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Es braucht eine wache Erinnerungskultur - nicht nur am Holocaustgedenktag, sondern 365 Tage im Jahr. Foto: Jörg Carstensen / dpa
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Gegen das Vergessen Das Erinnern an den Holocaust ist eine zivilisatorische Aufgabe

Die Gedenkkultur darf nicht in elitären Routinen erstarren. In Zeiten, da der Antisemitismus zunimmt, sind wir alle als Erinnernde gefordert. Ein Kommentar.

76 Jahre ist es her, dass die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreite. Nicht mehr lange, dann werden auch die letzten Zeugen des Zivilisationsbruchs verstummen. Je weiter sich der Holocaust historisch entfernt, desto mehr sind wir alle als Erinnernde gefragt – nicht nur am 27. Januar.

Das Gedenken steht vor großen Herausforderungen. Da ist zum einen die zeitliche Distanz. Auch wenn die Nazizeit in den Erzählungen vieler Familien in Deutschland nach wie vor präsent ist, wird die Shoah besonders für die jüngeren Generationen zunehmend „normale Geschichte“. Wenn vier von zehn Schülern mit dem Begriff Auschwitz nichts anfangen können, wie eine Studie der Körber-Stiftung von 2017 ergab, haben Lehrkräfte und Eltern pädagogisch versagt.

Die Shoah muss als etwas erinnert werden, das jede und jeden für immer betrifft. Als „Schwarzes Loch“ und negativer Referenzpunkt der menschlichen Zivilisation. Hierfür braucht es eine lebendige Erinnerungskultur. Zwei, drei Mal im Jahr ein paar mahnende Reden und hübsche Blumenkränze reichen nicht aus.

[Lesen Sie hier, was autobiographische Literatur leisten kann, wenn die Zeitzeugen nicht mehr berichten können.]

Das Gedenken demokratisieren

Wir müssen dafür sorgen, dass das Holocaust-Gedenken nicht in elitären Routinen erstarrt. So wichtig die gewachsenen Rituale sein mögen – die nicht selbstverständlich sind und gegen starke Widerstände erkämpft werden mussten – , braucht es zugleich erinnerungskulturelle Innovationen, die der gesellschaftlichen Vielfalt und den zeitlichen Umbrüchen Rechnung tragen. Wir sollten das Gedenken demokratisieren und zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe machen.

So gilt es zum Beispiel mehr auf digitale Instrumente zu setzen, um auch jene zu erreichen, die sich von den klassischen Gedenkstättenformaten nicht angesprochen fühlen. Zudem sollten die antisemitismuskritische und historisch-politische Bildungsarbeit breiter in den Schulunterricht integriert werden.

Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation. Das Lager Auschwitz im Januar 1945, unmittelbar nach der Befreiung durch die Rote Armee. Foto: AFP Vergrößern
Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation. Das Lager Auschwitz im Januar 1945, unmittelbar nach der Befreiung durch die Rote Armee. © AFP

Die Begegnung mit Holocaustüberlebenden hat sich im Schulkontext als äußerst wirkungsvoll erwiesen, um Anteilnahme und Mitgefühl zu wecken. Wenn dies nicht mehr möglich ist, könnten Pädagog*innen vermehrt jüngere Jüdinnen und Juden in den Unterricht einladen, die vom Schicksal ihrer Familien, eigenen Diskriminierungserfahrungen und ihrem Jüdischsein berichten.

Primo Levi gegen das Vergessen

Nicht zuletzt kann die Holocaustliteratur, die einen Einblick in die Lebenswelt der Opfer vermittelt, als verpflichtende Schullektüre zumindest einen Teil der Zeitzeugenschaft kompensieren. Wer einmal Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ gelesen hat, weiß, dass man Auschwitz für alle Zeit erinnern muss. Hier fühlen sich oft auch jene angesprochen, deren Vorfahren weder Täter noch Opfer waren.

Denn natürlich müssen wir auch diskutieren, wie wir das Gedenken in einer Einwanderungsgesellschaft gestalten können, in der Menschen mit unterschiedlichsten Familienhintergründen leben. Aufgrund der Tatsache, dass ihre Vorfahren in der Regel Mörder, Nutznießer, Mitläufer oder Zuschauer waren, tragen Deutsche ohne Migrationshintergrund hier immer besondere Verantwortung.

Erinnerungspolitischer Weltmeister?

Dennoch gilt es, auch Menschen ohne familiäre Verbindungen oder direkte Betroffenheit in die Gedenkkultur miteinzubeziehen – zu vermitteln, dass die Hölle der Lager zu erinnern, eine zivilisatorische Aufgabe ist. Dabei hilft vor allem der Gegenwartsbezug, der Verweis auf aktuelle Entmenschlichungen und Ausgrenzung; Erfahrungen von Diskriminierung zu vergleichen, ohne dabei irgendetwas gleichsetzen zu wollen.

Die deutsche Selbsterzählung, erinnerungspolitischer Weltmeister zu sein, sollte kritisch hinterfragt werden. Wie zuletzt der Autor Max Czollek gezeigt hat, legen sich Teile der deutschen Gesellschaft ihre vermeintlich vorbildliche Vergangenheitsbewältigung als Zeugnis moralischer Fortschrittlichkeit aus.

Antisemitische Gewalt. Die durch Beschuss beschädigte Tür der Synagoge Halle nach dem Anschlag vom 9. Oktober 2019. Foto: Jan Woitas / dpa Vergrößern
Antisemitische Gewalt. Die durch Beschuss beschädigte Tür der Synagoge Halle nach dem Anschlag vom 9. Oktober 2019. © Jan Woitas / dpa

Anstatt uns auf der Bühne des „Erinnerungstheaters“ am Ritus kollektiver Läuterung zu laben, sollten wir lieber auf rassistische und antisemitische Kontinuitäten achtgeben, den Ungeist bekämpfen, wo er sich regt. Die Attentate von Halle und Hanau haben sich nicht aus Zufall ereignet.

Antisemitischer Verschwörungswahn

Der antisemitische Verschwörungswahn, der dem Holocaust den ideellen Boden bereitet hat, ist niemals aus Deutschland verschwunden. Er hat sich eine Weile camoufliert, inzwischen zeigt er offen seine hässliche Fratze. Antisemtische Ressentiments werden in Deutschland und anderen europäischen Ländern so freimütig artikuliert wie lange nicht.

Rechtsextreme sind zum festen Bestandteil zahlreicher deutscher Parlamente avanciert. Nicht wenige Jüdinnen und Juden in Europa sitzen auf gepackten Koffern. Die Losung, dass es kein Vergessen geben darf, gilt nicht nur heute, am Holocaustgedenktag, sondern 365 Tage im Jahr.

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