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Maisha Auma Foto: Creative Commons/Stephan Röhl
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Hetzkampagne von AfD-Politikern 772 Forschende fordern Konsequenzen

Seit einem Tagesspiegel-Interview wird die Professorin Maisha Auma rassistisch attackiert, auch von AfD-Politikern. Das ruft ihre Kollegen auf den Plan.

Solidarität mit Maureen Maisha Auma fordern 772 Wissenschaftler:innen in einem gemeinsamen Brief an den Deutschen Hochschulverband, der dem Tagesspiegel vorliegt. Die Institutionen der deutschen Hochschullandschaft sollten sich öffentlich gegen die rassistische Diffamierung der Magdeburger Professorin für Diversity Studies positionieren.

Auma, die derzeit eine Gastprofessur an der TU Berlin innehat, war im Anschluss an ein Tagesspiegel-Interview zu Intersektionalität und strukturellem Rassismus Opfer einer rechtsextremen Hetzkampagne geworden. Von der AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt befeuert, wurden auf Twitter, Facebook und Instagram Anfang Januar zahlreiche menschenverachtende Kommentare gepostet. Auma wird seither rassistisch diffamiert, persönlich beleidigt und bedroht.

Im Interview hatte die Sozialwissenschaftlerin beklagt, dass es an deutschen Hochschulen nach wie vor zu wenige Schwarze und People-of-Color Professor:innen sowie wissenschaftliches BPoC-Personal in dauerhaften Anstellungen gebe. So würde etwa die Zusammensetzung des wissenschaftlichen Personals der Berliner Hochschulen die „postmigrantische Realität der Stadt“ nicht adäquat abbilden.

[Lesen Sie hier unser Interview mit Maisha Auma]

Die Strategie der Rechtsextremen

Die AfD-Sachsen Anhalt, namentlich ihr kulturpolitischer Sprecher, der als Rechtsaußen geltende und vom Verfassungsschutz beobachtete Hans-Thomas Tillschneider, hatte Auma daraufhin in den sozialen Netzwerken sowie auf der Webseite des Landesverbandes „Rassismus gegen Weiße“ und „Lobbyarbeit für Einwanderer aus Afrika“ vorgeworfen.

Zudem sprach Tillschneider der international renommierten Forscherin die wissenschaftliche Qualifikation ab und forderte, die Professorin „in ihre Schranken zu verweisen“.

Solche Reaktionen seien dezidiert rassistisch und außerdem eine typische, strategisch intendierte Reaktion auf rassismuskritische Aussagen von BPoC-Wissenschaftler:innen, sagt die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Frauen- und Geschlechterforschungseinrichtungen der Berliner Hochschulen (afg Berlin), Magdalena Beljan.

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So reihten sich die Invektiven gegen Auma in eine von rechten Kräften orchestrierte, groß angelegte Diffamierungskampagne ein. „Wir erleben das regelmäßig im Anschluss an den Aktionstag #4Gender-Studies, in dessen Rahmen ja das Interview im Tagesspiegel lief, dass Wissenschaftler:innen gezielt von Rechtsextremen eingeschüchtert werden.“

Rechte "Cancel Culture"

Im medialen Diskurs über eine vermeintlich linke Cancel Culture, werde kaum zur Kenntnis genommen, dass die wirklichen, für Leib und Leben bestimmter Akteure bedrohlichen Versuche, kritische Positionen mundtot zu machen, aus dem rechten Lager erfolgten, sagt Beljan.

Zudem werde die übliche Taktik bemüht, Positionen, die auf strukturellen Rassismus hinweisen, in absichtsvoller Geschichtsvergessenheit selbst als rassistisch zu brandmarken.

„Diese Form der Bagatellisierung des Rassismus ist als diskursive Taktik in der Neuen Rechten sehr beliebt“, sagt Rüdiger Seesemann, Professor für Islamwissenschaft und Leiter des Exzellenzclusters „Africa Multiple“ an der Universität Bayreuth.

In der seriösen Forschung herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Rassismus ein historisch mit dem europäischen Kolonialismus verknüpftes Konzept darstellt. Ermordung, Unterdrückung und Ausbeutung wurde so der ideelle Boden bereitet.

Zwar könnten Schwarze Menschen weiße Menschen durchaus diskriminieren, sagt Seesemann. Dies lasse sich aber nicht als Rassismus gegen Weiße bezeichnen.

Verstoß gegen wissenschaftliche Ethik

Das hat er auch in einem Brief an die Hochschulleitung der Universität Bayreuth verdeutlicht, der dem Tagesspiegel in Auszügen vorliegt. Hier fordert Seesemann nicht nur, dass sich die Hochschule öffentlich mit Maisha Auma solidarisieren solle, sondern sich zugleich von dem rechtsextremen AfD-Mann Hans-Thomas Tillschneider zu distanzieren.

Dieser ist an der Uni Bayreuth noch immer Privatdozent. Tillschneider ziehe die Universität für seine akademische Legitimation heran, verletze aber zugleich deren wissenschaftliche Ethik und verstoße gegen ihre Antidiskriminierungsrichtlinien.

„Es ist geboten, unmissverständlich Position zu beziehen und Tillschneider nach Möglichkeit strukturell zu sanktionieren“, erklärt Seesemann. Dies sei umso dringlicher, als seine „neuesten Ausfälle nicht mehr pauschal eine Gruppe, sondern die persönliche Integrität einer Kollegin bedrohen“. Die Unileitung habe bislang nicht reagiert, sagt Seesemann.

Auf Nachfrage des Tagesspiegels erklärte Präsident Stefan Leible: „Ich persönlich halte die Äußerungen von Dr. Tillschneider für unerträglich. Aber meine persönliche Meinung steht hier nicht zur Debatte.“ Man werde überprüfen, welche Konsequenzen die aktuellen Vorkommnisse für die Lehrtätigkeit des AfD-Mannes hätten. Das Ergebnis bleibe abzuwarten.

Große Solidarität

Inzwischen gibt es Solidaritätsbekundungen von zahlreichen Einzelpersonen und Institutionen, unter anderem von der TU Berlin: „Die Technische Universität Berlin duldet die Diffamierung von Maisha Auma nicht und sieht es als ihre Pflicht, dagegen Position zu beziehen“, heißt es aus Kreisen des Präsidiums.

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) forderte Tillschneider, der Sprecher für Bildung, Kultur und Wissenschaft der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt ist, am Mittwoch auf, von diesem Amt zurückzutreten.

Dies begründet der DHV mit „Missachtung der Wissenschaftsfreiheit“ durch Tillschneider. In einem Brief des DHV-Präsidenten Bernhard Kempen vom 17. Februar heißt es, die Aufforderung, Auma „in die Schranken zu verweisen“, sei „völlig deplatziert und geradezu skandalös“.

Maisha Auma selbst möchte sich zu den Vorfällen aktuell nicht weiter äußern. Sie würde es aber begrüßen, wenn sich die Debatte weniger auf ihre Person als generell auf Rassismus konzentrierte.

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