Dank den Intensivregisters weiß man nun, wie viele Intensivbetten es in Deutschland gibt.  Foto: Marcel Kusch/dpa/Archivbild
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Update Große Datenanalyse zu Krankenhäusern Hier könnten die Intensivbetten in Deutschland knapp werden

David Meidinger

Bisher melden nur wenige deutsche Kliniken Engpässe in der Coronakrise. Doch in einigen Regionen ist die Auslastung der Betten höher. Ein Überblick in Grafiken.

Anfang April warnte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), dass die Intensivbetten nicht reichen könnten, um alle Coronavirus-Patientinnen und Patienten angemessen versorgen zu können. Was es bedeutet, wenn das der Fall ist, zeigen die dramatischen Bilder aus Italien oder New York. Nun gibt sich Wieler positiv: “Aktuell sind genug Kapazitäten vorhanden.”  

Ob genug Intensivbetten frei sind, ist ein zentraler Faktor im Pandemie-Plan. Sind nicht genug Betten da, können die Krankenhäuser überlastet werden und die Gesundheitsversorgung bricht zusammen. Das ist das zentrale Argument hinter Slogans wie #FlattenTheCurve. Das Problem in Deutschland: Lange war unklar, wie viele freie Betten es überhaupt gibt.  

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Seit dem 16. April ist das anders. Denn seitdem müssen alle Kliniken mit Intensivstation ihre Kapazitäten an ein Intensivregister melden, das von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft betrieben. Dort sollen von nun an die freien und belegten Betten der Krankenhäuser in ganz Deutschland gesammelt werden. 

1160 Kliniken müssen dem Bundesgesundheitsministerium zufolge mitmachen. So steht es in der „Verordnung zur Aufrechterhaltung und Sicherung intensivmedizinischer Krankenhauskapazitäten“, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vergangene Woche erlassen hatte. Damit soll zum ersten Mal einen Überblick über die Lage der intensivmedizinischen Versorgung in ganz Deutschland geschaffen werden – für Ärzte und Klinikleitungen, aber auch für die Politik.  “Weltweit einmalig”, nennt RKI-Präsident Wieler das System. 

Wie ist die Lage in Deutschland?

Von den 33.457 zur Verfügung stehenden Intensivbetten sind aktuell 14255 Betten frei, die Kapazitäten zu 57 Prozent ausgelastet.

Nicht jedes Intensivbett ist dabei von einer Covid-19-Patientin oder einem Patienten belegt. Es können Erkrankte mit Herzproblemen oder einem Schlaganfall sein, aber auch Menschen, die einen schweren Unfall hatten. In Berlin etwa werden laut des Registers 69 Covid-Patientinnen und Patienten behandelt, belegt sind aber 726 Betten.  

Mit knapp 33.500 Betten aus dem Intensivregister liegt die Zahl allerdings 7000 Betten unter der Zahl 40.000, die der Präsident der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG) Gerald Gaß Anfang April nannte. Die DKG begründet das mit einer unterschiedlichen Zählweise. "Die Angaben der DKG, beziehen eine Vielzahl an Rückmeldungen ein. Dabei handelt es sich um öffentlich zugängliche Angaben aus den einzelnen Krankenhäusern, Meldungen der Landesgesundheitsministerien und Informationen aus den Landeskrankenhausgesellschaften", heißt es auf Anfrage. So können in der Rechnung der DKG etwa auch Betten enthalten sein, die noch nicht bereitgestellt sind, aber in kürzester Zeit verfügbar wären. 

Im Schnitt gibt es 20 Intensivbetten pro Krankenhaus

Wie viele Intensivbetten ein Krankenhaus hat, hängt sehr stark von der Größe und Aufteilung der Klinik ab. Dem Deutschen Krankenhausinstitut zufolge haben kleine Krankenhäuser mit weniger als 300 Betten im Schnitt nur 12 Intensivbetten. In großen Krankenhäusern mit über 600 Betten sind es durchschnittlich immerhin 57.  Noch größere Kliniken mit mehreren Standorten haben oftmals mehrere hunderte Intensivbetten. Im Schnitt hat eine Klinik in Deutschland 20 Intensivbetten pro Klinik. 

Wir zeigen auf einer Karte, welche Kliniken noch freie Bettenkapazitäten melden.    

Insgesamt meldet die überwiegende Mehrheit der deutschen Krankenhäuser noch freie Bettenkapazitäten in mindestens einem Bereich. In den meisten sind sogar noch alle Behandlungsarten vorhanden. Nur in einzelnen Kliniken sind alle drei Intensivbereiche bereits belegt.

Sie alle melden ihre Kapazitäten in drei Kategorien: “low care”, “high care” und “ECMO”.  Low care bedeutet, dass der Patient nicht-invasiv beamtet wird. Er bekommt Sauerstoff etwa über eine Maske. Wenn intubiert werden muss, wobei eine Sonde in die Luftröhre eingeführt wird, sprechen Mediziner von invasiver Beatmung. Das fällt unter high care.  

[Wie sich das Coronavirus von der chinesischen Stadt Wuhan in China verbreitet hat und welche Faktoren die Verbreitung begünstigt haben, können Sie auf Multimedia-Karten erkunden]

Hilft all das nicht, kann der Patient noch über eine dritte Technik beatmet werden, die sich ECMO – Extrakorporale Membranoxygenierung – nennt. Das ist eine relativ neue Therapiemethode. Dabei wird Patienten, die unter einem Lungenversagen leiden, nicht mehr wie herkömmlich über Beatmungsgeräte Luft in die Lunge gedrückt, sondern das Blut direkt mit Sauerstoff angereichert. Dazu wird das Blut aus dem Kreislauf des Patienten direkt in das ECMO-Gerät geleitet und nach der Anreicherung mit Sauerstoff zurück in den Körper. 

Weil der Gasaustausch bei der ECMO außerhalb der Lunge erfolge, könne die sich besser erholen, sagen Experten. Bei weitem nicht alle Krankenhäuser verfügen aber über diese Behandlungsmöglichkeit. In Deutschland gibt es aktuell  3468 freie Plätze low care, 8691 high care sowie 527 Betten für eine ECMO-Behandlung (Stand des Tagesreports des DIVI 22.04.2020 um 9:15 Uhr). Es ist dieses sensible Gleichgewicht zwischen der Zahl schwerer COVID-19-Fälle, den verschiedenen Beatmungsmöglichkeiten und ihrer Verfügbarkeit in verschiedenen Teilen Deutschlands. 

Berlin hat die höchste Auslastung 

Mit dem neuen Register wollen DIVI, RKI und DKG ein Prognosemodell entwickeln, um Kapazitätsengpässe frühzeitig voraussagen zu könne. Für die Ärzte könnte vor allem wichtig werden, sollte es wieder zu einem dramatischen Anstieg der Fallzahlen und somit auch zu einem Anstieg der Intensivpatientinnen und -patienten kommen. Dann könnten vor allem Kliniken, die an andere Bundesländer angrenzen, ihre Patientinnen und Patienten verlegen und so die medizinische Versorgung sicherstellen.  

Denn je nach Bundesland kann die Versorgung mit Intensivbetten sehr unterschiedlich sein.  

Die bevölkerungsstarken Bundesländer wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen haben aktuell am meisten freie Betten. In Berlin liegt die Auslastung weit höher als in den anderen Bundesländern –  bei 69 Prozent. Damit ist sie die höchste in ganz Deutschland. Besser sieht es mit 55 Prozent noch im Nachbarland Brandenburg aus.  

Trotzdem ist auch die hohe Auslastung in Berlin kein Grund zur Panik. Denn normalerweise sind die Betten laut Senat im Durchschnitt zu 80 Prozent ausgelastet. Also weit stärker als aktuell. Eine ähnliche, etwas ältere Zahl gibt es auch vom statistischen Bundesamt für ganz Deutschland. Intensivbetten waren 2017 durchschnittlich zu 79 Prozent belegt. Dass jetzt noch so viele Betten frei sind, ist ein starkes Zeichen dafür, dass die Anstrengungen, die Kapazitäten zu erhöhen, erfolgreich waren.  

Warum es in Deutschland gut aussieht 

Weil die Verfügbarkeit von Intensivbetten so eine wichtige Rolle in der Pandemie-Situation spielt, hatten Bund und Länder bereits im März beschlossen, die Kapazitäten zu verdoppeln. Krankenhäuser sollten mit Hilfe von provisorischen Standorten die Bettenzahlen verdoppeln. In der Berliner Charité etwa wurde aus einem Verwaltungsgebäude innerhalb weniger Wochen eine provisorische Intensivstation. 

Die Kalkulation für die richtige Menge an Kapazitäten ist schwierig. Generell gäbe es keine Grenze dafür, was genug Kapazitäten sind, heißt es vom RKI. In Deutschland sei man aber im internationalen Vergleich “mit einem robusten Abstand zwischen intensivmedizinisch zu versorgenden COVID-19-Patienten und Patientinnen und Bettenkapazitäten unterwegs”. 

Dass sich die Experten optimistisch zeigen, liegt auch daran, dass die neu gemeldeten Fallzahlen nicht mehr so rasant ansteigen. Sie haben sich auf „einem relativ hohen Level“ eingependelt. So beschrieb es der Präsident des RKI am Dienstag in der zweimal wöchentlich stattfindenden Pressekonferenz.  

Es hängt an den Fallzahlen – und an uns

Da bisher noch wenig über das Virus bekannt ist, schwanken die Quoten der mit dem Coronavirus Infizierten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen (Hospitalisierungsquote) und der Anteile jener, die dann auf der Intensivstation behandelt werden müssen, je nach Land und Region stark. In China außerhalb der Provinz Hubei lag die Quote laut einer Studie bei zwei Prozent. Für Berlin gehen die Intensivmediziner der Stadt im Notfallplan des Landes von etwa fünf Prozent der Infizierten aus, die intensivmedizinisch behandelt werden müssten.  

Bleiben die Fallzahlen auf einem etwa gleichen Niveau, lassen sich bessere Prognosen erstellen. Gefährlich wird es dann, wenn die Zahlen wieder sprunghaft ansteigen. Denn dann lässt sich kaum abschätzen, wie viele Betten benötigt werden.

[Die globale Ausbreitung des Virus: Auf einer Karte in Zeitraffer sehen Sie, wann das Virus welche Länder erreicht hat]

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am 15. April auf der Pressekonferenz eine Modellrechnung zitiert. Derzeit gebe es in Deutschland einen Reproduktionsfaktor von eins, eine Person stecke also im Durchschnitt eine weitere an. „Schon wenn wir darauf kommen, dass jeder 1,1 Menschen ansteckt, dann sind wir im Oktober wieder an der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems mit den angenommenen Intensivbetten“, sagte Merkel. „Wenn wir 1,2 haben, also jeder steckt 20 Prozent mehr an, also von fünf Menschen steckt einer zwei an und vier einen, dann kommen wir im Juli schon an die Belastungsgrenze unseres Gesundheitssystems.“   

Wie sich die Situation verändert, können Sie auf dieser Seite kontinuierlich nachverfolgen. Wir aktualisieren die Grafiken regelmäßig.  

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