Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Überlebenskünstler: Die Vorfahren der Riesenschildkröten der Maskarenen (hier eine Zeichnung von 1730) trieben wohl monatelang übers Meer. Bild: Naturkundemuseum Paris/Claude Aubriet
© Bild: Naturkundemuseum Paris/Claude Aubriet

Herkunft der Riesenschildkröten von Mauritius geklärt Ein Ritt auf dem Vulkan-Hot-Spot

Die Riesenschildkröten von Mauritius kamen auf einer ungewöhnlichen Route auf die Insel im Indischen Ozean. Das haben deutsche Forscher herausgefunden.

Am 14. Dezember 2004 stapfte an der Küste Tansanias eine Aldabra-Riesenschildkröte an Land – eine Art, die eigentlich auf den Seychellen mitten im Indischen Ozean lebt, fast 2000 Kilometer entfernt. „Das abgemagerte, aber anscheinend gesunde Tier muss einige Monate im Indischen Ozean getrieben sein“, ist sich Uwe Fritz vom Museum für Tierkunde der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden sicher: An den Beinen und am Panzer hatten sich während der langen Reise über das Meer Seepocken angesiedelt.

Diese außergewöhnliche Fähigkeit von Schildkröten, sehr lange ohne etwas zu fressen und trinken auszukommen, ist wohl auch der Grund, warum auf manch abgelegenen Inseln zwar Schildkröten aber kaum Säugetiere leben. Auch die Riesenschildkröten, die bis vor etwa 200 Jahren auf den Maskarenen-Inseln Réunion, Mauritius und Rodrigues lebten, stammen ursprünglich von weit her.

Vor etwa 40 Millionen Jahren muss ein Weibchen den umgekehrten Weg der Aldabra-Riesenschildkröte genommen haben und von Afrika herübergetrieben sein. Das haben jetzt die Analysen von Erbgutresten von 19 Tieren, durchgeführt von den Senckenberg-Forschern Christian Kehlmaier und Uwe Fritz, ergeben.

Rätselhafte Reise über den Ozean

„Das war für uns alle eine Riesen-Überraschung“, sagt Walter Joyce von der Universität Freiburg in der Schweiz, der an der Studie, veröffentlicht im Fachblatt „Scientific Reports“, beteiligt war. Denn die Maskarenen sind erst vor höchstens zehn Millionen Jahren entstanden. Wie also kann das sein?

Bisher hatten Forscher angenommen, dass die „Cylindraspis“-Riesenschildkröten der Maskarenen die Inseln erst vor wenigen Millionen Jahren aus Madagaskar, Afrika oder Asien erreicht hatten. Es gab sogar Vermutungen, nach denen die Tiere erst von Menschen dorthin gebracht worden seien. Einer solchen Annahme aber widersprechen die Erbgut-Analysen von Uwe Fritz und seinen Kollegen eindeutig: Das Erbgut der Maskarenen-Arten unterscheidet sich stark von allen anderen Landschildkröten und muss bereits seit etwa 40 Millionen Jahren getrennt von ihnen gelebt haben. Wo aber lag die ursprüngliche Heimat dieser Tiere, wenn doch die älteste Maskarenen-Insel Mauritius erst vor weniger als zehn Millionen Jahren aus dem Meer aufgetaucht ist?

Ein Vulkan, der Inseln wie am Schnürchen produziert

Des Rätsels Lösung sehen Fritz, Kohlmeier und Joyce in dem vulkanischen Hotspot, der die Maskarenen geschaffen hat. So nennen Geophysiker eine bestimmte Form von Vulkanismus, bei dem aus einigen Tausend Kilometern Tiefe mächtige, mehr als hundert Kilometer dicke Säulen aus sehr zähflüssigem Gestein mit Geschwindigkeiten von wenigen Zentimetern im Jahr langsam nach oben steigen. „Ein solcher Hotspot brach offensichtlich vor rund 66 Millionen Jahren im heutigen Westen Indiens aus“, erklärt Walter Joyce. Während sich die indische Kontinentalplatte weiter Richtung Asien bewegte und vor 40 Millionen Jahren begann, das Himalaya-Gebirge aufzufalten, blieb der Hotspot an Ort und Stelle. Zwar schwappte über ihm nun der Indische Ozean, die Lava aus dem Hotspot türmte sich aber alsbald so hoch übereinander, dass schließlich eine Insel aus dem Meer auftauchte. „Auf einer solchen Hotspot-Vulkaninsel könnte schließlich eine Landschildkröte angeschwemmt worden sein“, sagt Uwe Fritz.

Den Erbgut-Analysen Kehlmeiers zufolge stammte sie vom afrikanischen Kontinent. Und es wird wohl ein Weibchen gewesen sein – denn das wäre ausreichend, um eine neue Population zu gründen. „Schildkröten-Weibchen speichern häufig die Samen mehrerer Männchen und befruchten ihre Eier erst lange nach der Paarung“, sagt Fritz.

Zig Millionen Jahren überlebt – bis der Mensch kam

Die Insel, auf der dieses Weibchen strandete, existiert längst nicht mehr. Im Lauf der Jahrmillionen hat sich die Ozean-Platte hunderte Kilometer weiter bewegt. Dort entsteht dann ein neuer Vulkan, eine neue Insel, während Wellen und Tropenstürme die alte Insel langsam abtragen, bis sie im Meer verschwindet.

Aber vorher ist längst wieder ein Schildkröten-Weibchen von der alten zur neuen Vulkaninsel herübergespült worden. Nach einigem „Insel-Hopping“ und Aufspaltung in verschiedene Unterarten erreichten die Tiere schließlich die drei heute noch existierenden Maskarenen-Inseln und überlebten – bis der Mensch kam und sie vor etwa 200 Jahren ausrottete.

Zur Startseite