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Die Pandemie hat den Kampf gegen die Armut um vier Jahre zurückgeworfen, heißt es im "Goalkeeper"-Report der Gates-Stiftung. Foto: RapidEye/Getty Images
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„Goalkeeper-Report“ der Gates-Stiftung Corona-Pandemie verstärkt die Ungleichheit – Frauen besonders benachteiligt

Um die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen ist es schlecht bestellt. Ein Report der Gates-Stiftung spricht von dramatischen Rückschlägen durch die Coronakrise.

„Covid hat den dramatischsten Rückschritt in einer ganzen Generation von Entwicklungsbemühungen ausgelöst.“ Zu diesem Schluss kommt Mark Suzman, Chef der Bill & Melinda Gates Stiftung. In ihrem fünften „Goalkeepers Report“, in dem die Stiftung die jährlichen Zwischenstände auf dem Weg zum Erreichen der 18 Entwicklungsziele der Vereinten Nationen vorstellt, wird die Situation zwar als „nicht so schlimm wie noch vor einem Jahr erwartet“ bezeichnet.

So sei es etwa im Bereich der Malaria-Bekämpfung nicht zu mehr Todesfällen gekommen, sondern die Zahlen konnten „aufgrund massiver gesundheitspolitischer Eingriffe“ der betroffenen Länder auf Vor-Pandemie-Niveau stabilisiert werden. Auch sei der im vergangenen Jahr prognostizierte Rückgang wichtiger Impfungen für Kinder um 14 Prozent nicht eingetreten, sondern auf sieben Prozent begrenzt worden. Dennoch sind die Impfraten „inakzeptabel“ zurückgefallen, auf ein Niveau wie es zuletzt 2005 gemessen wurde: Zwischen Beginn der Pandemie und der zweiten Hälfte von 2020 verpassten mehr als 30 Millionen Kinder ihre Impftermine – mindestens zehn Millionen davon Pandemie-bedingt. Es sei möglich, dass diese Kinder ihre Impfdosen nie mehr aufholen können und damit nun hohe gesundheitliche Risiken tragen.

31 Millionen Menschen mehr in extremer Armut

Auch wirtschaftlich wirkte sich die Pandemie aus: 31 Millionen Menschen mehr als 2019 fielen zurück in extreme Armut – haben also weniger als 1,90 US-Dollar Einkommen pro Tag. Die Pandemie und die damit einhergehende Wirtschaftskrise habe den Fortschritt im Kampf gegen die Armut um vier Jahre zurückgeworfen, so der Bericht.

Besonders drastisch habe die Coronapandemie die wirtschaftliche Situation von Frauen verschlechtert. In diesem Jahr werden 13 Millionen Frauen weniger Arbeit finden als noch 2019, heißt es im Report, während Männer das Beschäftigungsniveau von 2019 im Laufe des Jahres wieder erreichen werden. Dieses Missverhältnis ist deshalb so schwerwiegend, weil Geld, das Frauen verdienen, prozentual weit häufiger für Gesundheitsvorsorge und gesunde Ernährung der Familien verwendet wird.

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„In jedem Winkel der Erde haben Frauen mit strukturellen Hürden zu kämpfen“, wird Stiftungsmitgründerin Melinda French Gates zitiert. Das mache Frauen angreifbarer für die Folgen der Pandemie. „Wenn Regierungen jetzt in Frauen investieren und diese Ungleichheiten adressieren, können sie eine ausgeglichenere Erholung fördern und ihre Wirtschaft gegen kommende Krisen wappnen.“

Während die Menschen in 90 Prozent der reichen Länder im nächsten Jahr zum statistischen Einkommensniveau von 2019 zurückkehren werden, sagt Mark Suzman, wird das nur einem Drittel der Länder mit mittlerem oder geringem Pro-Kopf-Einkommen gelingen. Hoffnung, dass sich das rasch ändern könnte, besteht nicht – auch wegen der ungerechten Verteilung der Corona-Impfstoffe: 80 Prozent aller bisher bereitgestellten Impfstoffdosen, stellt der Report fest, wurden in den reichen Ländern verabreicht, nur ein Prozent ging in Länder mit geringem Pro-Kopf-Einkommen. Dort liegt die Durchimpfungsrate bei nur zwei Prozent.

Malaria-Inzidenz stagniert

„Das ist eine drastische Ungleichheit, die die Wirtschaft und Gesellschaft dieser Länder auf vielen Ebenen zurückwirft, aber auch gefährlich für den Rest der Welt ist, weil es mehr Risiken produziert“, sagt Suzman und meint nicht nur, dass in diesen, oft bevölkerungsreichen Ländern die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen neuer Coronavarianten groß ist. „Auf dem moralischen Level, dem globalen Gesundheitslevel und der Ebene der globalen Wirtschaft sollten wir im eigenen Interesse für eine dramatische Beschleunigung einer gleichmäßigen Impfstoffverteilung in diesem und Anfang nächsten Jahres sorgen.“ Die dafür eigens gegründete Covax-Initiative, zu der beizutragen sich inzwischen alle Industrieländer verpflichtet haben, habe ihre Aufgabe bislang nicht erfüllt: Die Impfdosen wurden fast alle von den einkommensstarken Ländern beansprucht.

Dass politisches Handeln durchaus Gutes bewirken kann, zeige das Malaria-Beispiel, sagt Suzman. „Wir waren sehr besorgt, dass die Malaria-Bekämpfung besonders stark zurückgeworfen werden könnte durch die Pandemie.“ Denn während der Rat bei einer Covid-Erkrankung sei, sich im Fall eines Fiebers unbedingt selbst zu isolieren und das Haus nicht zu verlassen, sollen Malaria-Patienten bei Fieberanzeichen so rasch wie möglich in die Klinik gehen und sich behandeln lassen. Doch aufgrund von „sehr intelligenten Interventionen der Behörden in den betroffenen Ländern“, so Suzman, sei ein drastischer Anstieg von Malariaerkrankungen und -Todesfällen offenbar verhindert worden. So habe etwa Benin ein digitales Versandsystem für schützende Moskitonetze aufgebaut.

Richtig ist aber auch, dass sich die Corona-Pandemie im Jahr 2020 in den typischen Malaria-Regionen noch nicht so ausgewirkt hat wie in Südostasien, wo sich die Krise vor allem auf die Verbreitung der Tuberkulose Einfluss genommen hat. Viele Patienten konnten ihre Medikamente nicht nehmen, viele Neuinfizierte nicht diagnostiziert werden, weil sie nicht in die Kliniken gehen konnten oder wollten.

Innovation als Pandemievorsorge

Erfindungsgeist und „atemberaubende Innovationen“ – etwa die schnelle Impfstoffentwicklung – halten die Autoren des Goalkeeper-Reports daher nicht allein für den Verlauf dieser Pandemie für essentiell wichtig, sondern auch für das Erreichen der globalen Entwicklungsziele. Allerdings seien dafür „jahrzehntelange Investitionen in Forschung und Entwicklung, globale Zusammenarbeit und Engagement“ nötig.

Um eine wirklich gerechte Erholung von der Pandemie möglich zu machen, fordern sie daher „langfristige Investitionen in Gesundheit und Wirtschaft“. Nur so sei die Welt in der Lage, sich von der Pandemie und ihren Folgen zu erholen und die 18 Entwicklungsziele wieder anzugehen, die sie sich gesteckt hat. „Wenn wir auf dem Besten aufbauen, was wir in den vergangenen 18 Monaten gesehen haben, dann können wir die Pandemie endlich hinter uns lassen und wieder die Bemühungen beschleunigen, so Grundlegendes anzugehen wie Gesundheit, Hunger und Klimawandel.“

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