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Zwei Auszubildende betreuen eine alte Frau am Krankenbett. Foto: epd
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Hilferuf von Pflegestudierenden Finanzielle Notlage führt zu Studienabbrüchen

Larena Klöckner

Pflegestudierende haben einen hohen Praxisanteil, den sie bislang unbezahlt leisten. Jetzt fordern sie eine Vergütung, wie Auszubildende sie erhalten.

Pflegestudierende der Berliner Hochschulen haben sich zusammengetan, um auf die prekäre finanzielle Situation ihres Studiums aufmerksam zu machen. Dabei ist die „Taskforce Pflege-Bachelor“ entstanden, die sich aus Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule, der Charité und der Evangelischen Hochschule zusammensetzt. Sie wenden sich mit einem offenen Brief an die Berliner Politik.

„Wir möchten die berufliche Pflege bereichern und die Versorgungssituation verbessern. Jedoch geraten viele von uns unter enormen finanziellen Druck“, heißt es in dem Brief, der sich an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und andere Politiker:innen richtet. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Fraktionsvorsitzende und Mitglieder des Bundestags gehören zu den Adressierten.

In dem Brief fordern die Studierenden eine angemessene Entlohnung. Sie wollen dabei für sich die gleiche Vergütung von mindestens rund 1000 Euro monatlich erwirken, wie sie Auszubildende in der Pflege und Studierende eines Hebammenstudiums erhalten.

Nur so könne verhindert werden, dass die Akademisierung der Pflege scheitert. Doch genau das könnte eintreten, warnen die Studierenden in ihrem Brief, den sie als „Hilferuf“ sehen. Sie berichten von einem Leben am Existenzminimum.

40 Stunden im Schichtdienst - ohne Bezahlung

Das Studium ist sehr praxisorientiert: Etwa 50 Prozent der Studienzeit wird in pflegerischen Schichtdiensten mit 40 Stunden pro Woche gearbeitet, die andere Hälfte ist dem Studium an der Hochschule gewidmet. Für ihre Arbeit in der Pflege werden die Studierenden nicht vergütet.

Im Gegenteil: Zu den unbezahlten Arbeitsstunden kommen die Semesterbeiträge – bis zu 350 Euro pro Halbjahr. Die „Taskforce Pflege-Bachelor“ erklärt, dass viele Studierende, die kein Bafög beziehen können und keine elterliche Unterstützungen bekommen, darauf angewiesen sind, nach einer unbezahlten 40-Stunden-Woche noch nachts oder am Wochenende zu jobben. Hinzu kommt: Arbeitsrechtlichen Schutz gibt es für die Studierenden nicht.

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Eine solche Ungleichbehandlung sei nicht zu rechtfertigen, sagt Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaften und Leiter des Studiengangs Pflege an der Alice-Salomon-Hochschule, auf Anfrage dem Tagesspiegel. „Ich halte die Vergütung der Pflegestudierenden tatsächlich für dringend notwendig.“

Andere Studiengänge, wie der für Hebammen, hätten bereits eine gesetzlich festgelegte Vergütung. „Zudem arbeiten Pflegestudierende insgesamt über ein Jahr in Vollzeit in der Praxis als Pflichtbestandteil ihres Studiums“, so Gräske. Das sei mit einem herkömmlichen Hochschulstudium nicht zu vergleichen.

Bis zu 50 Prozent eines Jahrgangs brechen das Studium ab

In dem offenen Brief wird deutlich, dass Pflegestudierende unter der starken Doppelbelastung leiden. „Die genannten Umstände führen dazu, dass bereits viele unserer Kommiliton:innen das Studium abgebrochen und die Pflege verlassen haben. In einigen Jahrgängen schon nach einem Jahr an die 50 Prozent“, heißt es.

Praxisübung mit einer Patientin im Rollstuhl in einem Studiengang für Physiotherapie. Foto: imago/Rainer Weisflog Vergrößern
Pflegestudiengänge - hier Physiotherapie an der BTU Senftenberg - sollen den Beruf attraktiver machen, etwa durch bessere Karrierechancen. © imago/Rainer Weisflog

Der klare Appell an die Politik lautet, dass sie jetzt handeln müsse, wenn sie den Pflegenotstand wirklich beenden wolle. Gegen den Fachkräftemangel würden allein attraktivere Arbeitsbedingungen in der Pflege helfen. Die Studierenden bitten am Ende des Briefes: „Lassen Sie uns nicht im Stich!“

Dabei war es schon die Akademisierung, die den Pflegeberuf attraktiver machen sollte. Mit zunehmenden Angeboten der Hochschulen im Care-Bereich können sich Interessierte der Pflege nicht mehr nur für eine Ausbildung, sondern auch vermehrt für ein Studium entscheiden und damit für leitende Tätigkeiten qualifizieren.

An Berliner Hochschulen sind im Wintersemester 2020/21 drei neue Pflegestudiengänge mit insgesamt 180 Plätzen gestartet – mit dem erklärten Ziel, bessere Karrierechancen zu ermöglichen und so dem Pflegenotstand entgegenzuwirken.

Dem Deutschen Pflegerat zufolge fehlen bundesweit aktuell rund 200 000 Pflegende, im Jahr 2030 sollen es 500 000 sein. Durch den demografischen Wandel steige gleichzeitig die Zahl der Pflegebedürftigen von aktuell 4,1 Millionen auf 5,1 Millionen.

Die prekäre finanzielle Situation von Pflegestudierenden findet zumindest in Teilen der Politik Gehör. In einer Anfrage der Grünen-Fraktion vom 23. September an die Bundesregierung wird auf eben jene Missstände aufmerksam gemacht, die auch die Berliner Studierenden in ihrem offenen Brief ansprechen.

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