Der erste deutsche Völkermord

Genozid in Afrika Ermordet, präpariert und erforscht

„Wir konnten feststellen, dass es sich bei allen um Opfer des Krieges handelt. Vier Frauen, 16 Männer – darunter ein Kind.“ Elf von ihnen waren Nama, neun Herero, das konnten die Forscher an den abgeschliffenen Zähnen feststellen. 18 der Toten seien im Konzentrationslager der Haifischinsel Lüderitz umgekommen. Drei von ihnen hatten unter dem im Lager verbreiteten Skorbut gelitten. In Berlin nahm sie Privatdozent Paul Barthels in Empfang. Mit zwei Doktorandinnen untersuchte er die Gesichtsmuskulatur der abgetrennten Köpfe.

Aber nicht nur Wissenschaftler, auch Abenteurer, Kaufleute und Militärs bestückten über Jahrzehnte die Universitätsarchive und private Sammlungen mit Gebeinen und Präparaten. Noch heute lagern tausende in den Depots und Sammlungen von deutschen Museen, Universitäten und Kliniken in Freiburg, Bremen, Göttingen und Berlin.

Der Anthropologe und Rassenhygieniker Eugen Fischer war persönlich für die Freiburger Alexander-Ecker-Schädelsammlung zuständig, die bis auf das Jahr 1810 zurückgeht. Später zählte er zu den führenden Rassenhygienikern des Nationalsozialismus. Aus Namibia hatte er sich zahlreiche Schädel und Weichteile schicken lassen und 1908 selbst in Namibia die Gräber von Topnaar-Nama geöffnet und deren Leichname entwendet.

Mediziner und Forscher haben auch in der Kolonie Versuche gemacht „und mit Methoden an Menschen gearbeitet, die in Europa aus ethischen Gründen auch in dieser Zeit nicht denkbar gewesen wären“, sagt Zeller. Der Irrglaube, andere Völker zivilisieren zu müssen und gleichzeitig das Überleben als „überlegene Rasse“ zu sichern, habe den Kolonialismus und seine Forschung wissenschaftlich gerechtfertigt, sagt Zeller. Die Kolonie als Laboratorium sei ein großes Kapitel in der Aufarbeitung deutscher Geschichte.

Viele Historiker sprechen heute im Kontext des Krieges gegen die Herero und Nama als vom ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Die Rückführung der Schädel bedeute einen ersten Schritt in der Wiederherstellung der Würde ihrer Vorfahren, sagte Utjiua Muinjangue, Vorsitzende des Herero-Komitees. „Was noch immer fehlt, ist eine offizielle Entschuldigung der deutschen Regierung.“ Opferverbände forderten in Berlin offene Verhandlungen über Wiedergutmachungen, die bisher an ihnen vorbeigegangen seien.

Die Schädel aus der Charité sollen am Montag in ihre Heimat überführt werden. Begraben könne man sie nach namibischer Tradition nicht, weil die Körper nicht vollständig seien, sagt Ida Hoffmann, Vorsitzende des Nama-Komitees. Als Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte sollen sie ausgestellt werden.

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