischen Nächten“ geführt. Nach meteorologischen Definitionen sind das Tage mit Temperaturen über 30 Grad und Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad Celsius fällt.

Ein trockengefallenes Flussufer mit Altstadt im Hintergrund. Foto: Christian Knieps/dpa Vergrößern
Gesunkener Pegelstand: Ein verrostete Kette liegt am ausgetrockneten Elbufer vor der Dresdner Altstadt. © Christian Knieps/dpa

Von einer „Hitzewelle“ sprechen die Wetterforschenden, wenn die mittlere Höchsttemperatur in einer Periode von mindestens fünf aufeinander folgenden Tagen 30 Grad Celsius überschreitet. Diese Marke dürfte aktuell verfehlt werden, weil zumindest für Berlin und Brandenburg am Montag ein Temperatureinbruch auf Werte um 19/20 Grad vorhergesagt wird. Dann soll aber ein allmähliches Wiederansteigen auf 31 Grad am Freitag folgen.

[Lesen Sie auch den T+-Artikel von Patrick Eickemeier, aus dem in diesem Artikel zitiert wird: Sommer, wie er früher keinmal war]

Zur Frage, inwiefern Hitzewellen vom Klimawandel zeugen, vertritt der DWD die Position, dass Klimaänderungen erst erkennbar werden, wenn man die langjährigen Durchschnittswerte einer jüngeren mit denen von älteren Perioden vergleicht. Die in Deutschland um 1,6 Grad gegenüber 1881 erhöhte Durchschnittstemperatur trägt indes tatsächlich dazu bei, dass die Grenzwerte häufiger überschritten werden, es mehr heiße Tage und auch mehr Hitzewellen gibt.

Intensität und Dauer von Hitzewellen nehmen zu

Die Intensität und die Dauer von Hitzewellen haben in den letzten 30 Jahren zugenommen, stellte deshalb auch Andreas Friedrich vom DWD fest. „Hitzewellen sind aufgrund der Erwärmung deutlich wahrscheinlicher geworden.“

Dieser Trend ist weltweit zu beobachten, nicht nur in Deutschland und Europa. Allerdings hat die Zahl der Hitzewellen in Westeuropa in den vergangenen zwei Jahrzehnten „stärker zugenommen als man erwarten würde“, sagte Dim Coumou, der an der VU Amsterdam und für den niederländischen Wetterdienst KNMI Klimaextreme erforscht, dem Tagesspiegel anlässlich der Hitzewelle vor einem Jahr.

Zwei Theorien werden in der Klimaforschung als Erklärungen über den Treibhauseffekt hinaus diskutiert. Zum einen hat sich die Zirkulation von Luftströmungen in der Atmosphäre verändert. Der Jetstream, der früher oft Abkühlung für Europa brachte, hat sich abgeschwächt, weshalb Hitzewellen über dem Kontinent länger anhalten.

Zum anderen sind die Böden in Europa vielerorts trockener geworden, weshalb bei Wärme weniger Wasser aus ihnen verdunsten kann. Die kühlende Wirkung der Verdunstung fällt aus und die Sonne erwärmt die Luft stärker. (mit dpa und Tagesspiegel-Autoren)

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