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Aufklärungsgespräch und Impfpass vor Ort? Mit der Software „Impfplaner 4.0“ wäre das nicht mehr nötig. Foto: Christopher Neundorf/dpa
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Hausarzt erklärt neue Software Der „Impfplaner 4.0“ soll täglich eine Million Impfungen ermöglichen

Bis zu 50 Minuten für einen Impftermin? Muss nicht sein, sagt Hausarzt Achim Wallau. Mit Software-Experten von Navatec versucht er, den Prozess zu vereinfachen.

Die Idee kam Dr. Achim Wallau Ende Dezember. „Ich dachte mir: Es kann doch nicht sein, dass die Profis außen vorgelassen werden“, sagt er nun knapp drei Monate später – kurz bevor der „Impfplaner 4.0“ inmitten der dritten Welle in der Corona-Pandemie an den Start gehen kann.

Mit „Profis“ meint Wallau die Hausärztinnen und Hausärzte, die seiner Meinung nach längst die Schnittstelle der Impfkampagne in Deutschland sein sollten, allerdings erst ab Mitte April so richtig eingreifen werden.

Entwickelt hat er den Impfplaner mit dem Tech-Unternehmen Navatec aus Heilbronn. Das Ziel der Entwickler ist ganz einfach: Am „Flaschenhals“ der Impfkampagne ansetzen und die Dauer des Impftermins auf ein Minimum verkürzen.

Es sind vier Punkte, an denen die „Krisenplattform“, wie Wallau sie nennt, ansetzt: Datenerfassung, Patientenaufklärung, Terminvergabe, Logistik. Gehen soll das so: Die Software übernimmt zuerst die Vorbereitung mit Erfassung der Patientendaten und organisiert die Aufklärung des Patienten über die Risiken der Impfung.

Eine große Zeitersparnis ergibt sich unter anderem dadurch, dass Patienten durch die Software vor ihrem Termin auch telefonisch über die Impfung aufgeklärt werden können. Dadurch entfällt das mitunter lange Gespräch vor Ort im Impfzentrum oder der Praxis. Da der Großteil der Deutschen in einer Hausarztpraxis aufgenommen ist, ist die Datenerfassung auf diesem Weg einfach.

Der Hausarzt weiß über mögliche Vorerkrankungen Bescheid und ist im Bilde, wann ein Patient aufgrund der Prioritätengruppen dran ist. Normalerweise sollen sich die Patienten beim Arzt melden – doch sollte in einer Praxis auffallen, dass ein Patient schon dran wäre, sich aber nicht gemeldet hat, wird ein Impftermin auf diesem Wege vereinbart.

Über eine zentrale Datenbank bucht der Impfplaner einen Termin und erinnert den Impfwilligen an diesen. Dadurch sollen alle nötigen Schritte für die Impfung bereits vor dem Termin vollzogen sein.

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Dr. Achim Wallau © Dr. Achim Wallau

Statt 180.000 Impfungen pro Tag könnten bei einem bundesweiten Einsatz der Software bis zu einer Million möglich sein, rechnet Wallau vor. Denn: Statt bis zu 50 Minuten sollen die Termine dank der Vorarbeit nur zehn Minuten dauern.

Weil die Impfstoff-Lieferungen hochgefahren werden, seien also fünfmal so viele Impfungen möglich wie bisher. Schon jetzt wären mehr machbar, doch scheitert es in den Ländern nicht selten an der Bürokratie.

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„Letztlich funktioniert das wie ein Rezept, das der Hausarzt ausstellt“, sagt Co-Entwickler Wallau, der selbst niedergelassener Arzt und Leiter eines Gesundheits- und Impfzentrums ist. „Die Patienten erhalten einen Barcode, mit dem sie zu ihrem Impftermin in den Praxen oder Impfzentren gehen. Den legen sie dann wie ein Flugticket vor.“

Die Software baut auf Künstliche Intelligenz, braucht wenig Personal

Warum es so viel schneller und reibungsloser gehen soll als bisher? Weil die Software auf künstliche Intelligenz baut und weniger Personal nötig ist. Es soll viele Schritte bündeln, für die ansonsten Absprachen nötig wären.

Zuletzt auch die Impfstoff-Logistik. Navatec zufolge beinhaltet der Impfplaner auch ein Bestellsystem für Impfpraxen. Die Software habe immer einen genauen Überblick darüber, wie viel Impfstoff wo gerade vorrätig ist und aufgrund sich verändernder Auftragsliste bestellt oder verlagert werden muss.

Wallau glaubt als Hausarzt selbst, dass die Impfkampagne viel unbürokratischer vonstatten gehen könnte, wenn sie jetzt schon Teil dieser wären. „Hausärztinnen und Hausärzte kennen ihre Patientinnen und Patienten und deren individuelle Geschichten und Voraussetzungen – sie wissen einfach am besten Bescheid und sind deshalb optimal dafür geeignet, die Funktion als erste Anlaufstelle und Koordinationsdrehscheibe zu übernehmen“, so Wallau.

Er berichtet von Fällen, in denen bereits mit dem Biontech-Vakzin geimpfte Menschen zwei Tage vor ihrer Zweitimpfung eine Einladung zur Astrazeneca-Impfung erhielten – weil es keinen Kontrollmechanismus durch eine zentrale Datenbank gab. Das ließe sich durch künstliche Intelligenz verhindern, ist sich Andreas Steinbauer, Vertriebsleiter bei Navatec, sicher.

Navatec wollte eigentlich Ticketing-Plattform bauen

Dass Wallau und Navatec zusammengefunden haben, hat gleich doppelt mit der Pandemie zu tun. Zum einen wurde die Notwendigkeit für eine solche Plattform erst dadurch nötig. Zum anderen erfuhr Wallau von einem Bekannten, dass Navatec an einer Ticketing-Plattform arbeitete – die wegen der Pandemie derzeit nicht gebraucht wird.

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Die Idee war zunächst, die geplante Ticketing-Plattform so zu optimieren, um sie für die Planung von Impfterminen einsetzen zu können. So hat Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise gute Erfahrung mit einer Zusammenarbeit mit der Ticket-Agentur Eventim gemacht. Navatec entschied sich dann aber, eine komplett neue Software zu bauen. Im vergangenen Sommer hatte Navatec bereits in Baden-Württemberg die Terminvergabe in Schwimmbädern mit einer Software koordiniert.

Navatec sei nicht bekannt, dass ein anderes Unternehmen eine solche Software plane. Ihr Impfplaner könnte schon in 14 Tagen startklar sein, sagt Vertriebsleiter Steinbauer: „Die Software liegt jetzt auf einem Hochsicherheitsserver und wird noch einen Stresstest durchlaufen.“ Erste Gespräche mit Landesregierungen hätten auch schon stattgefunden.

Das Projekt sei bereits dem Land Hessen präsentiert und dem Leiter des Gesundheitsministeriums Rheinland-Pfalz vorgestellt worden. Navatec arbeite daran, bald womöglich auch mit dem Bund ins Gespräch zu kommen. „Wir sind bereit dafür, dass die Software schnell zum Einsatz kommt“, sagt Steinbauer.

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