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System-Immunologe Michael Meyer-Hermann befürchtet, dass die dritte Welle schon rollen könnte. Foto:

Update Helmholtz-Forscher warnt vor Lockerungen „Mutante verbreitet sich in Deutschland schon exponentiell“

Lea Schulze

Der Forscher Meyer-Hermann sagt: Wir haben es mit zwei Pandemien zu tun – einer alten, und einer mit aggressiven Mutanten. Das macht den Ausgang ungewiss.

Der System-Immunologe Michael Meyer-Hermann warnt, dass ansteckendere Varianten des Coronavirus die von der Politik angepeilte Inzidenz von 35 Infektionen pro 100.000 Einwohner und Woche torpedieren.

Sollte sich das Vorkommen der Mutante B117 ungünstiger entwickeln als erwartet, könne es sein, dass die 35 mit dem aktuellen Lockdown gar nicht zu erreichen sei, sagt Meyer-Hermann. „Das macht deutlich, dass jede Form von Öffnungen zum jetzigen Zeitpunkt ein hohes Risiko birgt, die gesetzten Ziele nicht erreichen zu können.“

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Meyer-Hermann, Physiker und Mathematiker, ist Leiter der Abteilung Systemimmunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. „Wir sind aktuell mit mindestens zwei Pandemien konfrontiert“, erklärt der Forscher auf Tagesspiegel-Anfrage.

„Die alte haben wir mit den aktuellen Maßnahmen unter Kontrolle und bringen die Inzidenzen mit einer Reproduktionszahl von 0,85 runter.“ Eine Inzidenz von 35 könne so Anfang März erreicht werden - allerdings ohne die geplanten leichten Öffnungen und ohne ungünstiges Dazwischenfunken von Mutanten.

Sieht noch wie sinkende Fallzahlen aus

"Gleichzeitig findet aber gerade eine Ausbreitung der neuen Variante statt, deren Reproduktionszahl mit den aktuellen Maßnahmen über eins liegt. Da die neue Variante noch nicht dominant ist, sieht das in der Summe immernoch wie sinkende Fallzahlen aus."

Die Mutante B117 habe in konservativen Schätzungen aber eine um 35 Prozent höhere Übertragungswahrscheinlichkeit. „Sie befindet sich in Deutschland bereits wieder in einer Phase des exponentiellen Wachstums und die aktuellen Maßnahmen reichen nicht, um diese Entwicklung auszubremsen“, ergänzte er. „Je mehr man jetzt aufgrund der fallenden Inzidenzen lockert, desto früher wird die dritte Welle mit B117 sich entwickeln. “

B117 expandiere mit niedrigen absoluten Fallzahlen exponentiell mit einer Reproduktionszahl über 1. „Grob geschätzt 1,2“, erklärt der Forscher. „Das sieht man nur nicht, weil immer noch die meisten Fälle mit der alten Variante auftreten." Über kurz oder lang werde B117 dominieren, ist er sich sicher. "Die Verlangsamung zeigt an, dass die neue Variante gerade übernimmt und die dritte Welle einleitet."

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Tatsächlich zeigen aktuelle Zahlen des RKI, die Gesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch verkündete, dass die erstmals in Großbritannien nachgewiesene Mutation B117 inzwischen einen Anteil von mehr als 20 Prozent an den Gesamtinfektionen hat. Im Dezember und Januar schätzte das RKI den Anteil auf sechs Prozent.

„Über kurz oder lang wird die Mutante dominieren“

In Großbritannien dominiert die Variante B117 inzwischen das Infektionsgeschehen: In fast 90 Prozent aller untersuchten Proben wurde zuletzt die Mutation nachgewiesen, in London sind es sogar 97 Prozent. Auch in Dänemark findet sich die Variante B117 bereits in mehr als jeder vierten Probe.

[Mehr zum Thema: Warum die Sieben-Tage-Inzidenz von 35 ein schlechtes Ziel ist (T+)]

Auch in der Region Hannover macht die britische Corona-Variante inzwischen 40 Prozent aller Corona-Infektionen aus. Das gab der Leiter des Landes-Krisenstabs, Heiger Scholz, laut der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bei einer Pressekonferenz am Dienstag bekannt.

Die Expansion dieser Variante lasse sich aber durch Beibehaltung der aktuellen Maßnahmen so lange verzögern, dass die Fallzahlen hinreichend sinken würden, prognostiziert Meyer-Hermann. Er plädiert für ein Inzidenz-Ziel um die 10. Mit der dann besseren Nachverfolgung lasse sich die dritte Welle noch abfangen, erklärt der Forscher. Eine Diskussion über Öffnungen sei daher im Moment fatal.

"Man muss sich vielmehr überlegen, wie man die dritte Welle aufhalten oder wenigstens Abfangen kann."

„Grundsätzlich haben die Gegenden, die an Hochinzidenz-Regionen angrenzen, mehr Schwierigkeiten, die Inzidenzen zu senken“, ergänzt der Forscher. „Dies gilt umso mehr, als dort auch eine höhere Gefahr existiert, die neuen Varianten einzuschleppen.“ Daher könne es in einigen Regionen länger dauern und in anderen schneller gehen. Wenn man den Ursprung aller Infektionen in einer Region kenne, dann könne man dort auch schon lokal öffnen.

CDU-Chef Armin Laschet hatte am Montag vor einem zu einseitigen Fokus auf die Infektionszahlen gewarnt. „Man kann nicht immer neue Grenzwerte erfinden, um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet“, sagte er. „Wir können unser ganzes Leben nicht nur an Inzidenzwerten abmessen.“ Man müsse all die anderen Schäden, etwa für Gesellschaft und Wirtschaft, genauso im Blick haben wie die Inzidenzzahlen. Dafür erntete er Kritik.(mit Agenturen)

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